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Interview
01/16/2017

So war "Im Zentrum" - mit Interview Claudia Reiterer

Claudia Reiterer setzt auf Bürgernähe und trotzt Hasspostern im Netz.

von Philipp Wilhelmer, Anna Gasteiger

Der Einstieg zu Claudia Reiterers erster „Im Zentrum“-Sendung am Sonntag war gewöhnungsbedürftig: Man sah die Moderatorin in ein Fitnesscenter fahren und dort Menschen beim Sporteln interviewen. Die Diskussion selbst war dann sehr gelungen: Reiterer wirkte frisch, entspannt und im richtigen Ausmaß angriffslustig. Sie legte ihre Rolle aktiv an, mischte sich immer wieder ein und fragte nach, wenn ihre Fragen nicht beantwortet wurden.

Bemerkenswert auch ihr freundlich aber bestimmter Tonfall im Umgang mit FPÖ-Parteichef HC Strache. Die FPÖ hatte Reiterer im Vorfeld ja immer wieder wegen ihrer Ehe mit Van der Bellen-Wahlkampfleiter Lothar Lockl angegriffen. Reiterer ließ sich davon nicht ins Bockshorn jagen, sondern behandelte Strache wie jeden anderen Gast. Fazit: Reiterer bringt frischen Wind in das sonntagabendliche Politritual. Endlich.(von Anna Gasteiger)

Hohes Seherinteresse

Auch die Quoten der Debütsendung können sich sehen lassen: Reiterers "Im Zentrum"-Auftakt schaffte durchschnittlich 546.000 Seher bei einem Marktanteil von 23 Prozent. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Reichweite für "Im Zentrum" lag im Vorjahr bei 413.000 Sehern (Marktanteil: 19 Prozent).

Claudia Reiterer im Interview

KURIER: Immer wieder kommt der Vorwurf, dass die Gäste proporzmäßig besetzt sind. Die Runden der Klubobleute gelten als besonders schrecklich …

Claudia Reiterer: Wenn es um Themen geht, wo wir alle sechs Klubobleute befragen, weil es zum Beispiel um Neuwahlen geht, wird man natürlich alle einladen. Ich möchte aber in Zukunft eher vier bis fünf Gäste haben. Damit ist auch für den Einzelnen mehr Zeit, ein Thema zu vertiefen und mehr in die Diskussion zu kommen.

Gerade Diskussionssendungen werden sehr intensiv in sozialen Medien besprochen. Das vergangene Jahr war für Journalistinnen und Interviewerinnen dabei besonders geprägt von sexistischen Pöbeleien im Internet. Haben Sie sich dazu schon eine Art Schutzmechanismus zurechtgelegt?

Ich glaube schon, dass ich eine Art Neoprenanzug brauche. Wenn es extrem ins Persönliche geht, muss man schauen, ob man handelt oder nicht. Aber: Ich will das nicht in den Mittelpunkt stellen. Je mehr du dich auch darüber aufregst, umso mehr forderst du genau diese Menschen heraus, dann noch mehr zu schreiben und zu tun. Ich will grundsätzlich kein Speeddating der Information. Es soll also genau das Gegenteil von dem sein, was wir bei Social Media erleben.

Es ist aber schon bedrückend, dass der Hass im Netz vor allem ein Problem für Frauen wurde, oder?

Ja. In einigen sozialwissenschaftlichen Arbeiten wurde auch schon nachgewiesen, dass die Frauen mehr angegriffen werden. Warum das so ist, ist unklar, aber es ist halt auch so, dass die Gleichstellung von Mann und Frau noch keine Realität ist. Warum soll dass dann also auf Social Media anders sein? Das ist halt ein Urwald. Ich glaube aber, es ist falsch, wenn die klassischen Medien sich so auf die Pöbeleien konzentrieren, weil wir sie dadurch noch mehr füttern. Wir sollten mehr unsere Stärken betonen: Bei uns geht es dann darum, dass man sich eben eine Stunde hinsetzt und über ein Thema diskutiert. Und dadurch vielleicht zu einer völlig neuen Erkenntnis kommt.

Für Diskussionen hat das Kanzlersolo gesorgt. Würden Sie den Kanzler alleine einladen?

Ich habe mir davor Anne Will mit Merkel angesehen, diesie eine Viertelstunde interviewt hat und dann in die Diskussion gegangen ist. Ich bin schon verwundert, dass bei uns so ein Aufheben gemacht wurde. Prinzipiell finde ich, dass man offen dafür sein sollte, dass man einen allein einlädt, wenn es ein Topgast ist. Oder auch zwei. Und nicht verpflichtend mindestens zu viert dort sitzen muss. Ich möchte schon offen sein für solche Sachen.

Sie sind mit Lothar Lockl verheiratet, der zuletzt als Wahlkampfleiter für Alexander Van der Bellen fungierte. Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihnen Unvereinbarkeit vorwerfen?

Ich hätte wahnsinnig gerne, dass mein Mann auch so oft nach mir gefragt worden wäre wie ich nach ihm. Aber im Ernst: Es gibt für mich keine Unvereinbarkeit. Punkt.

Ist es frustrierend, wenn man als Frau immer wieder auf den Ehemann angesprochen wird? Umgekehrt ist das ja selten.

Nein. Dann dürfte ich auch keine Diskussionssendung machen, weil ich dort manchmal auch Fragen stellen werde, die dann andere frustrierend finden. Das ist überhaupt kein Thema. Offenbar sind aber viele überrascht, wenn Ehepaare nicht derselben Meinung sind oder vielleicht gar nicht dieselbe Partei wählen. Und sich nicht gegenseitig fragen, wo sie ihr Kreuzerl machen sollen.

Was wäre denn ein Vorwurf, den Sie nach einem Jahr überhaupt nicht hören wollen?

Das Schlimmste wäre, dass man sagt: "Das braucht man sich überhaupt nicht anschauen."

Sie haben vor 2009 die "Dancing Stars" gewonnen. Aus der Zeit gibt es unfassbar kitschige Aufnahmen von Ihnen. Bereuen Sie heute?

Nein. Ich kann nur jedem empfehlen, dass er einen Tanzkurs machen soll, wenn er Spaß haben will. Außerdem: Man sagt auch nicht umsonst "das politische Parkett". Das heißt, dass man sich bewegen können muss, dass man reagieren können muss, dass man aufsteht, wenn man hinfällt.