Wenn der Chef persönlich kocht

Kopie von NEUJAHRSKONZERT 2013: WELSER-MÖST
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Franz Welser-Möst dirigierte sein zweites Neujahrskonzert, das er vollends auskostete, und betätigte sich zudem als perfekter Küchenchef und Stofftier-Verteiler.

Kritik: Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker 2013 hat sich viele Hauben verdient.

Er werde sein zweites Neujahrskonzert noch mehr genießen als sein erstes, erklärte Franz Welser-Möst vor kurzem im KURIER-Interview. Und ja, der Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper ist wirklich unter die Genießer gegangen. Denn Welser-Möst kostet inzwischen den unvergleichlichen Klang der Wiener Philharmoniker noch viel mehr aus, betätigte sich als idealer Küchenchef eines Konzerts, das kulinarische Leckerbissen servierte.

Eindrücke vom Neujahrskonzert

Der weltberühmte Goldene Saal des Wiener Musikvereins war wieder Kulisse für das traditionelle Neujahrskonzert. Franz Welser-Möst, der Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, dirigierte nach seinem erfolgreichen Einstand 2011 bereits zum zweiten Mal. Die 55. Übertragung des Neujahrskonzerts war erstmals in mehr als 80 Ländern zu sehen und vor allem zu hören. Der ORF lieferte mit Kamerafahrten durch den Goldenen Saal des Musikvereins wieder wunderschöne Bilder. Das Millionenpublikum bekam elf neue Werke zu hören. Auf den "Kuss Walzer" von Johann Strauß Sohn folgte die "Theater-Quadrille" von dessen Bruder Josef Strauß. Mit der flotten Ouvertüre zu der Operette „Leichte Kavallerie“ von Franz von Suppé verabschiedeten sich die Wiener Philharmoniker in die Pause. Im alljährlich viel diskutierten Pausenfilm begleitete ORF 2 heuer ein Paar (Bildmitte) auf Hochzeitsreise quer durch Niederösterreich. Der Film mit dem programmatischen Titel "Honeymoon" führte das Publikum unter anderem zum Stift Lilienfeld, Schloss Schallaburg und auf das barocke Schloss Hof. Musikalisch begleitet wurden die "Szenen einer Ehe" von Mitgliedern der Wiener Philharmoniker. Nach der Pause erklangen dann Werke der diesjährigen „Gastkomponisten“ Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Die beiden feiern 2013 mit ihrem 200. Geburtstag ein rundes Jubiläum. Eingebettet in die Polka „Die Spinnerin“ von Josef Strauß und „Unter vier Augen“ von Joseph Hellmesberger, spielten die Wiener Philharmoniker das Vorspiel zu Wagners „Lohengrin“. Es war das erste Stück des Bayreuther Meisters, das beim Neujahrskonzert erklang. Auch Giuseppe Verdi, der zweite Jahresregent, wurde gewürdigt – mit der Ballettmusik aus „Don Carlo“. In den Ballettnummern der Neujahrsübertragung gab es ein Wiedersehen mit dem niederösterreichischen Schloss Hof (Bild), dessen Erbauer Prinz Eugen 2013 ebenfalls ein stattliches Jubiläum feiert: Seinen 350.Geburtstag. Der Brite Ashley Page hatte die Choreographie übernommen. Page ist ehemals erster Solist am Royal Opera House in London und in den letzten 10 Jahren Direktor des Scottish Ballet. Im Bild: Nina Polakova und Kiril Kourlaev. Zu den Klängen des Walzers "Wo die Zitronen blühen" (Johann Strauss, Sohn) und zur "Galoppin-Polka" (Josef Strauss) entwarf er ein elegant fließendes Tanzstück für die Solisten des Wiener Staatsballetts. Im Bild: Maria Yakovleva Bevor der traditionelle Donauwalzer gespielt wurde, wusste Franz Welser-Möst auch mit einer komödiantischen Einlage zu unterhalten. Welser-Möst verteilte, während einzelne Musiker in Johann Strauß' "Der Carneval in Venedihierzuorten Melidie ist auch als "Ein Hund kam in die Küche" bekannt) Solos spielten, Stofftiere an die Musiker des Orchesters. Schließlich dirigierte er das Stück und damit den offiziellen Teil mit Kochhaube und dazugehörigem Kochlöffel zu Ende. Der Große, bzw. Goldene Saal des traditionsreichen Konzerthauses am war wieder reich geschmückt. Der Blumenschmuck ist seit 1980 traditionell ein Geschenk der italienischen Stadt San Remo. 2011 wurde der Konzertsaal von den Floristen mit rund 30.000 Blumen dekoriert. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Große Saal hat 1744 Sitzplätze und etwa 300 Stehplätze. Die Nachfrage ist enorm. Für das Neujahrskonzert werden die Karten in erster Linien für Ehrengäste, Sponsoren und Freunde der Musiker vergeben. Etwa 700 Karten gelangen in den Verkauf und werden bereits ab 2. Jänner im Losverfahren für das kommende Konzert vergeben. Dass man einen der begehrten Plätze erhält, ist jedoch äußerst unwahrscheinlich. Bei 60.000 Anfragen pro Jahr liegt die Wahrscheinlichkeit, eine Karte zugelost zu bekommen bei etwas über einen Prozent. Zuhause vor dem Bildschirm können das Neujahrskonzert aber alle sehen, die das wollen. Und das sind nicht wenige. 81 TV-Stationen übertrugen 2013 das Neujahrskonzert 2013 in die ganze Welt. Zum ersten Mal waren die Wiener Philharmoniker so auch live in Korea zu sehen. Kommendes Jahr folgt Daniel Barenboim auf Franz Welser-Möst als Dirigent. Der Goldene Saal wird jedenfalls auch 2014 wieder erstrahlen.

Vollgas

Sicher: Verdi und Wagner galt (und gilt) es zu feiern – beide Komponisten wurden 1813 geboren; aber auch die Sträuße kamen naturgemäß zu ihrem Recht. Mit einem Dirigenten, der richtig Vollgas gab und mit einem Orchester, das bei allen Werken schönste, philharmonische Klänge aufbot. Und mit einem klugen Programm, das die Jahresregenten perfekt in die Walzerseligkeit einbezog.

Fulminant bereits der Auftakt: Mit „Die Soubrette“ (einer Polka schnell von Josef Strauß, der mehrfach vertreten war), danach der „Kuss-Walzer“ von Johann Strauß Sohn (den Welser-Möst seiner Gattin widmete) über die „Theater-Quadrille“ von Josef Strauß und Johann Strauß’ „Aus den Bergen“ – Welser-Möst steuerte zielstrebig auf den Höhepunkt des ersten Teils hin: Franz von Suppés „Leichte Cavallerie“, die auch wirklich wunderbar leicht und dennoch in all ihren Feinheiten hörbar war.

Dass die Wiener Philharmoniker immer wieder für „Sphärenklänge“ (hier von Josef Strauß) gut sind, bewies das Orchester im zweiten Teil. Anklänge an Wagner waren bei der „Spinnerin“ (J. Strauß) zu erleben; beim Vorspiel zur Oper „Lohengrin“ wurde der Meister aus Bayreuth zusätzlich und mitunter etwas lautstark geehrt.

Zwischenspiel

Das Tempo, das der Dirigent bis dahin vorgab, wurde jedoch danach ein wenig abgebremst: Welser-Möst nahm sich Zeit, viel Zeit für die Polka mazur „Unter vier Augen“ von Josef Hellmesberger d. J., noch mehr für die „Hesperusbahnen“ von Josef Strauß. Doch das war nur ein Zwischenspiel für den „italienischen Teil“ des Konzerts. Denn nach der „Galoppin-Polka“ (J. Strauß) und den zu kapellmeisterisch buchstabierten „Steyrischen Tänzen“ aus der Feder Josef Lanners spielten die Wiener Philharmoniker wieder auf.

Auf die „Melodien-Quadrille“ von Strauß Sohn folgte Verdis Prestissimo aus der Ballettmusik zur Oper „Don Carlo“; italienisches Flair gab nun den Ton an. Und ein Dirigent, der sich erfolgreich als Küchenchef betätigte. Ein Kochlöffel für den famosen ersten Geiger Rainer Küchl, ein Schwan für den ersten Cellisten, ein Elefant für die Kontrabässe usw. – Welser-Möst verteilte Stofftiere und Präsente. Strauß’ „Citronen“ durften kräftig blühen; der Vater war mit dem „Carneval in Venedig“ stofftiertechnisch vertreten.

Danach „An der schönen blauen Donau"– wie hinreißend und vollendet kann dieses Orchester eigentlich noch klingen? – und der obligate „Radetzkymarsch“: Fertig war das musikalische Luxusgericht, das nicht nur die Gourmets dieser Welt zu großem Jubel veranlasste. Die Wiener Philharmoniker – sie haben sich alle Hauben dieser Welt verdient.

Fazit

Haute Cuisine

GENERALPROBE NEUJAHRSKONZERT 2013: WELSER-MÖST
Foto: APA/GEORG HOCHMUTH

Werke
Erstmals gab es bei einem Neujahrskonzert Stücke der Jahresregenten (geboren 1813) Verdi und Wagner. Sie waren in ein klug zusammengestelltes Programm eingebettet.

Konzert
Dirigent Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker baten zu einem musikalischen Luxus-Schmaus. Das Orchester ist einfach fantastisch.

KURIER-Wertung: **** von *****

Programm

Das Neujahrskonzert 2013

Josef Strauß: Die Soubrette, Polka schnell, op. 109
Johann Strauß Sohn: Kuß-Walzer, op. 400
Josef Strauß: Theater-Quadrille, op. 213
Johann Strauß Sohn: Aus den Bergen, Walzer, op. 292
Franz von Suppé: Ouvertüre zu der Operette „Leichte Kavallerie"

- Pause - 

Josef Strauß: Sphären-Klänge, Walzer, op. 235
Josef Strauß: Die Spinnerin, Polka française, op. 192
Richard Wagner: Vorspiel zum 3. Akt der romantischen Oper „Lohengrin", WWV 75
Joseph Hellmesberger d.J.: Unter vier Augen, Polka mazur, op. 15
Josef Strauß: Hesperusbahnen, Walzer, op. 279
Josef Strauß: Galoppin, Polka schnell, op. 237
Joseph Lanner: Steyrische Tänze, op. 165
Johann Strauß Sohn: Melodien-Quadrille, op.112
Giuseppe Verdi: Prestissimo aus der Ballettmusik im dritten Akt der Oper „Don Carlo"
Johann Strauß Sohn: Wo die Citronen blüh'n, Walzer, op. 364
Johann Strauß Vater: Erinnerung an Ernst oder: Der Carneval in Venedig, Fantasie, op. 126

(kurier) Erstellt am
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