Kultur 31.01.2012

ORF: Die neue TV-Chefin über ihre Pläne

TV-Direktorin Kathrin Zechner plant eine "Programmreform-Kette" ab Herbst, will ORFeins stärken und denkt über eine Daily Soap nach.

Seit Anfang Jänner ist Kathrin Zechner neue ORF-Fernsehdirektorin, am Dienstag stellte sie sich in dieser Funktion erstmals der breiten Öffentlichkeit. Und jede Menge Journalisten waren ins ORF-Zentrum gekommen, um sie nach ihren Plänen zu befragen. Kommt eine Daily Soap, verschwindet „Chili“? Und wer ist jetzt genau für die Informationsagenden zuständig?

Amtsantritt

Zechner antwortet geduldig. Nur ein Wort – einen Namen – will sie nicht hören: Niko Pelinka. Dabei haben ihr die Turbulenzen rund um dessen Doch-nicht-Bestellung zum Büroleiter von ORF-Generaldirektor Wrabetz einen ruhigen Amtsantritt verschafft. In den letzten Wochen hat sie die Kitzbühel-Berichterstattung um eine Sonderfolge der Chartshow „Österreich wählt“ erweitert. Sie hat dafür gesorgt, dass in allen Magazinen und aktuellen Sendungen Hintergrundberichte zu großen Themen wie Costa Concordia vorkommen. Sie ist stolz auf erfolgreich ausgestrahlte Themenpakete aus Spielfilm und Dokumentation, die sie für „einen Triple-A-Ausweis des ORF “ hält. Das Fernseh-Machen sei „eine Mischung aus Mut, Handwerk und Knochenarbeit“, sagt Zechner.

 

Was dabei herausschauen soll – ein Überblick:

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© Bild: grafik

Der Fahrplan Bis Ostern wird evaluiert, im Frühsommer beginnt die Testphase für diverse Formate. Und im Herbst startet das, was Zechner vorsichtig die „Programmreform-Kette“ nennt – die Änderungen werden „step by step“ eingeführt (siehe Grafik) .

Quoten Das schwächelnde ORFeins – 2011 lag der Sender bei 13,8 Prozent – soll stabilisiert werden. „Das Ziel ist, den jetzigen Marktanteil stabil zu halten, den Sender mit Eigenproduktionen anzureichern und den Marktanteil auf längere Sicht zu erhöhen.“

Die beiden ORF-TV-Sender Zechner möchte ORFeins als „den junge, urbanen Sender“ positionieren. ORF 2 sieht sie als Heimatsender mit hohem Informationsanteil und „Fenster zur Welt“.

Ihre Funktion als Informationsverantwortliche Das herumgeisternde Gerücht, wonach ORF -General Wrabetz die Informationsagenden als Chef- , also seine Sache betrachtet, sei „ein Irrgeist“, sagt Zechner. „Ich habe mich für den gesamten Bereich beworben und bin auch für alles zuständig.“

Daily Soap Zwei, drei Produzenten arbeiten schon an einem Konzept. Zwei wichtige Entscheidungen stehen aber noch aus: 1. Ist der Stoff tauglich? 2. Kann der ORF sich das leisten?

Diskussionssendungen Zechner plädiert dafür, die Gäste-Recherche zu stärken. Um personelle Schwächen des ORF auszugleichen, will sie junge Universitäts- oder FH-Studenten zwecks Recherche durchs Land schicken. „In einem kleinen Land wie Österreich muss man kreativ sein.“

Channel Manager Sollen ORFeins und ORF 2 eigene Chefs bekommen? Zechner will sich noch nicht festlegen. „Ich möchte mir zuerst ein Bild machen. Wenn es sich zeigt, dass Strukturreformen sinnvoll sind, werde ich mich diesem Thema wieder widmen.“

Privatsender Die privaten Mitbewerber sieht Kathrin Zechner „nicht als Feind, sondern als Komplementärfarben“. In den Weihnachtsferien habe sie einen ganzen Tag lang RTL , einen Tag lang ProSieben und einen Tag Sat.1 geschaut. „Da wird einem sehr klar, wogegen man antritt.“

„Chili“ Über einzelne Sendungen und Sendungsmacher wolle sie sich nicht äußern, sagt Zechner. „Ich diskutiere alles mit meinen Leuten, und bevor wir nicht einer Meinung sind, äußere ich mich nicht.“ Nicht nur der Vertrag mit Dominic Heinzl läuft demnächst aus, auch viele andere Verträge – von Sport über Unterhaltung bis hin zum Kinderprogramm – gelte es neu zu verhandeln.

Internationale Formate Der ORF hat viele internationale Formate wie „Dancing Stars“ oder die „Millionenshow“ im Programm – und solche, die internationalen Formaten nachempfunden sind (etwa „Die große Chance“). Zechner findet es „nicht anrüchig“, sich international umzuschauen, hält aber den Mix aus Gekauftem und Selbstentwickeltem für das Beste.

Frühstücks-TV Vorläufig nicht spruchreif, weil nicht finanzierbar. Wenn Frühstücksfernsehen, dann „eine qualitativ wertvolle Infostrecke“, sagt Zechner. Von „Kaffeeklatsch in irgendeinem Studio“ halte sie wenig.

(Anna Gasteiger)

Zur Person: Powerfrau, Ideenkraftwerk und zweifache Mutter

Zechner über Erfolg: „Ein Drittel bleibt Instinkt, Intuition, Mut“
© Bild: Kurier

Die Erwartungen an Kathrin Zechner sind enorm: Die Magistra der Rechtswissenschaften soll den schwankenden Tanker ORF stabilisieren und auf Erfolgskurs bringen. „Der ORF hat viele – kreative und programmliche – Probleme. Diese zu lösen wird ein hartes Stück Arbeit. Aber wenn es jemand schaffen kann, dann Kathrin“, sagte etwa RTL -Group-Chef Gerhard Zeiler in einem seiner raren Kommentare zum ORF dem KURIER. Er war ihr Chef bei Tele 5 und dann beim ORF, wo die damalige Endemol-Managerin mit nur 31 Jahren Programm-Intendantin wurde.

Die heute 48-Jährige hat sich dort den Beinamen „Madame 100.000 Volt“ und Attribute wie „Powerfrau“ erarbeitet. Die zweifache Mutter steht für unbändigen Arbeitswillen, Ideen zu jeder Tages- und Nachtzeit sowie große Kommunikationsfreude. So hat man sie in ihrer ersten ORF -Zeit erlebt – ab 1994 zunächst unter Zeiler, dann bis 2002 unter Gerhard Weis. So soll es jetzt wieder sein.

Nicht alles ist damals gelungen, aber Angst vor Flops kannte sie nie.Und so hat sich viel getan: In der nur kurz durch die Geburt ihres Sohnes Stani unterbrochenen ORF -Amtszeit wurden die erfolgreichsten TV-Serien des deutschsprachigen Raumes produziert: „Kommissar Rex“ und „Schlosshotel Orth“. Manches hat sich bis heute gehalten: „Die Barbara Karlich Show“, die „Millionenshow“ oder „Soko Kitzbühel“ starteten noch unter Zechner im ORF.

(Christoph Silber)

 

( Kurier ) Erstellt am 31.01.2012