Letzte Inszenierung von Kasper Holten als Londoner Opernchef

© /Clive Barda

Toppremiere
03/13/2017

Oper in London: Kinder schafft Neues!!

Premiere von Richard Wagners "Die Meistersinger": Großer Erfolg für das Royal Opera House.

Im zweiten Aufzug der Oper "Die Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner steht diesmal auf der Bühne des Royal Opera House Covent Garden (ROH) eine mit Kreide hingekritzelte Aufforderung: Kinder schafft Neues!! Mit zwei Rufzeichen (dafür nur mit einem "f", macht aber nix). Die Botschaft von Kasper Holten, der sich als Operndirektor des ROH zurückzieht, ist bei seiner letzten Londoner Produktion als Regisseur klar: Schauen wir in diesem Genre, das so schnell Staub ansetzt, immer wieder nach vorne, interpretieren wir die Meisterwerke neu, versuchen wir aber auch, neue Meisterwerke zu schaffen.

Offiziell verlässt Holten das ROH aus familiären Gründen, inoffiziell heißt es, dass er sich mit seinem radikalen Kurs (acht Neukompositionen innerhalb von fünf Jahren) nicht nur Freunde machte. Seine letzte Inszenierung in London (im Sommer wird er bei in Bregenz bei "Carmen" Regie führen) ist jedenfalls ein großer Erfolg.

Herrenclub

Holten zeigt die Meistersinger als Mitglieder eines elitären Herrenclubs, die aufgrund ihrer versnobten und altmodischen Haltung wie Karikaturen ihrer einstigen Werte wirken. Sie tragen lächerliche Kostüme und verscherbeln die Frauen (wie Pogner seine Tochter Eva). In der Johannisnacht, in der es zur großen Prügelszene kommt, zerbricht die Fassade, das Rad der Zeit setzt sich auf der Drehbühne in Bewegung, die Konventionen werden weggeblasen. Es entsteht ein wilder, diabolischer Tanz, mit dem Nachtwächter als Satyr, eine Walpurgisnacht wie eine Hommage an die Gemälde von Hieronymus Bosch. Selten erlebt man in der Oper derart spektakuläre Momente. Ein optisch fades Genre, wie man es oft wahrnimmt? Mitnichten.

Der dritte Aufzug spielt im Theater und Backstage – nur noch dort passen solche Meistersinger-Clowns hin. Beim Finale setzt Holten zwei weitere kluge Statements. Ein politisches: Beckmesser liegt im Unterleiberl zitternd am Boden, man denkt an die schlimmsten nationalistischen Auswüchse der Menschheitsgeschichte, an die KZ, ohne dass der Regisseur zu explizit wird. Und ein feministisches: Eva ist sofort angewidert von ihrem Stolzing, weil dieser, sobald er in den Männerclub aufgenommen wird, die Statussymbole vor sich herträgt.

Diese ästhetisch anspruchsvolle Inszenierung ist auch dank der fabelhaften Personenführung ein Musterbeispiel für gelungene Erneuerung, innovativ und respektvoll. Das funktioniert jedoch nur, wenn auch die musikalischen Parameter passen. Das ist nun in London exemplarisch der Fall. Sir Antonio Pappano am Pult des ROH-Orchesters begeistert mit einer sensiblen, lyrischen, fein strukturierten, klangvollendeten Lesart.

Undeutsch

Seine "Meistersinger" wirken nie übergewichtig, nie vordergründig, hier denkt musikalisch bestimmt kaum jemand an Reichsparteitage, die von 1935 bis ’38 mit dieser Oper eröffnet wurden. Pappanos "Meistersinger" sind durch und durch undeutsch – und das ist wunderbar so.

Die Besetzung wird vom großen walisischen Gestalter Bryn Terfel als Hans Sachs angeführt – er hatte diese Rolle 2010 in Cardiff gesungen und ist nun erstmals damit an einem der Tophäuser zu erleben. Seine Bühnenpräsenz als milder, weiser Schuster-Poet ist enorm, seine Gestaltungskraft einzigartig. Natürlich hat sich sein edler Bass-Bariton in den vergangenen Jahren verändert, aber Terfel singt den Flieder- und den Wahn-Monolog traumhaft schön, hält bis zum Ende kraftvoll durch und ist auf der Bühne in jeder Hinsicht das Zentrum.

Gwyn Hughes Jones verfügt über alle Spitzentöne für den Walther von Stolzing, sein klarer, präziser Tenor ist jedoch etwas eindimensional und nicht sehr farbenreich. An Jonas Kaufmann (zuletzt in München) oder einst Johan Botha darf man sich nicht erinnern. Gwyn Hughes Jones schlägt sich aber, auch beim Preislied, äußerst tapfer.

Allan Clayton ist ein sängerisch wie darstellerisch fabelhafter David, Stephen Milling ein Veit Pogner mit profunder Tiefe und leichten Problemen in der Höhe. Sebastian Holecek als Fritz Kothner singt mächtig, was er bei Pappanos zartem Dirigat nicht immer müsste. Rachel Willis-Sørensen ist mit ihrem schneidenden Sopran nicht ideal für die Eva. Hanna Hipp als Magdalene singt ebenso gut wie die restlichen Meistersinger und der Chor.

Am Ende gab es Standing Ovations und ein paar Buhs gegen die Regie. "Kinder schafft Neues" – eigentlich sollte das ja eine Selbstverständlichkeit sein.

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