Kultur
05.12.2011

Nachruf: Der schnelle Strich der Ewigkeit

Cy Twombly, einer der eigenwilligsten Künstler des 20. Jahrhunderts, starb mit 83 Jahren in Rom an Krebs.

In gewisser Weise war Cy Twombly schon als junger Künstler ein Alter Meister. Der US-Amerikaner zitierte in seinen Bildern gerne die Verse des Catull und anderer antiker Autoren, und als John F. Kennedy ermordet wurde, malte er als Reaktion einen Bilderzyklus über Leben und Tod des römischen Herrschers Commodus.

Gern hätte er mit dem französischen Klassizisten Nicolas Poussin getauscht, erklärte Twombly einmal in einem seiner raren Interviews. Für viele Betrachter waren seine oft monumentalen Bilder dennoch schwer mit klassischen Schönheitsidealen vereinbar: Der Vorwurf der "Kritzelei" wog so schwer, dass sogar der Kurator der großen Retrospektive im New Yorker MoMA 1994 sich bemüßigt fühlte, in einem Essay zu erklären: "Nein, Ihr Kind kann das nicht malen."

Scheu

Der Künstler Cy Twombly, der am Dienstag im Alter von 83 Jahren in Rom nach langem Krebsleiden starb, hielt all diese Kritiken und Diskussionen zeitlebens von sich fern.
Nach Studien in Boston, New York und am "Black Mountain College" in North Carolina stand Twombly gemeinsam mit seinen Freunden Jasper Johns und Robert Rauschenberg an einem Wendepunkt der Kunstentwicklung in den USA. Doch 1957 übersiedelte Twombly nach Rom - gerade, als New York sich als Zentrum der Kunstwelt etabliert hatte und die Weichen vom Abstrakten Expressionismus in Richtung Pop und Minimal Art gestellt wurden.

Dort - und später in seinem Domizil in der Ortschaft Gaeta - schuf Twombly fortan seine poetischen, historisch inspirierten, ausgeklügelten und doch mit sichtbarer Leichtigkeit gemalten Bilder. Seine Scheu vor der Öffentlichkeit trug mit der Zeit zur Aura des Künstlers bei: Gemeinsam mit seinen selbst für Kenner schwer zu entziffernden Bild-Text-Kombinationen ergab sich der Eindruck eines Genies, dessen Denken weit über die Gegenwart und das vordergründig Begreifbare hinausreicht.

Fixstern

Auch wenn die Begeisterung für Twombly selten ohne Widerspruch blieb, hatte sich der 1928 in Lexington/Virginia geborene Künstler Ende der 1980er Jahre seinen fixen Platz in der Kunstgeschichte gesichert. 1995 eröffnete die Menil Collection in Houston/Texas eine eigene, von Renzo Piano gestaltete Galerie für Twomblys Werke.

Diesseits des Atlantiks ist das Museum Brandhorst in München die wichtigste Pilgerstätte für Twombly-Fans: Der 2009 eröffnete Bau beherbergt über 60 seiner Werke. Ein Raum wurde für den zwölfteiligen, von einer antiken Seeschlacht inspirierten Gemäldezyklus "Lepanto" (2001) maßgeschneidert.

In Wien zeigte das MUMOK 2009 in einer großen Retrospektive auch Fotografien, die seit Studientagen ein Bestandteil von Twomblys Werk waren. Für die Saison 2010/'11 hatte der Künstler noch den Eisernen Vorhang der Wiener Staatsoper gestaltet.

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