Kultur
10.06.2017

"Nicht nur ein Geldverteilminister"

Sepp Schellhorn, Kultursprecher der Neos, kritisiert parteipolitisch motivierte Förderungen – und fordert ein Umdenken.

Sepp Schellhorn, 1967 in Schwarzach geboren, ist eigentlich kunstaffiner Gastronom: Er betreibt das Hotel Seehof am Goldegger See, das Restaurant M32 im Museum der Moderne auf dem Salzburger Mönchsberg sowie drei Winterbetriebe in Gastein. 2013 wechselte er von der ÖVP zur neu gegründeten Partei Neos, seit Mai ist Schellhorn als Nachfolger von Niko Alm Kultursprecher – und er übernahm damit den Vorsitz im parlamentarischen Kulturausschuss.

KURIER: Wer oder was weckte Ihr Interesse für die Kultur?

Sepp Schellhorn: Bereits in der Jugend hat mich Thomas Bernhard fasziniert, mit "Der Untergeher" bin ich in dessen Kosmos eingetaucht. Ich stellte fest, dass er seinen ersten Roman, "Frost", in Schwarzach und in Goldegg geschrieben hat. So entstand 2012 das Festival "Verstörungen – Ein Fest für Thomas Bernhard", das alljährlich in Goldegg stattfindet. Und daraus entstand auch die Idee eines Stipendiums. Literaten können je zwei Monate am Goldegger See verbringen, wir haben ein Künstlerhaus mit drei Wohnungen. Zu Gast waren u. a. Valerie Fritsch, Nino Haratischwili und Norbert Gstrein. Mit dieser Initiative will ich der Kunst, der Literatur etwas zurückgeben. Ich glaube, dass wir im Tourismus viel zu wenig für die Kunst und das kulturelle Erbe tun. Diese Stipendien sind an keine Bedingungen geknüpft, aber Vea Kaiser, Thomas Glavinic und andere haben in Goldegg ein Buch fertiggestellt. Das hat mich sehr gefreut.

Ganz selbstlos kann die Sache aber nicht sein.

Natürlich finden im Seehof abends sogenannte Salongespräche statt. Wir sitzen an einem langen Tisch und diskutieren. Alle Gäste können daran teilnehmen.

Sie sammeln zudem Kunst. Da passt es hervorragend, dass Sie das M32 im Museum der Moderne führen. Es ist ein Hotspot.

Ja, das M32 hat den Vorteil der ehemaligen Winkler-Terrasse mit dem Blick auf die Altstadt. Ich hatte das Glück, das Haus zusammen mit der damaligen Direktorin, der großartigen Agnes Husslein, eröffnen zu dürfen.

Meinen Sie das Wort "großartig" jetzt ernst oder zynisch?

Ernst. Husslein hat sehr viel in Salzburg bewegt. Ich habe auch bewundert, was sie danach aus dem Belvedere gemacht hat, wie sie die Besucherzahlen steigern konnte. Ich habe mich daher im letzten Sommer, als ihr Verstöße gegen die Compliance-Regeln vorgeworfen wurden, für ihre Vertragsverlängerung ausgesprochen.

Es kam aber nicht dazu: Kulturminister Thomas Drozda bestellte Stella Rollig. Kürzlich geriet Sabine Breitwieser, derzeit Direktorin des Museums der Moderne, in die Kritik. Sind die Vorwürfe berechtigt?

Ich bin nicht involviert, das M32 ist ein eigenständiger Betrieb. Aber: Ja, es gibt Auffassungsunterschiede, die Direktion wurde jetzt offiziell neu ausgeschrieben.

Besucherrückgänge haben Sie nicht bemerken können?

Das Programm wird von Fachpublikum gelobt, aber natürlich hat die Zuspitzung der Positionierung Besucherrückgänge zur Folge gehabt. Das ist auch der Grund, warum die Museumsdirektoren in Wien in die Breite gehen – und alles "Von Monet bis Picasso" anbieten. Das M32 ist vom Rückgang nicht betroffen. Aber was ich schon sagen muss: Das Konzept für das Museum am Mönchsberg stammt von Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder. Er rechnete mit 200.000 bis 300.000 Besuchern. Dementsprechend war das Angebot, das ich damals einreichte. Und letztes Jahr hatte das Museum nicht einmal 100.000 Besucher. Ich finde es als Partner und gastronomischer Dienstleister daher sehr gut, dass es heuer wieder eine Kooperation mit den Salzburger Festspielen gibt – und dass William Kentridge gezeigt wird, der auf größeres Interesse stoßen dürfte.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Salzburger Festspiele?

Ich bin sehr froh, dass Markus Hinterhäuser Intendant geworden ist. Er polarisiert ein bisschen, aber er besitzt Strahlkraft – und er setzt interessante Akzente.

Und Helga Rabl-Stadler bleibt weiter Präsidentin.

Am Anfang hat man ihr nicht zugetraut, dass sie die Festspiele erfolgreich vertreten kann. Aber sie hat es längst bewiesen. Sie ist die Präsidentin der Herzen.

Da alle Kunstmuseen alles "Von Monet bis Picasso" anbieten: Sehen Sie Reformbedarf?

Drozda ließ ein Weißbuch ausarbeiten, jetzt geht es um die Umsetzung, wir müssen also abwarten. Eine Holding für die Bundesmuseen hätte ich nicht gut gefunden, die geplante Stärkung des Ministeriums finde ich richtig. Wünschenswert wären bessere Absprachen in der Direktorenkonferenz. Nächstes Jahr sind die 100. Todestage von Egon Schiele, Koloman Moser, Otto Wagner und Gustav Klimt. Meinen Informationen nach gibt es kein koordiniertes Vorgehen: Jeder macht, was er will. Man könnte aber gemeinsam viel mehr daraus machen! Ich würde mir eine stärkere Profilierung der Häuser wünschen. Denn wenn man nicht darauf schaut, für was ein Museum steht, führt das zu einer Kanibalisierung. Und das ist schlecht für die Museumslandschaft. Hier wäre eine Richtlinie erforderlich.

Was zeichnet eigentlich die Kulturpolitik der Neos aus?

Ich finde, wir müssen uns über die Förderpolitik Gedanken machen. Es sollte nicht so sehr der Künstler gefördert werden, sondern die Infrastruktur. Zum Beispiel: Die öffentliche Hand sollte mehr Ateliers zur Verfügung stellen – und nicht nach parteipolitischen Gesichtspunkten Förderungen vergeben.

Können Sie das erklären?

Rot und Schwarz verteilen an ihre Klientel nach Gutdünken – und das gehört abgeschafft. Ich verstehe auch nicht, dass die Arbeiterkammer den Buchpreis fördern muss. Nur weil ein SPÖ-Minister das wollte? Oder: Gefördert werden die Bibliotheken von SPÖ- bzw. ÖVP-nahen Institutionen – und der Literaturszene fehlen daher 100.000 Euro. Oder: Wir sollten Förderungen nicht nach dem Gießkannenprinzip vergeben, sondern Schwerpunkte setzen. Das täte der Kulturlandschaft gut!

Das heißt: eine Evaluierung ohne politische Einflussnahme?

Genau, als Grundlage für Entscheidungen. Denn als Kulturminister will ich ja nicht nur Geldverteilminister sein. Ich würde Akzente setzen wollen. Es geht darum, ein Fundament zu schaffen. Aber bei der Verteilung von oben nach unten kommt in der Basis zu wenig an. Natürlich muss man die Wichtigkeit der Spitze betonen, denn sie trägt zur Identität des Landes bei. Aber wir brauchen auch eine breite Basis als Biotop, wo es wurlt!