Kultur
30.01.2012

ORF: "Ein Balanceakt am sozialen Abgrund"

Sonja Watzka und Christian Brüser, freie Mitarbeiter bei Ö1, erzählen von ihrem Arbeitsalltag - Überlastung, Frustration und Existenzangst".

Die letzte Preisverleihung ist bei Christian Brüser erst zwölf Wochen her. Der 47-Jährige ist für sein Radio-Feature "Landgrabbing" mit dem "Leopold-Ungar-Preis" geehrt worden. Eine Wertschätzung, die dem zweifachen Familienvater auf seinen ORF-Honorarnoten nicht widerfährt.

"Für eine klassische halbstündige Reportage (etwa für Journal Panorama) bekommt man als Autor 767 Euro brutto“, erzählt er, "abzüglich Steuer und Sozialversicherung bleiben da 500 Euro für zwei, eher drei Wochen Arbeit." Dazu kommt: Als freier Mitarbeiter kriegt Brüser gar nichts, wenn er urlaubt, krank ist oder einmal eine Recherche im Nichts endet. Ohne den deutschen Radiomarkt (wo das Doppelte bis Dreifache für vergleichbare Beiträge gezahlt wird) und andere Aufträge, etwa das Verfassen von Hör-Biographien ( lebenhoeren.at ), käme er nicht über die Runden.

Seine Kollegin Sonja Watzka war bis 2008 eine der Stimmen bei Ö3 und arbeitet seither als freie Mitarbeiterin bei Ö1, unter anderem als Moderatorin der Frühsendung. "Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt, was für tolle Sachen hier entstehen," sagt sie, "aber das Honorar ist so niedrig, dass ich nach dem Lesen meines ersten Gehaltszettels fassungslos war." Für einen Dienst von 4.30 Uhr bis 11.30 Uhr inklusive rund drei Stunden Vorbereitungszeit am Vortag bekommt sie 170 Euro brutto. "Die Anzahl der Dienste pro Monat ist völlig ungewiss, und das frühe Aufstehen geht an die Substanz und belastet das Familienleben."

Teufelskreis

Die beiden Radio-Journalisten stehen stellvertretend für rund 140 freie Mitarbeiter bei Ö1 und FM4, die im Windschatten der Pelinka-Affäre auf ihre Situation aufmerksam machen. "Der hochgelobte Journalismus basiert auf prekären Beschäftigungsverhältnissen", heißt es etwa in einem Protestschreiben. Und das steht einem öffentlich-rechtlichen Sender nicht gut zu Gesicht, schon gar nicht, wenn gerade das Qualitätsprogramm derart schlecht honoriert wird.

"Ich habe das Gefühl, hier wirklich hochwertige Arbeit zu leisten", sagt Sonja Watzka, gleichzeitig fällt es ihr schwer, den Teufelskreis aus Überlastung, Frustration und Existenzangst weiter so hinzunehmen. "Wenn man nicht regelmäßig Aufträge hat, fällt man sofort aus der Krankenversicherung."

Auch Christian Brüser ist stolz, für Ö1 arbeiten zu können, "eines der besten Medienprodukte im deutschsprachigen Raum", wie er sagt. "Aber es glaubt einem ja niemand, wenn man erzählt, wie wenig man verdient. Das ist ein echter Balanceakt am sozialen Abgrund."

Hörtipp

Sonja Watzka gibt es frühmorgens zwischen 5 Uhr und 8 Uhr auf Ö1 zu hören. Christian Brüsers preisgekröntes Feature "Landgrabbing" war Samstag in den Hörbildern und findet sich jetzt noch auf der Ö1-Homepage zum Nachhören (Link: "7 Tage Ö1"). Sein nächstes Hörbild "Pakistanischer Märtyrer" ist am 25.2. auf Ö1 zu hören.

Ein "rechtlich mehr als fragwürdiger" Rahmen

"Ich will wirklich helfen", versichert ORF-Radiodirektor Karl Amon. Am Freitag wird er mit Vertretern der freien Mitarbeiter über eine Verbesserung der Situation diskutieren. Sein Vorschlag: eine Pauschale, die "über dem jetzigen Niveau liegt, und an eine bestimmte Leistung geknüpft ist." Darüber hinausgehende Leistungen sollen durch zusätzliche Honorare abgegolten werden. Schon seit Monaten wird über einen neuen Honorarkatalog für freie Mitarbeiter verhandelt. Der ORF-Zentralbetriebsrat "unterstützt die Forderungen der freien Mitarbeiter zu 100 Prozent", sagt dessen Vorsitzender Gerhard Moser. Er sei "aber auch der Meinung, dass einige dieser freien Mitarbeiter anzustellen sind, weil sie realiter keine freien Mitarbeiter sind sondern prekär Beschäftigte und verdeckte Angestellte. Der ORF bewegt sich hier seit geraumer Zeit in einem rechtlich mehr als fragwürdigen Rahmen." Von Radiodirektor Amon kommt zum Thema Anstellungen ein klares Nein: "Das wird technisch nicht möglich sein." In den nächsten Tagen erscheint ein Handbuch für freie ORF-Mitarbeiter. Anna Gasteiger, Barbara Mader