Kultur
13.01.2012

Nachruf: Marboe setzte Maßstäbe

Der langjährige Fernsehmacher und Festspiel-Intendant Ernst Wolfram Marboe ist im Alter von 73 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben

Es gibt kreative Vordenker, deren Ideen lange über ihr Ableben hinaus wirken. Der bürgerliche Politiker Jörg Mauthe, für die ÖVP Wiener Stadtrat von 1978 bis 1986, war so eine Persönlichkeit. Nun ist im Wiener AKH nach schwerer Krankheit Ernst Wolfram Marboe in der Nacht auf Freitag im Alter von 73 Jahren verstorben. Jeder, der den einstigen Rundfunk- und TV-Intendanten und dann Intendanten der Raimund-Festspiele Gutenstein kannte, wird es bestätigen: Ernst Wolfram Marboe war aus demselben Holz geschnitzt.

Der langjährige ORF-Programmintendant setzte in der österreichischen Fernsehunterhaltung Maßstäbe, die bis heute wirken: Er baute die TV-Säule FS2, heute ORF2, auf. Er war Miterfinder der ORF-Aktion „Licht ins Dunkel“. Gegen den Trend setzte er wieder Opernübertragungen aufs TV-Programm, zugleich förderte er die Populärkultur. Er startete die ORF-Kulturschiene „Kunststücke“ – und setzte sich mit der legendären TV-Runde „Cafe Central“ ein Fernseh-Denkmal.

Um nur ein typisches Erlebnis mit Marboe aus persönlicher Erfahrung zu schildern: Als Hörfunk-Intendant für Niederösterreich gab er in den 1970er-Jahren den Impuls für eine wöchentliche Kabarett-Sendung „Ui jegerln“ der Musikgruppe „Misthaufen“. Thematisch gab er den Produzenten völlig freie Hand – wahrlich nicht leicht im „heiligen Land Niederösterreich“. Was Ernst Wolfram Marboe sosehr auszeichnete, war seine Kreativität in allen Bereichen der Kultur und seine Offenheit gegenüber allen Strömungen der Gesellschaft: von Volksmusik bis Jugendkultur. Dass seinen Mitarbeitern gelegentlich das Wort vom „kreativen Chaos“ mit Betonung auf „Chaos“ in den Sinn und über die Lippen kam, tut dem keinen Abbruch.

Kulturmensch

Nur wer offen und kreativ ist, schafft neues Interessantes: So lautete Marboes kulturelles Credo. Seine Begeisterung für alle Facetten des kulturellen Lebens hatte er von seinem Vater Ernst Marboe, in den 1950er-Jahren Leiter der Bundestheaterverwaltung, Mitglied des Direktoriums der Salzburger Festspiele und Gründer der Austria Wochenschau, geerbt. Diese Botschaft versuchte Ernst Wolfram Marboe stets weiterzugeben – in seinen späten Jahren besonders auch in legendären Tarock-Runden in Perchtoldsdorf und im Salzkammergut. Geradezu sprichwörtlich wurden Marboes Streitgespräche im ORF – etwa, als der Programm-Intendant Marboe dem Fernseh-Intendanten Franz Kreuzer (SPÖ) „zweitausend Jahre katholische Intrige“ gegen „hundert Jahre Sozialdemokratie“ entgegenschleuderte. Dass in der Zusammenarbeit mit ORF-General Gerd Bacher die Funken sprühen mussten, war unausweichlich und führte ja zu Marboes ORF–Abgang 1993.

Ernst Wolfram Marboe war durch und durch Kulturmensch, Bildungsbürger – und glühender Österreicher mit prominenten Wurzeln: In seinem Haus in Perchtoldsdorf saßen nach Kriegsende oft Leopold Figl und Leopold Kunschak. Ernst Wolfram Marboes Mutter war die Cousine von Frau Figl, geborene Hemala.

Vermächtnis

Marboe dachte stets über den Tellerrand hinaus. Geradezu prophetisch seine Antwort in einem KURIER-Zeitzeugengespräch vor wenigen Jahren auf die Frage, ob Typen vom Schlage Leopold Figls heute noch Chancen in der Politik hätten: „Ich glaube nicht, dass sie heute noch Erfolg als Politiker hätten. Heute kann einer, der gut lügt, mehr Erfolg haben als einer, der schlecht die Wahrheit sagt. Nicht nur das Aussehen ist ausschlaggebend – auch das Kauderwelsch der Worthülsen. Daher wäre Medien-Ethik ein Gebot der Jetztzeit, um das Zusammenleben wieder erträglicher zu machen.“ Eine Botschaft, die es gerade heute mehr denn je zu beachten gilt.

"Das ORF Zentrum sollte ihm ein Denkmal errichten!"

"Niederösterreich verliert einen großen Kultur- und Menschenfreund", würdigte Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll den verstorbenen Ernst Wolfram Marboe in einer Aussendung. Er sei Niederösterreich tief verbunden gewesen und eine "hoch geachtete Persönlichkeit" der dortigen Theaterszene. Mit seinem persönlichen Einsatz für "Licht ins Dunkel" habe er auch sein "Herz für Menschen an der Schattenseite des Lebens" bewiesen, so Pröll in einer Aussendung.

Für Kulturministerin Claudia Schmied gehörte Marboe "zweifelsohne zu den einflussreichsten Medienmanagern und Kunstförderern" Österreichs. Ihm sei es außerdem wesentlich zu verdanken, dass hochkulturelle Events auch im Fernsehen ausgestrahlt werden. "Er popularisierte das scheinbar Elitäre", so Schmied, die auch Marboes "Einsatz für die Schwächeren" hervorhob.

Ernst Wolfram Marboe habe sich große Verdienste um den ORF erworben "und kann als einer der Großen der alten ORF-Garde bezeichnet werden", sagte der freiheitliche Generalsekretär Herbert Kickl: "Marboe hat das TV-Programm jahrzehntelang maßgeblich geprägt, besonders was österreichische Produktionen betraf."

Auch BZÖ-Kultursprecher Stefan Petzner zeigte sich "tief betroffen" über Marboes Ableben. "Man musste mit Marboe politisch nicht einer Meinung sein, aber er verkörperte das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit seinem Bildungsauftrag wie kaum ein anderer", so Petzner, laut dem Marboe mit "Licht ins Dunkel" einen "sozialen Meilenstein für Österreich gesetzt" habe.

Seinen größten Mentor hat Moderator Peter Rapp laut einem Eintrag auf seinem Blog http://peter-rapp.at verloren. Marboe sei "ein unglaublicher Medienmann, ein TV Visionär der besonderen Art" gewesen und habe "als erster in Europa" mit 3D- oder interaktivem Fernsehen Programm gemacht. "Es war die Zeit, in der uns die deutschen Fernsehmacher beneideten und kopierten", so Rapp. "Das ORF Zentrum sollte ihm ein Denkmal errichten!"

Stationen seines Lebens

Ernst Wolfram Marboe wurde am 10. August 1938 in Wien geboren. Sohn von Ernst Marboe (ab 1945 Leiter der Kulturabteilung Bundespressedienst, ab 1953 der Bundestheaterverwaltung, 1949 Gründer der Austria- Wochenschau).

Gymnasium auf der Schottenbastei. Anschließend Studium der Theaterwissenschaften, daneben Max-Reinhardt-Seminar. Nach dem Studium u.a. Regieassistenz in Salzburg.

Ab 1971 Leiter der Abteilung Hörspiel und Literatur im ORF-Landesstudio NÖ. 1976–1978 Landesintendant für Niederösterreich.

1978–1984 ORF-Fernseh-Intendant (FS2).

1984–1993 Programm-Intendant des ORF. Seit 2000 Intendant und Regisseur der Raimund- Festspiele Gutenstein.

Ernst Wolfram Marboe wurde am 10. August 1938 in Wien

geboren. Sohn von Ernst Marboe (ab 1945 Leiter der

Kulturabteilung Bundespressedienst, ab 1953 der

Bundestheaterverwaltung, 1949 Gründer der Austria-

Wochenschau).

Gymnasium auf der Schottenbastei. Anschließend Studium der Theaterwissenschaften,

daneben Max-Reinhardt-Seminar.

Nach dem Studium u.a. Regieassistenz

in Salzburg.

Ab 1971 Leiter der Abteilung Hörspiel und Literatur

imORF-Landesstudio NÖ.

1976–1978 Landesintendant für Niederösterreich.

D 1978–1984 ORF-Fernseh-Intendant (FS2).

D 1984–1993 Programm-Intendant des ORF.

D Seit 2000 Intendant und Regisseur der Raimund-

Festspiele Gutenstein.