Szenenfoto aus "Niemandsland"

© /© www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Kritik
09/27/2016

Eine Welt voll von Kriegsversehrten

"Niemandsland" von Yael Ronen, von Graz ans Volkstheater übersiedelt, begeistert das Publikum.

von Guido Tartarotti

Am Beginn stehen Gitarrenklänge in der Dunkelheit, immer nur zwei Akkorde im Wechsel, fast enervierend sanft angeschlagen wie in einer "rhythmischen Messe". Dann formieren sich fünf Männer und eine Frau zu einer Tanzperformance. Die Körper umwerben einander, hat man den Eindruck. Aber der Tanz wird immer aggressiver – bis man bemerkt: Diese Choreografie stellt eine Massenvergewaltigung dar.

Szenenwechsel. Azra (Birgit Stöger) liegt auf dem Boden ihrer Wohnung in Wien, unfähig, aufzustehen oder alleine zu essen. Zu ihrer erwachsenen Tochter Lejla (Seyneb Saleh) hat sie eine gleichermaßen von Liebe wie von Wut geprägte Beziehung. Azra kam als Kriegsflüchtling aus Bosnien, und immer mehr stellt sich heraus: Sie hat ein Trauma erlitten, das sie nicht überwinden kann.

Lejla geht als Aktivistin nach Palästina, wo sie den Künstler Osama kennen lernt. Er, ein Araber, ist mit einer Israelin verheiratet und wird deshalb von der palästinensischen Polizei drangsaliert. Sie suchen verzweifelt nach einem Land, in dem sie gemeinsam leben dürfen.

"Niemandsland" ist eine Produktion des Grazer Schauspielhauses aus dem Jahr 2014, welche Volkstheater-Intendantin Anna Badora jetzt nach Wien übersiedelt hat. Wie immer hat Yael Ronen den Text gemeinsam mit den Darstellern erarbeitet. Ausgangspunkt war das Schicksal der Israelin Jasmin Avissar und des Palästinensers Osama Zatar, die in Wien eine Zuflucht gefunden haben und sich auf der Bühne selbst darstellen (von Avissar stammen auch die Choreografien).

Lebensfäden

Um sie herum finden sich ebenso spannende wie lebensechte Figuren, deren Lebensfäden sich immer mehr ineinander verweben. Da ist der Schauspieler Miloš (Sebastian Klein), der feststellen muss, dass der verehrte Vater möglicherweise doch kein Held, sondern ein Kriegsverbrecher ist. Da ist der zynische, alkoholkranke Kriegsberichterstatter Fabian (Jan Thümer), der auf der Suche nach einer geheimnisvollen syrischen Bloggerin durch den Nahen Osten irrt.

Da ist der Universitätsdozent Jörg (Knut Berger), der sich um Kriegstraumatisierte bemüht. Und da ist der undurchsichtige Anwalt Lukas (Julius Feldmeier), der mit seinem Einsatz für Kriegsverfolgte zum TV-Star wird – und eigene Interessen verfolgt.

Wie immer interessierte sich Ronen bei dieser Arbeit für aktuelle Krisen und Konflikte – und dafür, was der Krieg mit den Menschen macht, über die Kontinente und die Jahre hinweg. "Niemandsland" ist ein beklemmender Text, der den Zuschauer nicht in Ruhe lässt. Darüber hinaus ist das aber auch ein meisterhaft gebautes Stück mit vielen Wendungen und Überraschungen – und ganz nebenbei gibt es hier auch noch scharfe Kritik an der oft dubiosen Rolle der Medien bei der "Vermarktung" von Kriegen.

Versehrt

Konklusion: Im Prinzip ist in unserem Zeitalter der globalisierten Dauerkonflikte nahezu jeder Mensch auf seine Weise kriegsversehrt – und der Ort, an dem wir einander begegnen können, ist in Wahrheit nur das Niemandsland zwischen den Fronten.

Vom Premierenpublikum im (nicht restlos gefüllten) Volkstheater gab es für diese großartig gespielte Arbeit zu Recht großen Jubel.

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