Kultur
09.11.2017

"Mord im Orient- Express": Großes Star-Aufgebot im Schatten des Schnurrbarts

Kenneth Branaghs Remake von Agatha Christies Krimi ist von gepflegter Langeweile.

Mit großem Star-Aufgebot hat der Brite Kenneth Branagh " Mord im Orient-Express" von Agatha Christie neu verfilmt. Doch die größte Sensation seines altmodischen Whodunit-Krimis bleibt der überdimensionierte Schnauzer von Meisterdetektiv Hercule Poirot, den Branagh gleich selbst verkörpert: Unerbittlich schlängelt sich die exaltierte Gesichtsbehaarung wie mausgraue Windbäckerei Poirots Backen entlang. Und das sieht faszinierend und unappetitlich gleichermaßen aus.

Bekanntlich hatte sich ja Agatha Christie nicht zufrieden gezeigt mit dem Bärtchen, das Albert Finneys Oberlippe in Sidney Lumets Version von 1974 zierte. Womöglich mit ein Grund für Branagh, zum Remake zu schreiten. Sein Poirot spielt die alles dominierende Hauptrolle – und damit er noch mehr zu tun bekommt, hat er dem schlauen Belgier einen "Love Interest" angedichtet: Wenn Poirot nicht gerade seine grauen Zellen anstrengt, führt er alberne Liebesgespräche mit einem Foto.

Messerstiche

Nun kann man davon ausgehen, dass viele Zuseher bereits wissen, wer jenen Mann ermordete, der tot im Luxus-Abteil des Orient-Express aufgefunden wird. Und natürlich sind alle mitreisenden Passagiere verdächtig. Branagh setzt daher auf große Schauwerte – wie etwa ein verzückt orientalisch anmutendes Jerusalem, das gleich zu Beginn das Kino als Ort der Attraktionen beschwört. Um diesen optischen Mehrwert zu erhöhen, streute er noch eine Handvoll Promis ins exquisite Dekor: Von einer anlassigen Michelle Pfeiffer bis hin zu Willem Defoe mit österreichischem Nazi-Akzent geben sich Hollywood-Größen die Klinke in die Hand. Doch ihre losen Kurzauftritte ergeben noch lange kein spannungsgeladenes Gesamtporträt eines Mordes: Sie bleiben blass im Schatten des Schnurrbarts.

INFO: Malta/USA 2017. 114 Min. Von und mit Kenneth Branagh. Mit Michelle Pfeiffer, Johnny Depp.

KURIER-Wertung:

Rassenhass im Vorgarten, Perversion im Keller

Die adretten Bewohner einer Kleinstadt der 50er-Jahre verwandeln sich in eine rassistische Meute, weil eine schwarze Familie einzieht. Zeitgleich spielen sich in der weißen Familie nebenan die wahrhaft kriminellen Vorgänge ab. Joel und Ethan Coen lieferten das Drehbuch – doch unter der Regie von George Clooney gerät die Komödie zur zahnlosen Kleinstadt-Karikatur. Wo er von Rassenhass erzählen will, mangelt es an Dringlichkeit.

Matt Damon muss sich als nur scheinbar braver Büro-Profi die Blutspritzer von der Stirn wischen. Mit einer nervös grinsenden Julianne Moore spielt er ein Mord-Pärchen, das sich im Keller den Hintern versohlt. Dass "Suburbicon" schließlich an den eigenen guten Absichten verblutet, kann man nicht dem Ensemble vorwerfen.

INFO: USA 2017. 105 Min. Von George Clooney. Mit Matt Damon, Julianne Moore, Oscar Isaac.

KURIER-Wertung:

Skurrile Coming-of-Age-Story für Spätzünder

Die Welt der beiden Brüder Ben und Barnabas lässt sich wohl am ehesten als traute Disharmonie bezeichnet. Bens scheint beseelt zu sein von einem Helfersyndrom, dem Barnabas seine störrische Behäbigkeit entgegensetzt. Bald wird klar, was dieses ungleiche Gespann zusammenhält: Barnabas, vom Bruder "Simpel" genannt, ist geistig behindert und trotz seiner 22 Jahre ein Kind geblieben. Für die Mutter ist Ben der "Mann im Haus", ohne den sie ihr Dasein als Alleinerzieherin nicht meistern könnte. Als sie unerwartet stirbt, soll Simpel in ein Heim eingewiesen werden. Ben will das mit allen Mitteln verhindern. Gemeinsam mit Simpel flieht er vor den Behörden und macht sich auf abenteuerliche Suche nach dem Vater, der die Familie verlassen hatte – überfordert von der Aufgabe, die ein behindertes Kind bedeutet.

Der Film basiert sehr lose auf einem sehr anrührenden und witzigen französischen Jugendroman, in dem die Autorin Marie-Aude Murails ihre behinderte Hauptfigur eine Studenten-WG in Paris durcheinanderbringen lässt.

Der deutsche Regisseur Markus Goller hat aus dem Stoff einen skurrilen Coming-of-Age-Film für Spätzünder gemacht, der trotz guter Schauspieler wesentlich eindimensionaler daherkommt als die Vorlage. Die engen Grenzen der schnöden Vernunft vermag Simpel aber auch als Filmfigur auf sympathische und bisweilen auch mitreißende Weise zu sprengen.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: D 2017. 113 Min. Von Markus Groller. Mit David Kross, Frederick Lau, Annette Frier.

KURIER-Wertung: