Thom Yorke von Radiohead

© APA/AFP/SYLVAIN THOMAS

Radiohead
05/10/2016

Radiohead: Die noch dunklere Seite des Mondes

"A Moon Shaped Pool" heißt das neue Album der prägenden Band, ein hoch destilliertes Stück Düsternis.

von Georg Leyrer

Radiohead, das ist die Band, bei der auch ein Song mit dem an sich freundlichen Titel "Daydreaming" in albtraumhaftem Bassgekeuche endet; die Band, deren Sänger direkt aus dem Witzebuch vorlesen könnte, und man würde sich trotzdem fragen, warum es ihm gar so schlecht geht.

Die sind nicht lustig, die haben es nicht leicht.

Und sie laufen dauernd Gefahr, auszurinnen, sich vollends aufzulösen. Jetzt nicht als Band, sondern musikalisch, vielleicht sogar existenziell. Songs sind bei Radiohead strukturbefreit, situationselastisch, eigentlich nur Namen für Dateien; in deren Grenzen aber kann alles passieren (außer: gute Laune).

So, genug eingestimmt auf die dunkle Seite des Mondes, auf der Radiohead wohnen und wo es nichts zu lachen gibt. Radiohead, vom Branchenmagazin NME nicht ganz zu Unrecht als Beatles des 21. Jahrhunderts bezeichnet, haben ein neues Album veröffentlicht. Man darf es kaufen und auch vereinzelt streamen. Es ist düster und komplex und verschachtelt, und die Instrumente tun darauf, was sie wollen, und der erste Song begrüßt den Hörer gleich mit einer "tief fliegenden Panikattacke" .

Es ist unverwechselbar Radiohead und in den entscheidenden Nuancen doch anders als die Vorgänger.

Thom Yorkes gequälte Stimme schraubt sich durch ausgedehnte Erkundungen des Fremdseins: Aus den lang gezogenen Tönen schälen sich Meditationen über die Selbstverteidigung gegen die Gegenwart heraus, über die Vergeblichkeit der Liebe und dass eh alles zu spät ist.

Freundlich

Täuschend freundlich gibt sich dazu manches Stück Musik, es gibt simple Klaviermelodien, Streicher, überraschend viele Songstrukturen und sogar Mitsingmelodien, aber all das wird umspielt, letztlich besiegt von Düsternis. Und die Streicher bäumen sich nicht nur ein Mal von sanftem Gesäusle zu einer schrillen Attacke auf alles, insbesondere auf die kopfhörerbekleideten Ohren des Radiohead-Zuhörers, auf. Denn dieses Album ist, wie all die gute Musik (Anohni, James Blake) der vergangenen Woche, Kopfhörermusik, die in schwindende Ecken und Randzonen lockt. Dort wurlt melodiöses und rhythmisches Eigenleben herum, das mit dem Song an sich kaum etwas zu tun hat.

Kaum vorstellbar, diese hoch konstruierte Klangwelt auf Rockfestivaltauglichkeit herunterzurechnen; aber das soll jetzt mal nicht das Problem des Albumkäufers sein. Der bekommt genügend hochkarätigen Stoff für Grübel-Stunden im verdunkelten Zimmer (Sommer genießen ist was für Schwächlinge, und blickdichte Vorhänge sind in vielen Möbelhäusern erhältlich). Er kriegt – endlich – eine Studioversion des 20 Jahre alten Songs "True Love Waits", und überhaupt: Viele der Songideen waren Fans schon in anderen Formen bekannt. Im mondförmigen Pool spiegelt sich das hochprozentig destillierte Radiohead-Universum. Zeit, einzutauchen. Fröhlichsein kann man in einem anderen Leben.

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