Kultur
29.09.2017

Nachruf auf Hugh Hefner: Aufgeklärt im Schlafrock

Playboy-Gründer Hugh Hefner ist tot. Er revolutionierte die Gesellschaft und blieb am Ende doch ein Narr.

Playboy-Herausgeber Hugh Hefner ist tot. Sein Ruf eilte ihm voraus.

Das wäre eine mögliche Grab-Inschrift für den Verleger der berühmtesten Männerzeitschrift der Welt.

Eine andere wäre: Hugh Hefner, Befreier der Gesellschaft vom 19. Jahrhundert, ist tot. Er starb steinreich im 21. Jahrhundert.

Stand heute ist Hefners Lebenswerk wenig mehr als ein aus der Zeit gefallenes Schmuddelheft, das schon allein deshalb keinen groß interessiert, weil wir dank Internet eher zu viel nackte Haut sehen als zu wenig.

Doch als Hefner den Playboy in den staubigen fünfziger Jahren startete, war er nichts weniger als ein Revolutionär. Und er half tatsächlich, die Welt ein großes Stück offener, entspannter und (sexuell) freier zu machen.

Hefner war ein Ultraliberaler aus ultrakonservativem Elternhaus, unglücklich verheiratet und beruflich eine graue Maus, als er mit 27 Jahren um 500 Dollar die Rechte für eine anrüchige Fotografie von Marilyn Monroe kaufte, um sie in der ersten Ausgabe seines neuen Magazins abzudrucken: Der Playboy war geboren. Nackte Haut gab es vorher schon, aber Hefner schaffte es, sie aus der Schmuddelecke zu holen, indem er seine Models "geschmackvoll" (ja, aus dieser Zeit stammt dieser abgeschmackte Begriff) fotografieren ließ. Obszönitäten machte der Playboy nicht mit, auch den Weg der Pornografie beschritt Hefner mit dem Heft nie. Das bescherte ihm erste wirtschaftliche Rückschläge, als entsprechende Konkurrenzprodukte auf den Markt kamen.

Bonvivant

Hefner sah sich selbst als romantischer und intellektuell angehauchter Bonvivant. Er beschrieb seine Vision eines gelungenen Lebenswandels im ersten Leitartikel 1953 so: "Wir genießen es, Cocktails mit einem Horsd’œuvre zu mixen, ein bisschen Stimmungsmusik auf dem Phonograph aufzulegen und eine weibliche Bekanntschaft für eine leise Diskussion über Picasso, Nietzsche, Jazz und Sex einzuladen."

Der Playboy wurde rasch zur Lifestyle-Bibel für den aufgeklärten Mann, bevor er unausweichlich mit dem aufstrebenden Feminismus kollidierte: Die Journalistin Gloria Steinem hatte sich 1963 in einen "Playboy-Club" eingeschlichen und beschrieb in einem Aufdecker-Artikel, was sich die Frauen, die dort im Häschen-Kostüm arbeiteten, alles bieten lassen mussten. Hefner gelangte erstmals an die Grenzen seiner liberalen Anschauung und erklärte die "militanten Feministinnen" zu seinen Feinden.

Wie weit er seiner Zeit in anderen Aspekten des Zusammenlebens voraus war, zeigte seine 1959 gestartete TV-Show "Playboy’s Penthouse", in der er zu einer Art avantgardistischer Dinnerparty voller schöner Frauen und kluger Gespräche lud.

Dass damals schwarze und weiße Musiker an einem Tisch miteinander sprachen, sorgte für einen kleinen Aufstand. Vor allem im Süden der USA, wo zu dem Zeitpunkt immer noch strikte Rassentrennung herrschte, erregten solche neuen und von Hefner unaufgeregt begangenen Szenen die Gemüter.

Bei Hefner gab sich die damalige kulturelle Elite die Klinke in die Hand: Tony Bennett, Ella Fitzgerald, Max Lerner oder Norman Mailer waren zu Gast in der TV-Show. Im Heft schrieben US-Stars wie Kurt Vonnegut oder Woody Allen Essays und Kurzgeschichten.

Bubenhaftigkeit

Was man dem virilen Verleger ankreiden musste, war unter anderem die stete Bubenhaftigkeit seiner Philosophie: Eine Handlungsanleitung dafür, wie man etwa nachhaltig Liebesbeziehungen oder gar ein Familienleben ausfüllen könnte, konnte oder wollte er nie bieten – Hefner selbst setzte auf Multipartnerschaften mit bis zu sieben Frauen gleichzeitig.

Hefner ist jedoch auch ein Stück Mediengeschichte: Sein Playboy erlebte einen großen Medienzyklus an vorderster Front mit. Hefner partizipierte am Boom der Farbzeitschriften, mit denen man in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unvorstellbare Vermögen anhäufen konnte. Die Fahrt nach unten erlebte er genauso. 1971 ging der Playboy an die Börse. Danach kamen VHS-Pornos und später das Internet. 2011 kaufte Hefner seine Anteile wieder zurück und war wieder ein Privatunternehmer. Immerhin – er hatte die großen Umbrüche wirtschaftlich überlebt und auch heute ist Playboy eine der bekanntesten Marken der Welt.

Am Ende blieb Hefner, der die letzten beiden Jahrzehnte seines Lebens demonstrativ im Seidenpyjama verbrachte, ein Narr, der Frauen beglückte, die seine Enkelinnen sein könnten.

Wir haben ihm dennoch viel zu verdanken.