Kultur 10.03.2013

NS-Aufarbeitung: Wiener Philharmoniker präsentieren Ergebnisse

© Bild: Wiener Philharmoniker

Historiker-Texte nun online: Philharmoniker wiesen im Nationalsozialismus "deutliche Züge einer regimenahen Reichsorganisation auf".

Die Wiener Philharmoniker veröffentlichten am Sonntag wie angekündigt die Ergebnisse der Historiker-Kommission auf ihrer Webseite Link. "Wir wissen, dass wir gemeinsam auf einem Weg sind“, erklärte Clemens Hellsberg, Vorstand der Wiener Philharmoniker, im Rahmen der Präsentation der Ergebnisse.

"Längst fällig"

Der Blick von außen sei „längst fällig“ gewesen, betonte Hellsberg. Während der Arbeit der unabhängigen Historikerkommission, bestehend aus Bernadette Mayrhofer, Fritz Trümpi und Oliver Rathkolb seien auch neue Quellen und Dokumente aufgetaucht, etwa Fakten zur zweiten Überreichung des Ehrenrings der Wiener Philharmoniker an den ehemaligen Reichsstatthalter in Wien Baldur von Schirach. 1942 erhielt dieser den Ehrenring der Wiener Philharmoniker. Etwa im Jahr 1966 – nach Schirachs Entlassung aus der Haft – habe ihm ein Emissär der Wiener Philharmoniker ein Duplikat des Ringes überbracht. Eine „Einzelaktion“, wie der Vorstand der Wiener Philharmoniker Clemens Hellsberg in „Schatten der Vergangenheit“ betonte.

Am Montag wird der Dokumentarfilm „Schatten der Vergangenheit – Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus“ auf ORF 2 (23.15) zu sehen sein. Der Historiker Wilhelm Bettelheim erzählt darin, wer dieser mysteriöse Bote war: Helmut Wobisch, kein Unbekannter im NS-Kapitel der Geschichte der Wiener Philharmoniker. Wobisch beginnt bereits als illegaler Nationalsozialist als Spitzel zu arbeiten. Später wird er Mitglied der SS. Nach dem Krieg wird er nicht nur als zweiter Trompeter wieder eingestellt, sondern auch zum Geschäftsführer der Philharmoniker gewählt.

"Schlimmste Befürchtungen bestätigt"

Für den Grünen Abgeordneten Harald Walser bestätigten sich damit die "die schlimmsten Befürchtungen". Denn dass es sich beim Überbringer um den damaligen Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker gehandelt habe, mache klar, dass die Überreichung "keine Einzelaktion, sondern eine bewusste Inszenierung des damaligen Orchester-Vorstands war", so Walser in einer Aussendung.

"Wichtige Etappe"

"Es ist immer ein Schmerz, wenn man weiß, dass man in der eigenen Familie Schlechtes getan hat. Da ist es natürlich extrem schwierig, Aufklärung voranzutreiben. Aber Fakten sind Fakten, Geschichte kann man nicht rückgängig machen. Daher ist es wichtig, dass man die Wahrheit weiß, auch wenn es Zeit braucht", erklärte Staatsoperndirektor Dominique Meyer. Er betonte zudem, dass die Aufarbeitung „nicht erst seit gestern“ laufe und dass es sich sicher nicht um den Schlusspunkt, aber um eine „wichtige Etappe“ handle.

Immer wieder wurde in der Vergangenheit auch eine Behinderung der Arbeit der Historiker kritisiert, etwa der fehlende Zugang zum Archiv des Vereins der Wiener Philharmoniker. Daher stellte der Regisseur von „Schatten der Vergangenheit“, Robert Neumüller, gleich zu Beginn klar: „Ich wurde von keiner Seite behindert. Mir stand alles offen, es gab keinerlei Einflussnahme.“ Seine Intention sei es gewesen, die Emotionen, die dieses Thema hervorrufe, „endlich dorthin zu lenken, wo sie auch hingehören: Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.“

Fast 50 Prozent bei NSDAP

Neu ist auch die ungewöhnlich hohe Anzahl der Mitglieder der NSDAP unter den Philharmonikern: Von 123 aktiven Musikern waren 60 Anwärter oder Mitglieder der nationalsozialistischen Partei und zwei Mitglieder der SS. Das ist weit mehr als in der durchschnittlichen Bevölkerung. Bereits vor dem „Anschluss“ sei etwa ein Drittel der Mitglieder des Vereins der Wiener Philharmoniker illegale Nationalsozialisten gewesen, erklärte Rathkolb. „Wir wollten nicht nur die Biografien der Vertriebenen und Ermordeten darstellen, sondern auch jene der Nationalsozialisten, die die schnelle Machtübernahme erst ermöglichten“, so Rathkolb. Immer wieder habe es auch "überraschende Grautöne" gegeben.

Die Entnazifizierung nach 1945 habe praktisch nicht stattgefunden: Nur vier Musiker wurden nach Kriegsende aufgrund ihrer Nazi-Vergangenheit gekündigt, sechs pensioniert. Auch einige geflohene Philharmoniker wurden eingeladen, zum Orchester zurückzukehren. Dieses Angebot nahm niemand an. „Ich wünsche mir, dass nach meinem Film die Geschichte mit dem Ring nicht mehr im Mittelpunkt steht“, erklärte Neumüller.

Die Arbeit werde weitergehen, betonte Rathkolb. In den nächsten Monaten werde sicher noch einiges auftauchen: „Wir werden weiter korrigieren, verfeinern und ergänzen.“

Die Ergebnisse der Historikerkommission im Wortlaut

Im Folgenden Auszüge aus den soeben online gestellten, umfangreichen Historiker-Texten zu den Wiener Philharmonikern in der NS-Zeit. "Die Verantwortung für diese Texte liegt ausschließlich bei der HistorikerInnengruppe", betont der Historiker Oliver Rathkolb.

Einleitender Text: "1938 griff auf brutalste Weise die Politik ins philharmonische Geschehen ein: Die Nationalsozialisten entließen fristlos alle jüdischen Künstler aus dem Dienst der Staatsoper und lösten den Verein Wiener Philharmoniker auf. Lediglich die Intervention Wilhelm Furtwänglers und anderer Personen bewirkte die Annullierung des Auflösungsbescheides und retteten bis auf zwei die "Halbjuden" und "Versippten" vor Entlassung aus dem Staatsopernorchester. Fünf Orchester-Kollegen verstarben trotz Intervention des neuen NS-Vorstandes, der sie vor der Deportation retten wollte, an den Folgen der KZ-Haft oder wurden ermordet. Weitere zwei Musiker kamen in Wien als direkte Folge von versuchter Deportation oder Verfolgung ums Leben. Insgesamt neun Kollegen wurden ins Exil vertrieben.

Die 11 verbliebenen Orchestermitglieder, die mit Jüdinnen verheiratet waren oder als „Halbjuden" stigmatisiert wurden, lebten unter der ständigen Bedrohung des Widerrufs dieser „Sondergenehmigung".

Doch auch im Orchester selbst gab es bereits eine im Rahmen der Nationalsozialistischen Betriebsorganisation Staatsoper (NSBO) sehr aktive „illegale" Zelle, sodass bereits vor 1938 während des Verbots der NSDAP der Anteil der NSDAP-Mitglieder rund 20 Prozent betrug. 1942 waren 60 von 123 aktiven Musikern Mitglieder der NSDAP geworden."

Der Historiker Fritz Trümpi beschäftigt sich mit dem "Politisierungsprozess der Wiener Philharmoniker vom Ersten Weltkrieg bis 1945":

"Nachdem kurzzeitig unklar war, ob der Verein der Wiener Philharmoniker aufgelöst und das Orchester in die Verwaltung der Staatstheater übergehen sollte, entschied sich der Stillhaltekommissar in Übereinstimmung mit Propagandaminister Goebbels schließlich gegen eine Auflösung. Der Verein blieb weiterhin bestehen, hatte aber einschneidende Satzungsänderungen vorzunehmen: Wichtige Personalentscheide unterlagen nun der Zustimmung zunächst des Reichspropagandaministeriums und später dem Wiener Reichsstatthalter. Außerdem musste statuarisch ein „Arier-„ und ein „Führerprinzip“ festgelegt werden.

In den Verhandlungen mit der „Dienststelle Stillhaltekommissar für Vereine, Organisationen und Verbände“ zeigte sich die Orchesterleitung äußerst kooperativ. Außerdem nahm diese 1940 kurzzeitig ein Funktionär des Wiener Reichspropagandaamtes ins Vorstandsgremium des Orchesters auf. Auch auf institutioneller Ebene zeigt sich darum eine mehrfache Stärkung der Bezüge zu staats- und parteipolitischen Instanzen. Trotz ihres Vereinsstatus wiesen die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus deutliche Züge einer regimenahen Reichsorganisation auf."

Bernadette Mayrhofer verfasste zu den im Nationalsozialismus vertriebenen und aufgrund der Verfolgung ums Leben gekommenen oder ermordeten Mitgliedern des Staatsopernorchesters und des Vereins Wiener Philharmoniker biografische Porträts. In der Einleitung dazu heißt es:

"Aus dem Philharmonischen Verband bzw. aus dem Orchester der Staatsoper wurden 1938 dreizehn aktive Musiker vertrieben. Drei weitere Philharmoniker, die bereits in der Pension waren, fielen dem Holocaust zum Opfer. Insgesamt fünf Philharmoniker wurden im Zuge der rassistischen Säuberungen ermordet. Ein Philharmoniker starb infolge der Delogierung aus seiner Wohnung. Ein weiterer verstarb noch vor der drohenden Deportation in Wien."

Über die Erfindung der "Neujahrskonzerte" schreibt Rathkolb u.a.:

"Um es unmissverständlich voranzustellen – die Tradition von über Rundfunk (und später Fernsehen) ausgestrahlten Konzerten mit Werken von Johann Strauß anlässlich des Jahreswechsels begann in der NS-Zeit – am 31. Dezember 1939 mit einem „Johann Strauß Konzert“ bzw. am 1. Jänner 1941 mit einer 2. Philharmonischen Akademie, die ab diesem Zeitpunkt von den Wiener Philharmonikern gemeinsam mit der Reichsrundfunkgesellschaft gemeinsam organisiert wurden! Ebenso klar ist die Tatsache, dass weder am 31. Dezember 1939 noch am 1. Jänner 1941 die Wiener Philharmoniker – abseits des Silvesterdatums – erstmals ein spezifisches Programm mit Werken von Werken von Johann und Josef Strauß präsentiert haben."

Über Ehrungen und Auszeichnungen der Philharmoniker schreibt Rathkolb u.a.:

"In der NS-Zeit wurden jedoch zum ersten Mal nicht nur Künstler und Künstlerinnen ausgezeichnet, sondern auch Gen. Feldmarschall Wilhelm List (unklar wann überreicht), Baldur von Schirach (30.3.1942), Dr. Arthur Seyß-Inquart (30.3.1942). (...) Arthur Seyß-Inquart erhielt den Ring dann anlässlich eines späteren Besuches einer Delegation der Wiener Philharmoniker in den besetzten Niederlanden, wobei seine Verdienste als Gauleiter von Wien und die damals „tatkräftige Unterstützung“ der Wiener Philharmoniker, aber auch die Finanzierung eines Konzertes des „Concertgebouw Orchesters Amsterdam“ im Rahmen der 100 Jahresfeier hervorgehoben wurden. 1950 wird aber diese eindeutig politischen Verleihungen nicht mehr erwähnt und auch Prof. Wilhelm Jerger, der am 30.3.1942 den Ehrenring erhalten hatte. nicht mehr genannt– wohl aber Generalintendant Prof. Clemens Krauss (31.3.1943) und dann Dr. Hans Pfitzner (5.3.1949)."

Bezüglich der zweiten Überreichung des Ehrenringes an Schirach nach Entlassung aus der Gefangenschaft (der erste war ihm abhanden gekommen), heißt es u.a., dass Wilhelm Bettelheim in einem handschriftlichen Schreiben am 19.1.2013 unaufgefordert mitgeteilt habe: "Der Mensch der Baldur von Schirach den Ehrenring der Philharmoniker überreichte war Helmut Wobisch. Professor Wobisch war SS Mann und im Jahre 1966 Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker. Professor Krips, ein alter Freund der Familie hat mir diese Tatsache 1968 auf dem Gelände des damaligen Wiener AKHs in der Alserstraße erzählt“. Ich habe diese Information nur dem Filmregisseur Robert Neumüller weitergeben und ihn gebeten, Herrn Bettelheim für seine Fernsehdokumentation „Im Schatten der Vergangenheit – Die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus“ zu interviewen: Wilhelm Bettelheim erscheint mir ein sehr glaubwürdiger Zeuge zu sein."

"Während die private Einzelaktion 1966/1967, ein Duplikat des Ehrenrings Schirach zu überbringen, vor einer Aufklärung steht, muss eine andere Ehrung aus der NS-Zeit offen gelassen werden. In einem nunmehr aufgefundenen internen Plan zur 100 Jahresfeier wird eine Nicolaimedaille in Gold erwähnt, mit der Gravur „Dem Führer“. Diese goldene Nicolaimedaille wird dann auch in dem Verzeichnis, das bereits zitiert wurde, genannt: „Adolf Hitler mit der Widmung „Dem Führer“. Diese Medaille in Gold scheint auch in der Bilanz zur Hundertjahresfeier auf." Entsprechende Protokolle fehlten jedoch.

Sämtliche Texte im vollen Wortlauf sind abrufbar auf www.wiener-philharmoniker.at

Erstellt am 10.03.2013