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Kultur
12/05/2011

Nurrudin Farah über Literatur und Somalia

Der Schriftsteller im Interview: Literatur hat wenig mit Sprache zu tun, der Arabische Frühling lässt auf sich warten.

von Barbara Mader

An den Arabischen Frühling mag er noch nicht so recht glauben, sagt Nuruddin Farah: Es genüge nicht, nur die Köpfe auszutauschen.

Der KURIER traf den somalischen Schriftsteller beim Waldviertler Festival "Literatur im Nebel". Der heute 71-Jährige lebt seit Jahrzehnten im Exil, er wurde Ende der 1970er-Jahre in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der Großteil seines Werkes widmet sich dem Zerfall des Staates Somalia.

Die Revolutionen in den arabischen Ländern seien noch lange kein Sieg, glaubt Farah: "Es gibt wenig Hoffnung. Nehmen Sie Ägypten: Erst war da Nasser, dann Sadat, dann Mubarak. Und wer ist jetzt dort? Was hat sich geändert? Jetzt ist die Armee dran. Genau wie in Libyen. Es wird sich erst dann etwas ändern, wenn sich auch in den Köpfen der Araber etwas ändert. Ein demokratisches Volk hat eine andere Sicht der Dinge als ein Volk, das in einer Diktatur groß wurde. So ist das auch in Somalia. Die Menschen müssen sich ändern. Sie müssen damit beginnen, ihre Kinder, ihre Frauen besser zu behandeln. Erst dann gibt es eine wirkliche Revolution."

Shakespeare oder Koran

Farah, dessen Mutter eine bedeutende somalische Geschichtenerzählerin war, gehört zu den wichtigsten Autoren des modernen Afrika. Als Kind konnte der Vielsprachige, der in Indien, Europa und den USA lebte und Literatur unterrichtete, den Koran auswendig, "heute kann ich mehr Shakespeare als Koran auswendig."
Zuletzt wurde Farah als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.
Er sei ein "challenged writer", sagt Farah, ein Schriftsteller, der sich besonderen Herausforderungen zu stellen habe: Neben den künstlerischen Schwierigkeiten, mit denen jeder Schriftsteller zu kämpfen habe, müsse er über den Bürgerkrieg in seiner Heimat schreiben.

Heute sieht er sich mehr denn je gefordert: "Die Geschichte Somalias zu verfolgen, wird immer schlimmer. Auch, weil ich das Bild Somalias in der Welt ständig korrigieren muss. Journalisten in der westlichen Welt schreiben, ohne jemals dort gewesen zu sein. Somalia ist ein höchst missverstandenes Land. Das macht es immer schwieriger, darüber zu schreiben - denn man verbringt viel Zeit damit, die falschen Interpretationen anderer zu korrigieren."

Dieses "andauernde Bombardement" mit falschen Informationen dringe über internationale Nachrichtenagenturen auch zu afrikanischen Journalisten: "Sie sitzen faul vor ihren Agenturen anstatt selbst nach Somalia zu gehen."

Und Beckett?

Farah besucht Somalia heute regelmäßig. Doch wie bleibt man, wenn man 25 Jahre im Exil lebt, ein somalischer Schriftsteller?

"Ich denke immer an Somalia. Aber warum fragt man das mich? Warum hat niemand Beckett danach gefragt? Auch er hat sein Land - Irland - verlassen und in einem anderen Land - Frankreich - in einer anderen Sprache geschrieben. Und jeder gratulierte ihm, dass er auf Französisch schrieb. Niemand sagte: ,Warum gehen Sie nicht zurück in Ihr Land?' Der Grund ist, dass ihr Europäer immer glaubt, als Afrikaner bin ich ein Informant - von einem Afrikaner verlangt man eher anthropologische Information als literarische. Auch Márquez lebt nicht in Südamerika. Aber ein Afrikaner, der nicht in seinem Land lebt, das ist offenbar etwas ganz anderes."

Darüber hinaus werde Sprache per se überbewertet: "Als Schriftsteller denkst du in Bildern, nicht auf Somali oder Englisch. Schreiben hilft, die Welt zu verstehen und sie anderen verständlich zu machen. Die Sprache ist nicht wichtig."
Ist er derjenige, der der Welt hilft, Somalia zu verstehen?
"Nun, da muss ich vorher selbst einmal Somalia verstehen."

"Variations on the Theme of An African Dictatorship", "Blood in the Sun" und nun "Past Imperfect" (deren erster Teil "Links" und "Knots", deutsch "Netze", bereits erschienen sind, der dritte Teil "Crossbones" kommt 2012): Die Trilogie scheint Farahs liebstes Ausdruckmittel: Was steckt dahinter?

"Nun, ich bin ein umständlicher Mensch. Und ich versuche, die Welt von mehreren Seiten zu betrachten. Nehmen wir das Thema Diktatur: Es geht um Leben von Männern, von Frauen und von Kindern: Man muss das Thema aus all diesen Perspektiven sehen. Oder Bürgerkrieg: 1991 kamen Menschen auf die Welt. Es gibt junge Leute in Somalia, die ihr ganzes Leben im Krieg verbracht haben. Das bestimmt ihr Denken. Doch was ist mit dem Mann, der zu Beginn des Kriegs noch keine zwanzig war und hoffte, studieren zu können? Der heute keinen Abschluss hat, dessen Leben ruiniert wurde vom diesem Krieg? "

Farahs Anspruch: Menschen, deren Leben vom Krieg geprägt wurden, eine Stimme zu geben. Aber dafür muss man den Krieg in Somalia erst selbst verstehen.

Somalia: Zum Bürgerkrieg kam die Hungersnot

Eine Hungersnot unfassbaren Ausmaßes schockiert seit dem Sommer selbst krisenerprobte Helfer in Afrika. Nach zwei ausgefallenen Regenzeiten hintereinander versiegten die Quellen, das Vieh verdurstete, die Nahrungsmittel gingen zu Ende. Am schlimmsten erwies sich die Lage laut UNO im Bürgerkriegsland Somalia: Bereits ein Viertel der rund 7,5 Millionen Somalis sind auf der Flucht. In brütender Hitze von bis zu 50 Grad marschierten Tausende von ihnen durch die Wüste in Richtung des kenianischen Flüchtlingslagers Dadaab.

Die Hungersnot sei auch Ergebnis der jahrelangen Vernachlässigung des Problems der wiederkehrenden Dürren in der Region, sagt eine UNO-Sprecherin.

Dazu kommt: Am 26. Januar 1991 war der somalische Diktator Barre aus dem ostafrikanischen Land geflüchtet. In der Folge versank Somalia in blutigen Stammeskämpfen. Alle internationalen Versuche, Somalia zu befrieden, scheiterten.

Zuletzt wurde die somalische Hauptstadt Mogadischu am vergangenen Donnerstag von heftigen Kämpfen zwischen der radikalislamischen Shabaab-Miliz und Truppen der Übergangsregierung sowie der Afrikanischen Union erschüttert.

Literatur im Nebel - Am Ende wird jedes Jahr ein Baum gepflanzt

Das Literaturfest in Heidenreichstein, zwei Stunden von Wien und dem Trubel entfernt - das war 2006 ein Fest für Salman Rushdie ("Ich mag diese dunklen Wälder, wo man sich eine Hexe im Knusperhaus vorstellen kann").

Und 2007 für Amos Oz ("Erzählen ist so alt und elementar wie der menschliche Sex");
2008 für Jorge Semprun ("Das Einzige, was ich wirklich bin, ist ein ehemaliger Häftling aus Buchenwald";
2009 für Margaret Atwood, die dem KURIER damals verriet, dass ihr deutsches Lieblingswort "Fußpilz" ist;
2010 für Hans Magnus Enzensberger ("Bei mir ist Lesen ein Laster wie das Raucnen").

Nuruddin Farah war heuer also schon der sechste Ehrengast in der fast familiären Waldviertler Atmosphäre (je rund 600 Besucher am vergangenen Freitag und am Samstag). Initiatoren des sympathischen Festivals waren der frühere Unterrichtsminister Rudolf Scholten, der Heidenreichsteiner Bürgermeister Johannes Pichler und der Schriftsteller Robert Schindel. Honorar für die Ehrengäste ist immer - ein Baum, der persönlich gepflanzt wird.

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