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MUSA
07/02/2013

Widerspruch, zeitversetzt: Wiener Kunst der 1970er

Ein Einblick in Kunst, Zeitgeist und Wiens Sammlungspolitik

von Michael Huber

Dank dieser Ausstellung ist nun also bekannt, was Franz West am 13. Oktober 1976, zwei Wochen vor der Geburt Ihres Rezensenten, so getan hat: Er stand auf, rauchte eine Zigarette, ging einkaufen, pinselte an einem seiner „Passstücke“ herum, rauchte wieder eine Zigarette, las, aß Gulasch (oder so etwas Ähnliches), und am späten Abend lag er in der Badewanne und rasierte sich.

Bei all dem ließ sich der Künstler von der Fotografin Friedl Kubelka ablichten; das „Tagesportrait“ ging später an die Sammlung der Kulturabteilung der Stadt Wien. Aus dieser speist sich nun die Schau „Die 70er Jahre – Expansion der Wiener Kunst“ (Bis 4. 1. 2014, www.musa.at), die dritte Sammlungsschau nach einer Aufarbeitung der 1950er und ’60er .

Es ist kein „Best-of“, sondern eine Exkursion zu vergangenen Vorstellungen des Sehens und Sammelns: Inwiefern konnten die amtlichen Kunstkäufer damals erkennen, welche Werke relevant sein und Bestand haben würden? Welchen Moden saßen sie auf? Was wirkt heute noch frisch, was blieb im Zeitgeist gefangen?

Spannende Frühwerke

In der Auswahl, die Musa-Chef Berthold Ecker und sein Co-Kurator Johannes Karel aus rund 3500 Sammlungsstücken trafen, blitzen einige Namen aus dem Kanon der österreichischen Kunstgeschichte auf: Die Gruppe „Wirklichkeiten“ ist da mit tollen Arbeiten von Martha Jungwirth und Franz Ringel vertreten, dazu Maria Lassnig, Valie Export, Peter Weibel. Vieles kaufte die Wiener Kulturabteilung schon, bevor der Name etabliert, der Stil gefunden war: Eine Polaroidserie des damals gerade 25-jährigen Hans Weigand von 1979 etwa, eine schlicht mit „Gottfried“ signierte Kinderbuchillustration von Gottfried Helnwein (1970) oder ganz frühe Zeichnungen des besagten Franz West.

Die Schau tut dennoch nicht so, als müsste sie Wiens Kulturbeamten der 1970er ob ihrer Kennerschaft auf die Schulter klopfen: Viele der Exponate unterstreichen den Befund, dass die Kunst der 70er in Wien häufig nachvollzog, was anderswo in den 1960ern passiert war.

Oft hantierten Künstlerinnen und Künstler misstrauisch mit Bausteinen von Konzeptkunst, Öko-Bewusstsein und Feminismus: Margot Pilz befand es etwa 1979 noch für nötig, unter eine Variation des Abendmahl-Motivs mit lauter Frauen den betulichen Satz zu schreiben, dass das Bild „Religionsvorstellungen des Patriarchats in Frage stellen“ solle. Nein, Wien war in den 1970ern vielleicht nicht Nabel der Kunstwelt. Aber ein Blick in diese Zeit lohnt allemal.

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