Nina Hagen: Vom Mädel aus der DDR zur deutschen Punk-Ikone

© epa/Tom Maelsa

Nina Hagen wird 60
03/07/2015

Die Patin des Punks bleibt sich treu

Die "Godmother of Punk" findet auch im deutschen Mainstream viel Beachtung.

Es kommt nicht häufig vor, dass Nina Hagen um eine Antwort ringt. Doch bei der Frage, wie man sich benimmt, wenn man realisiert, dass man 60 Jahre alt geworden ist, gerät sie ins Stocken. "Wahrscheinlich wie immer, aber auf keinen Fall wie ein Altersrassist", lautet die Prognose auf ihrer Facebook-Seite. Heute, am 11. März, dürfte es die Sängerin und Schauspielerin wissen, denn es steht ihr Geburtstag an.

Als "Altersrassistin" oder anderweitig engstirnige Mitbürgerin kann man sich die 1955 in Ost-Berlin geborene Catharina Hagen auch kaum vorstellen. Die Tochter der Schauspielerin Eva-Maria Hagen und des Schriftstellers Hans Hagen erinnerte sich in der Zeitung BZ an "zwar voll crazy stalinistische, aber behütete" erste Lebensjahre in der DDR, doch ihr Ausbruch aus dem Kanon volkseigener Benimmregeln war früh angelegt.

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Nina Hagen

GERMANY MUSIC

LIFE BALL 2004/NINA HAGEN

Verhindern!

"Verhindern!", lautete die Vorgabe des Staatssicherheitsbeamten auf ihrem Antrag zur Aufnahme in die Schauspielschule Anfang der siebziger Jahre. Eine wie sie, die schon mit zwölf Jahren "unehrenhaft" aus dem kommunistischen Jugendverband FDJ geflogen und zudem die Ziehtochter des abtrünnigen Liedermachers Wolf Biermann war, sollte nicht auch noch gefördert werden.

Nur verhindern konnten die DDR-Offiziellen Nina Hagen nicht. Nach ersten Banderfahrungen im benachbarten Polen bekam sie schließlich doch ihre Gesangsausbildung. Und mit dem Ohrwurm "Du hast den Farbfilm vergessen" beförderte sie sich ins kollektive Bewusstsein der DDR. Da war sie gerade mal 19.

Nach der Ausweisung Biermanns 1976 hielt aber auch Nina und ihre Mutter Eva-Maria nichts mehr in der DDR. Ihr Weg nach Westen führte Hagen zunächst nach London, wo sie in die damals aufkeimenden Punk-Kultur eintauchte, und dann nach West-Berlin. Mit Liedern wie "TV Glotzer" machte sie auch hier schnell klar, dass ihr die Attrappe der heilen Welt nicht nur im Osten zuwider war. Mit ihrer "Nina Hagen Band" legte sie nebenbei einen Grundstein der Neuen Deutschen Welle.

Ihren Lebensmittelpunkt verlegte Nina Hagen in den Folgejahren in die USA, wo sie mit englischsprachigen Titeln kommerzielle Erfolge feierte und 1981 auch Tochter Cosma Shiva zur Welt brachte. Der Kontakt in die Londoner Szene brach aber nie ab und brachte der schrillen Göre aus dem Ostblock auch künstlerische Achtung: Bald galt sie als "Godmother of Punk" - als Patin des Punks.

Mittlerweile auch Mutter eines zweiten Kindes, zog es sie zurück nach Europa - aber auch nach Indien, ein Land, das sie als ihre "spirituelle Mutter" bezeichnete. Mit der Hinwendung zu Hinduismus und Hare Krishna einher gingen verschiedenste Fernsehauftritte, bei denen sie es schaffte, auch ganz und gar unpunkigen TV-Formaten wie der Castingshow "Popstars" eine wohltuende Note Irrsinn zu verleihen.

Bekehrung

Zwei kurze Ehen mit jeweils erheblich jüngeren Partnern später verblüffte Nina Hagen 2009 alle Welt, als sie sich evangelisch taufen ließ und neben dem viel gelobten Album "Personal Jesus" eine Autobiografie mit dem Titel "Bekenntnisse: Mein Weg zu Gott" vorlegte. "Jesus haben sie auch nicht ernst genommen", entgegnete sie später in der Zeitschrift "Melodie und Rhythmus" jenen, die an ihrer Bekehrung zweifelten.

Am Vorabend ihres Ehrentags drängt es Nina Hagen natürlich wieder ins Rampenlicht. Im Berliner Ensemble will sie unter anderem mit Freundin Meret Becker Auszüge von Bertolt Brecht aufführen. Dies und vieles andere verrät Nina Hagen mit dem Eifer einer Teenagerin beim sozialen Netzwerk Facebook, das sie auch rege zur Verbreitung ihrer politischen Einwürfe nutzt. Dabei hält sie unbeirrt das Punkerideal aufrecht, dass sich Friedens- und Chaosliebe nicht ausschließen müssen.

Wahrscheinlich waren die Beatles schuld

Die deutsche Punk-Ikone Nina Hagen sagt im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa), was ihr wichtig ist, woran sie arbeitet - und was sie "ankotzt".

Frage: Wie sind Sie als DDR-Mädel überhaupt zum Punk gekommen?

Nina Hagen: Wahrscheinlich waren die Beatles schuld - und die Rolling Stones. Rockmusik bedeutete für uns damals die Revolution, die Tür in die Freiheit. Und deshalb war der Wunsch, selbst Rock zu machen, schon ganz früh da.

Und Ihre schrille Verkleidung gehörte dann auch dazu?

Na hallo, es ist ja nicht so, dass ich jedesmal in den Farbeimer gefallen bin, wenn ich auf der Bühne stehe! Aber ich erinnere mich, dass ich als Teenager mal in den Spiegel meiner Mutter geschaut habe und dachte: Oh mein Gott, das geht ja gar nicht, ich bin ja ne richtig harsche Schönheit! Und dann hab ich angefangen, mit dem Schminken rumzuexperimentieren.

Sie haben ja reichlich Etiketten aufgeklebt bekommen. Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?

Als Mensch. Ich bin die Tochter von meiner Mama und von meinem Papa. Und ich bin natürlich auch die Tochter vom Schöpfer.

Stichwort Schöpfer. Sie haben sich lange mit dem Hinduismus beschäftigt, mit 54 haben Sie sich taufen lassen ...

Der Glaube hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Ich bin in meinem 17. Lebensjahr auf einem LSD-Trip plötzlich durchs Universum geschleudert worden, in einen Höllenbereich. Und da habe ich mich erinnert, dass man Gott um Hilfe rufen kann. Dadurch bin ich raus aus meinem Körper und rein in eine Dimension, wo ich dem Schönsten, dem Liebsten, dem Jesus Christus von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Das war meine Taufe im Feuer, im Geiste.

Ist der Glaube auch der Grund für Ihr soziales Engagement?

Ja, aber auch meine persönliche Lebensgeschichte. Mein Großvater väterlicherseits hat in der Zeit der Judenverfolgung ab 1933 noch alle Verwandten und Kinder ins neutrale Ausland gebracht. Zurück in Deutschland haben Freunde versucht, ihn in der Psychiatrie zu verstecken - 1942 griffen in den Heimen die Euthanasie-Programme der Naziverbrecher und er wurde schließlich im KZ Sachsenhausen ermordet.

Mein Papa, ein wunderbarer Schriftsteller, wurde als Widerstandskämpfer im Zuchthaus so gefoltert, dass er an Körper und Seele zerbrach. Deshalb finde ich schon, wir sollten uns dafür einsetzen, dass der Raubtierkapitalismus heute nicht überall das Sagen hat.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Wir stecken mittendrin in der Arbeit zu einem neuen Album. Das ist ein sehr schönes musikalisches Projekt mit Daniel Welbat, der auch den Soundtrack zu dem Film "Der 7te Zwerg" geschrieben hat. Er ist ein ganz toller Musiker, Produzent, Komponist und Sänger, und wir haben ein paar sehr interessante neue Sachen gemacht, die wir grad aufnehmen.

Wann kommt es raus?

Wir sind mittendrin und es kommt bestimmt dieses Jahr noch raus. Wir haben schon noch ein paar Ässe in den Ärmeln.

Sie wollten ja ursprünglich Schauspielerin werden ...

Bin ich doch, immer gewesen! Dieses Jahr machen wir mit Arnd Kosmack einen Film, in dem ich mit meinen Kindern zusammen spiele. "Googleprixtown" ist der Arbeitstitel. Und dann kommt noch eine zweite Kinorolle dieses Jahr, auch so Richtung Märchen, Kinder, Musik ... Es gibt halt Regisseure, die Frauen in fortgeschrittenem Alter sehr schön finden, hihi.

Sie hatten dagegen eine Vorliebe für jüngere Männer ...

Na, Moment mal, das ist ja Altersrassismus, was Sie da betreiben! Ich war doch damals auch jung, als ich junge Männer geliebt habe. Aber jetzt bin ich 60, und seit mehr als zehn Jahren fasse ich keinen Mann mehr an. Jetzt habt Ihr alle keinen Grund mehr, Euch das Maul über meine Beziehungen zu zerreißen. Als alter Punk kotzt mich das total an, dass in der Öffentlichkeit über meine Beziehungen rumgelabert wird.

(Das Gespräch führte Nada Weigelt, dpa)

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