Kultur
03.07.2017

Neues von JAY-Z: Reime aus dem Maschinenraum

Der Rap-Industrielle meldet sich mit "4:44" zurück. Die Leistungsschau im Sample-Zerstückeln ist vor allem eines: Werbung für seinen Streamingdienst.

JAY-Z (ja, man schreibt den jetzt in GROSSBUCHSTABEN) hat es oft geschafft, den inneren Widerspruch für sich zu nutzen. Aufgewachsen in einem Armenviertel in Brooklyn, schaffte er es als Rapper zum Multi-Multimillionär. Er gilt als einer der erfolgreichsten Künstler überhaupt und hat (an der Seite seiner überaus flamboyanten Frau Beyoncé) auch als Unternehmer imposanten Erfolg. Sein jüngstes künstlerisches Baby trägt den Titel "4:44" und ist vor allem eines: Ein Marketingvehikel für seinen Streamingdienst Tidal. Dort ist das neue Album seit Freitag exklusiv erhältlich.

Apropos Widerspruch: Das Album ist eine eher mechanisch anmutende Leistungsschau im Sample-Zerhacken und unangestrengt- Zeile-an-Zeile-in-unterschiedliche-Tempi-gießen. Man erfährt Neues über das Leben von JAY-Z, etwa das seine Mutter jahrelang geheime Lesbe war, weil sie es aus Angst um ihre Familie nicht wagte, sich zu outen. Oder wie schlecht der arme Rapper sich fühlte, als er seine Frau betrogen hat (Beyoncé hat dieses schwere Kapitel ihrer gemeinsamen Ehe eindrucksvoll in ihrem 2016 erschienenen Album "Lemonade" öffentlich verarbeitet).

Der Albumtitel "4:44" sowie der gleichnamige Track sind darauf zurückzuführen, dass der untreue Gatte um diese Uhrzeit mit schlechtem Gewissen aufgewacht sei, weil er seine Frau betrogen hatte. An dieser Stelle muss man misstrauisch werden: Mischt hier jemand Kunst mit Boulevardschlagzeilen? Noch dazu über sich selber?

Die Platte hängt

JAY-Z hat sonst relativ wenig im Gepäck, was neu und erwähnenswert wäre: Er findet die neue Generation der Rapper doof, die dem Genre Trap angehören. Er beklagt, dass Schwarze immer noch benachteiligt werden (womit er offenkundig recht hat), er rappt über Gewalt und darüber, dass man bitteschön nicht mit Schusswaffen angeben möge, die abzudrücken man sich ohnehin nicht traue. Hier ist irgendwie ein ziemlich großes Stück Vinyl hängen geblieben. Dazu kommt – man will ja nicht als Spießer dastehen – die wirklich anstrengende Produktionsweise des gesamten Albums: Kein Sample bleibt unversehrt, jeder Hook wird sorgsam und aufwendig zerstückelt, um leicht verfremdet neu zusammengesetzt zu werden. Erstklassige Arbeit, die letzten Endes so kreativ-kraftmeierisch wirkt, dass es keine rechte Freude ist. Unbestritten: Handwerklich ist JAY-Z auf allen Ebenen ein Meister. Aber einer, der sich mittlerweile selbst so fordern muss, dass es für Außenstehende anstrengend wird. So klingt die Midlifecrisis, könnte man auch sagen. Viel Geld scheffeln, aber nicht mehr wissen, wohin mit seinen Bedürfnissen: In die Arme einer anderen Frau? Doch aufs Bankkonto?

Was am Spannendsten ist: Gemeinsam mit JAY-Z blicken wir live auf ein neues Playbook einer strauchelnden Branche. Er verzichtet auf Labels, (die ohnehin nur Prozente mitschneiden) und nun auch auf weitere Abzwacker: Tidal gehört ihm und prominenten anderen Künstlern wie Madonna oder Jack White. Und das ist wirklich höchst innovativ.