Kultur
28.03.2017

Monika Willi: "Loslassen und sich trauen"

Schnittmeisterin Monika Willi über ihre Arbeit an Michael Glawoggers Filmfragment "Untitled".

Die diesjährige Diagonale eröffnet heute Abend in Graz mit einem Fragment. Es heißt „Untitled“ und ist jenes Material, das der Filmemacher Michael Glawogger in Afrika und auf dem Balkan gedreht hat. Seinen ursprünglichen Plan, während einer Weltreise ohne vorgegebenem Thema zu filmen, was sich seinem Auge anbot, konnte er nicht ausführen. Im April 2014 starb Michael Glawogger in Liberia an Malaria.
Nun hat seine Cutterin Monika Willi aus den 70 Stunden charismatischen Bildern einen beseelten Film montiert. Über viele Jahre hinweg hat die geborene Tirolerin für Glawogger – wie auch für Michael Haneke – die Filme geschnitten. Dass „Untitled“ nun die Diagonale eröffnet, freut Monika Willi ganz besonders, zumal Graz Michael Glawoggers Geburtsstadt ist.

KURIER: Wann war für Sie klar, dass Sie aus dem Material von Michael Glawoggers unvollendetem Reiseessay einen Film machen werden?

Monika Willi: Ich möchte hier zwei Dinge unterscheiden: Das eine ist eine persönliche, sehr private Trauer; das andere ist ein Filmprojekt, mit dem ich seit vielen Jahren zu tun hatte und in das ich von Anfang an involviert war. Das Material dieses Projekts lag auf meinem Schnittplatz, und die Frage stellte sich: Was passiert damit? Es gab viele Optionen, und es lag nicht auf der Hand, dass die Cutterin es übernimmt. Aber ich wusste, ich wollte es unbedingt machen, und die Produktionsfirma (Lotus Film) und Andrea Glawogger (Glawoggers Frau) haben es erlaubt – und die Filminstitutionen haben es dankenswerter gefördert. Diese Entscheidung kam erst später, Monate nach Michael Glawoggers Tod.

War das Schneiden auch eine Form der Trauerarbeit?

Das war es natürlich, weil der gute Freund und wunderbare Regisseur nicht mehr am Leben ist. Aber es war auch eine sehr schöne Arbeit, weil das Material so toll ist, verbunden mit sehr vielen Fragen: Was darf ich? Wie darf ich’s? Was ist meine Rolle? Man will es so gestalten, wie er es hätte gestalten wollen, aber das geht nicht. Das sind lange Prozesse. Und irgendwann muss man loslassen und sich trauen, sich von dem Druck zu lösen, der auf so einem Projekt lastet.

Sie sprachen von der Schwierigkeit, das erste Bild, den ersten Schnitt zu finden. Jetzt beginnen Sie mit einem Vogelflug, in dem man auch kurz Michael Glawogger im Bild sieht. Warum?

Der Vogelflug, das Hotel Eden im Hintergrund, Michael und die Art, seiner dokumentarischen Arbeit, wenn er fragt: "Wollen wir da (ins Feld) reingehen?" – "Ja!", schreit Attila Boa, der Kameramann. Das ist ein Sinnbild, das viel erzählt. Mir war auch wichtig, dass der Zuseher am Beginn weiß, was die Ausgangslage war: Dass Michael mit Attila Boa und Manuel Siebert (Ton) aufgebrochen ist, dass sie vier Monate gedreht haben, dass er gestorben ist, und dass wir dann begonnen haben, den Film zu realisieren.

Von Michael Glawogger stammt der Satz, dass nur in der größtmöglichen Bewegung die Geschichten auf einen zukommen. Hat das Ihren Schnittrhythmus mit bestimmt?

Seinen konkreten Satz über "Untitled", einen Film, der ständig in Bewegung sein soll, habe ich erst nach der ersten Rohfassung gefunden, und er erklärt das Reiseprojekt sehr klar und einfach. Meine Aufgabe war es aber, Spannung herzustellen zwischen zwei geografischen Orten, an denen gedreht wurde und die sehr unterschiedlich sind: dem Balkan und Afrika. Es war eine sehr kontrapunktische Annäherung – beispielsweise über Kindheit und Religion. Auch Gewalt war ein großes Thema. In den Bildern auf dem Balkan ist Krieg gleichzeitig vergangen und präsent und wird in größtmöglicher Stille und Distanz erzählt. Und dann springt der Film zu einer sehr direkten Schlägerei an einer Wasserstelle in Freetown (Sierra Leone), die uns zeigt, was tatsächlich passiert, wenn geprügelt wird. Für mich war es eine zweite Reise im Schneideraum.

Was verbindet Ihrer Meinung nach diese Reisebilder? Ein Interesse am "nackten Leben"?

Michael Glawogger hat immer gesagt, dass man sich als Filmemacher für irgendeine Art von Leben, in das man filmisch eintaucht, entscheiden muss. Während sich jemand wie Michael Haneke für das Großbürgertum interessiert, waren seine Themen Arbeiter, Sexarbeiterinnen – also diejenigen, die man als Arme und Ausgebeutete bezeichnet. Ihn haben weder die Reichen noch die Schönen interessiert, oder sagen wir so: Die Schönen haben ihn schon interessiert, besonders die Schönheit im vermeintlich Hässlichen.

Am Mistplatz, zum Beispiel?

Ich habe einmal mit Michael telefoniert und er sagte, er habe schon wieder einen Mistplatz gedreht, obwohl er das gar nicht vorhatte. Aber daran erkennt man gut das Prinzip von "Serendipity" (glücklicher Zufall): Er ist nicht ausgezogen, um noch einen Mistplatz zu drehen. Das hat er in "Megacities" gemacht und er meinte, die Welt brauche keinen Dokumentarfilm mehr, wo ein Mistplatz vorkommt. Aber dann fand er wieder einen, mit vielen Ziegen und Eseln und bunten Plastiksackerln, wo Menschen und Tiere hinkommen. Und zu beobachten, wie sie leben und streiten, das war so schön. Besonders die zarte Szene, wo ein Mann einer kleinen Ziege zu essen gibt, ist mir sehr ans Herz gewachsen.

Texte von Michael Glawogger begleiten die Bilder. Da ist oft die Rede vom Verlust der Freiheit, zum Beispiel in der Kindheit, wenn er Buben in Freetown beim Skateboarden mit Wasserkübeln beobachtet.

Ja, das sind literarische Texte, in denen man Michael sehr stark spüren kann. Freiheit war ein großes Thema von ihm, gerade auch, was Kindheit betrifft. Er selbst hatte keine Kinder, aber er hat natürlich mitbekommen, wie sich alles verändert und wir heute mit unseren Kindern angeschnallt durchs Leben rennen – ganz im Sinne des "Helicopter Parenting". Damit verbunden stellte sich ihm die Frage: Wie groß ist diese Welt noch? Gibt es Orte, wo man sich verstecken kann, wo kein Google Earth und keine Telefongesellschaft dich findet und wo es keine Kreditkarten gibt?

Warum haben Sie sich entschieden, dass eine Frau – in der deutschen Fassung Birgit Minichmayr – Glawoggers Texte liest?

Zum einen spielt der Film fast ausschließlich draußen und in öffentlichen Räumen. Wenn große weite Naturbilder zu sehen sind und man dazu eine männliche Stimme hört, glaubt man sich schnell bei "Universum". Genauso war es mir auch wichtig, jede Art von touristischem Blick möglichst zu vermeiden. Das andere ist: Wenn ich es könnte, hätte ich das Voice-over selbst gelesen.

In Harper, Liberia, kurz vor seinem Tod, entstanden sehr berührende Texte, die von seiner Sehnsucht nach dem Verschwinden erzählen.

Diese Idee des Verschwindenwollens war ein alter Kindergedanke von ihm, den er oft in seiner Arbeit thematisiert hat. Aber er hat diese Texte tatsächlich wenige Tage vor seinem Tod geschrieben, insofern hat die Lesart, dass das Verschwinden mit dem Sterben zu tun hat, seine Berechtigung. Aber Harper ist wirklich ein desolates Stück Erde – da kann man schon auf die Idee kommen, dass man verschwinden könnte, weil dort einfach nichts ist.