Kultur 10.06.2013

Oehlen-Retrospektive im Wiener mumok

© Bild: © Albert Oehlen

Die für Wien überfällige Retrospektive des Malers Albert Oehlen zeigt ein vielseitiges Werk.

Er hatte immer wieder eine Wohnung in Wien, pflegte gute Kontakte zu Künstlerkollegen in Österreich. Doch in der hiesigen Museumsszene hat sich das Werk von Albert Oehlen, einem der wichtigsten deutschen Maler seit den 1980er-Jahren, kaum festgesetzt. Bis jetzt.

Das Wiener mumok richtet dem 1954 geborenen Künstler bis 20. Oktober seine bisher größte Werkschau aus. Es ist eine vortreffliche Gelegenheit, sich über den aktuellen Status quo der Malerei ins Bild zu setzen und deren jüngere Entwicklung mit frischem Blick zu betrachten.

Zementierte Positionen

Noch immer ist heute die Versuchung ist groß, Malerei von einer jener großen Inseln aus zu betrachten, die sich im Zeitraum der 1980er abgelagert haben: Sitzen auf einem Eiland diejenigen, die gern den Tod der Malerei verkünden, so haben es sich auf dem anderen die Malerfürsten, die nicht mehr ganz „jungen Wilden“ und ihre Bewunderer bequem gemacht. Auch das Sammlerpaar Essl, das bisher den wohl sichtbarsten Oehlen-Bestand in Österreich zeigte, ist klar den Malereifans zuzuordnen.

Im mumok allerdings wird klar, dass Oehlen stets wie ein Pirat zwischen allen Inseln umherzog: Ohne je an der Malerei an sich zu zweifeln, persiflierte er das großkünstlerische Gehabe seiner Zeitgenossen, ließ deren expressive Pinsel-Gesten bewusst entgleisen und auf Motive aus den trivialsten und kitschigsten Ecken der kommerziellen Bildwelt krachen.

Gemälde sind bei Oehlen in vielerlei Hinsicht Spielfelder: Hier treten verschiedene Bildverständnisse,Traditionen und handwerkliche Praktiken an, raufen sich zusammen – oder bleiben aber in einer produktiven Disharmonie ineinander verkeilt.

Die Vielfalt von Oehlens Schaffen, die das mumok auf drei Stockwerken ausbreitet, hilft, den Blick für dieses Spiel zu schärfen. Aufschlussreich sind dabei die frühen Werke der 1980er, die Kurator Achim Hochdörfer präsentiert. Hier verhandelte Oehlen den Hype um die Neo-Expressionisten, denen er teils selbst – fälschlich – zugeordnet wurde.

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©© Albert Oehlen

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Hier röhrt der Hirsch

Der röhrende Hirsch im zugeknöpften Hemd, der am Beginn der Schau hängt, hat in der Tat nur oberflächlich etwas mit den Adlern und Krähen eines Lüpertz oder Baselitz zu tun – statt erstarktem deutschem Selbstbewusstsein trieft aus diesem Bild der Spott. Auch das „Selbstporträt mit Pferd“, 1985 entstanden, lässt sich als Mittelfinger-Geste in Richtung kleinbürgerlicher Repräsentationskunst deuten.

Kurator Hochdörfer geht nicht chronologisch vor, sondern spannt Bögen quer durch Oehlens Werk. Er zeigt seine „postungegenständlichen“ Bilder, darunter ein titelloses Werk in „Öl und Haferlocken auf Leinwand“ von 1988.Kleinformatigen Collagen (1983), in denen Oehlen Bildelemente von der Werbung bis zum Softporno verarbeitete, hängen jüngere Großformate gegenüber, bei denen der Künstler Ausschnitte von Werbeplakaten ineinander verschränkt.

Es lohnt, hier zu warten, bis die visuelle Trash-Attacke abgeklungen ist, und dann die Konturen der Ausschnitte genauer zu betrachten: wie in einem Scherenschnitt packt Oehlen Szenen in das Bild, flicht zwischen die Ausschnitte zweite, dritte Bedeutungsebenen ein.

Ineinander

In den Großformaten, die das oberste Geschoß der Schau dominieren, ist dieses Über- und Ineinander schließlich voll ausformuliert; in Werken wie „Obsession“ (großes Bild) lässt sich sehen, wie Oehlen Bildinformationen offenbart und wieder verschleiert. Da stört es beinahe, wenn in jüngsten Arbeiten das Konzept wieder vereinfacht wird und Schriftzüge wie „Dada“ (in Anspielung auf den Dadaismus) oder „Bland“ (englisch für „fad, nichtssagend“) eher plakativ übermalt werden.

Oehlen ist freilich nicht mehr der Punk, der er einst war: Der bald 60-Jährige ist im Kunst-Olymp angekommen und steht heute bei der weltweit agierenden Gagosian Gallery unter Vertrag. „Der Anarchismus ist ihm aber geblieben“, beteuert mumok-Direktorin Karola Kraus, die Oehlen seit den frühen 1980ern kennt. Es wird spannend sein zu sehen, wie sich dieser Wesenszug im Spätwerk zeigen wird: Die mumok-Schau lässt diese Frage offen.

Erstellt am 10.06.2013