Kultur
26.01.2012

New Yorker Wagner-"Ring" geht ins Finale

Vor dem Wagner-Jahr 2013 schmieden die wichtigsten Opernhäuser einen neuen "Ring". Die MET kommt am Freitag zum Finale. Regisseur Robert Lepage im Gespräch.

Vor dem Wagner-Jahr 2013, zum 200. Geburtstag des Opernkomponisten, schmieden die wichtigsten Opernhäuser einen neuen „Ring“. Wien ist längst fertig, die Scala vor „Siegfried“ angelangt. Und die New Yorker MET kommt am Freitag zum Finale.

Mit "Götterdämmerung" geht das aufwendigste Opernprojekt unserer Zeit zu Ende. Der kanadische Regisseur Robert Lepage, mehrfach auch bei den Wiener Festwochen zu Gast, hat an der New Yorker Metropolitan Opera den kompletten "Ring des Nibelungen" inszeniert. Auf der Bühne gibt es eine gigantische Maschine, bestehend aus 24 Stahlträgern. Viele Jahre hat sich Lepage mit Wagners Kosmos beschäftigt. Im Vorfeld gab er eines seiner raren Interviews.


KURIER: Schon in den 1990er-Jahren wurde Ihnen mehrfach die Inszenierung von Wagners "Ring" angeboten. Warum haben Sie da immer abgelehnt?
Robert Lepage: Als ersten Versuch an einer Oper hätte ich den "Ring" als riskante Wahl empfunden. Ganz zu schweigen davon, dass mir vor Opernsängern und vor Wagner graute.

Sie haben diese Scheu vor Sängern überwunden ...
Letztendlich muss man das Vertrauen von Sängern gewinnen – und ab diesem Moment kann man vieles erreichen. Sänger haben nicht die Körperlichkeit von Schauspielern, sie sind keine Akrobaten oder Tänzer. Aber wenn man ihre ganz eigene Körperlichkeit respektiert und mit dieser arbeitet, dann können Opernsänger außergewöhnliche theatralische Leistungen erbringen.

Und wie haben Sie sich mit Wagner versöhnt?
Dazu brauchte ich Zeit. Der "Ring" ist ein Lebenswerk, und daher ist es auch eine Lebensaufgabe, diesen zu verstehen. Wagners Musik übersetzt immer die Energie, die hinter der Story liegt, und entblößt die tiefsten Ansinnen des Komponisten. Und es ist wunderbar: Wenn man beginnt, sich bei der Entschlüsselung dieser Bedeutungen auf die Intuition zu verlassen, dann findet man auch die dramatischen Lösungen für die Bühne. Dies zu entdecken war ein großer, emotionaler Moment in meinem Leben. Es war überwältigend.

Sind Ihre aufwendigen Inszenierungen der Versuch, im Wagner’schen Sinn ein "Gesamtkunstwerk" zu verwirklichen?
Wir sind Multimedia-Künstler oder Vielsparten-Künstler – oder wie auch immer man uns nennen will. Wir geben vielleicht vor, im Sinne von Wagners Gesamtkunst zu arbeiten. Aber das ist nicht wahr. Wir sind dazu nicht diszipliniert genug, wir versuchen es, aber wir sind nicht so sorgfältig wie echte Fachleute.

Ihre Inszenierung scheint zuweilen wie ein Comic-Strip, wo scheinbar jedes Detail auch noch visuell präsentiert wird.
Wir wussten: Die Kinoübertragungen werden Tausenden Menschen ermöglichen, Wagners "Ring" zu entdecken, die ihn sonst nie gesehen hätten. Daher wollte ich eine Produktion haben, die klar und lesbar für jedermann ist.

Aber dieser Zugang birgt das Risiko, dass die Auseinandersetzung mit der metaphysischen Dimension, der tiefgehenden Besinnlichkeit des Werks zu kurz kommt.
Wenn man seine Aufgabe als Regisseur ernst nimmt, will man ein Werk schaffen, das diese beiden Pole – das Gegenständliche und das, was darüber hinausgeht – ins Gleichgewicht bringt. Aber dieses Werk muss verständlich sein.

Wagner war ein Revolutionär, und seine Opern wurden auf der Bühne oft politisch interpretiert. Was halten Sie von diesem Zugang?
Alles, was wir tun, ist politisch. Aber ich versuche immer, einen Ausgleich zwischen der Politik und der Poetik eines Werkes zu finden. Man muss die menschlichen Geschichten erzählen – das gilt auch für den "Ring". Ich arbeite nicht wie andere Regisseure, ich setze nicht beim geschriebenen Wort an, sondern ich beginne mit Improvisation. So bringt man die ganze Persönlichkeit eines Sängers hinein, mit seinem gesamten Background. Und dann muss man akzeptieren, dass dieser Einzelne und das ganze Ensemble bestimmen werden, wie das Werk am Ende wird. Das ist eine politische Entscheidung.

Also entsteht das Gesamtkunstwerk letztlich daraus, all diese verschiedenartigen kreativen Energien zusammenzubringen?
Ja, und mit Wagner bin ich dem bisher am nächsten gekommen. Ich bin dankbar, dies in meinem Leben zumindest ein Mal erleben zu dürfen. Wagner wusste exakt, wie dies zu erreichen ist, wie etwas auf der Bühne funktionieren kann. Es ist schwierig, das in Worte zu fassen: Wagners Musik mobilisiert, sie hat so viel Kraft – die Wagner-Erfahrung wirkt wie ein Katalysator, sie geht über ihre Dauer und ihre physischen Grenzen hinaus, sogar über ihren eigenen Anspruch – sie ist ein eigener Kosmos.

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