Kultur
05.12.2011

ORF: Kabalen, Killer und ein Job bei Kusej

In dem neuen ORF / ZDF-Vierteiler "Wilde Wellen" spielt eigentlich die Bretagne die Hauptrolle - menschliche Hauptrollen und Erzählstränge gibt es natürlich auch.

Der Hauptdarsteller ist eigentlich die Bretagne: Zerklüftete Steilküsten, ein tosendes Meer - eiskalte Gegenspieler. Was lag näher, als den neuen ZDF / ORF-Vierteiler "Wilde Wellen" zu nennen?

Der eigentliche Hauptdarsteller ist Johannes Zirner. Er spielt den Wissenschaftler Paul Racine, der ins Land von Asterix und Obelix aufbricht, um die geheimnisvollen Menhire (also Hinkelsteine) zu erforschen. Und die eigene Vergangenheit. Und der plötzlich zwischen zwei Frauen steht.

"Man steht doch immer zwischen zwei Frauen, ich sogar zwischen drei", lacht der Schauspieler und meint seine Ehefrau und die beiden Töchter. Zur Rolle erklärt er: " Paul hat erfahren, dass er ein Adoptivkind ist. Nun macht er sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Da kommt ihm der Forschungsauftrag von der Universität Brest gerade recht."

Recherchen in der Familienvergangenheit sind für den Sohn von August Zirner auch privat ein Thema: "Meine jüdischen Urgroßeltern wurden von den Nazis in Wien enteignet. Meine Großmutter wollte über all das nicht mehr reden; mir fehlt da ein Stück eigene Geschichte. Auch deshalb hat mich die Figur des Paul interessiert."

"Mix aus Krimi und Romanze"

In "Wilde Wellen" ist seine Geschichte aber nur eine von vielen. Es geht auch um eine angeschossene Pariser Polizistin und ihr schwieriges Verhältnis zum Vater, einem Ex-Kapitän. Um die intrigante zweite Frau eines reichen Fischfabrikanten. Um das Geheimnis, das die beiden Männer verbindet - ein Schiffsunglück, das ewig zurückliegt. Es gibt einen Schäfer, eine Druidin, etliche Tote.

"Ja", sagt Zirner, "das sind schon wahnsinnig viele Erzählstränge. Aber wir haben ja insgesamt sechs Stunden Zeit, um alles aufzulösen."

Einen "Mix aus Krimi und Romanze" nennt er das TV-Abenteuer, und einen "Ensemblefilm", bei dem er mit Hanns Zischler, Ulrich Pleitgen und Joseph Lorenz vor der Kamera stehen konnte. Und mit Frankreichs Kinoheld Féodor Atkine, dem "Schäfer", der schon mit Woody Allen und Oliver Stone drehte.

Im malerischen Städtchen Sainte-Marine, wo zuletzt Juliette Binoche filmte, nahm man "les allemands", die Deutschen, herzlich auf. "Wir waren Teil der Gemeinschaft", so Zirner, der nun zu einem neuen Team stößt. Intendant Martin Kušej holte ihn ans Bayerische Staatsschauspiel nach München.

Zirner: "Meine erste Premiere ist am 18. Oktober: ,Die Götter weinen' von Dennis Kelly." Vater August eröffnet mit der Kušej-Inszenierung von Schnitzlers "Das weite Land."

"Wilde Wellen" - Vorausgesehen

Dass Produzent Ronald Mühlfellner auch für Inga Lindström und Lilly Schönauer zuständig ist, sieht man diesem Romantikkrimi in vier Teilen am Nasenspitzl an. Da kann Zuschauen je nach Gemütszustand in der einen wie der anderen Bedeutung des Wortes zur "Passion" werden. Und trotz der Geheimniskrämerei der Drehbuchautorin ahnen erfahrene Bildschirm-Kriminologen am Ende von Teil zwei zumindest teilweise, was Sache ist.
Was die Saga sehenswert macht, ist das hervorragende Darstellerteam, das mit den Lebens- und anderen Lügen der Figuren hadert, die allesamt so sind, wie bretonische Austern: rau, verschlossen, mit batzweichem Innenleben. Alleine der Infight der alten TV-Haudegen Hanns Zischler und Ulrich Pleitgen ist das Einschalten wert.

KURIER-Wertung: **** von *****

INFO: Wilde Wellen, 24. August, 20.15, ORF 2 D, 2010. Von Ulli Baumann; mit Johannes Zirner, Hanns Zischler, Ulrich Pleitgen, Eleonore Weisgerber, Angela Roy, Manuel Witting, Joseph Lorenz, Féodor Atkine.