Danila Tkachenko fotografierte drei Jahre lang Eremiten und ihre Behausungen in Russland und der Ukraine.

© /Danila Tkachenko/Peperoni Books

Einsiedler
07/13/2015

Moderne Eremiten: Rückzug statt Rebellion

In neuen Fotografien, Büchern und Filmen erscheint der Eremit als hoch aktuelle Figur unserer Zeit.

von Michael Huber

Ich mag keine Menschen. Mag nicht mit ihnen reden. Wo auch immer du hingehst, verfolgen sie dich und versuchen, dir ihre abscheuliche Lebensweise aufzudrängen."

So spricht einer der Protagonisten in Danila Tkachenkos Foto-Buch "Escape". Für die Bildserie, die 2014 auch den "World Press Photo Award" für Porträts gewann, spürte der russische Fotograf Menschen auf, die sich in Sibirien, im Uralgebirge und anderen entlegenen Gegenden zurückgezogen hatten. Manche, erklärt Tkachenko, hatten bei seiner Ankunft schon länger als zehn Jahre allein gelebt.

Einsiedler und Aussteiger hat es immer gegeben – wenn Fotografen, Künstler und Literaten sie in die Sphäre der Kultur überführen, kommt ihnen jedoch eine symbolische Bedeutung zu, die auch Schlüsse auf die Welt der Nicht-Aussteiger zulässt.

Einsiedler in "Escape" und mumok-Ausstellung

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Danila Tkachenko, "Escape"…

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Danila Tkachenko, "Escape"…

Danila Tkachenko, "Escape"…

Danila Tkachenko, "Escape"…

John Skoog Aufnahme von Karl-Göran Persson, 1981 …

John Skoog…

Keine Hippies

Tkachenkos Eremiten von heute erscheinen nicht als politische Menschen wie Henry David Thoreau, der nach seiner Einsiedelei am Walden-See 1845–’47 gegen Sklaverei und für zivilen Ungehorsam eintrat.

Sie sind auch keine Hippies oder Lebensreformer wie Gusto Gräser, der um 1900 als neuer Diogenes durchs Land zog und seine Vision einer Idealgesellschaft später in der Kommune am Schweizer Monte Veritá zu realisieren suchte. Es sind Aussteiger, die Freiheit im völligen Abbruch sozialer Beziehungen finden – oder zumindest darauf hoffen.

"Während man vor 30 Jahren vielleicht noch das Gefühl hatte, im System etwas bewegen zu können, erkennen heute viele Menschen, dass das nicht möglich ist", befindet der österreichische Autor Erwin Uhrmann. "Das führt dazu, dass man das System nur für sich selbst verändert."

In Uhrmanns Roman "Ich bin die Zukunft" zieht sich der Protagonist auf eine Berghütte zurück. Während er dort haust, kippt die restliche Welt ins Chaos.

Die Idee, einmal der letzte Mensch auf Erden zu sein, hatte auch Karl-Göran Persson: Der schwedische Landarbeiter baute nach 1945 ein kleines Haus zu einer Festung aus, in der er hoffte, eine bevorstehende russische Invasion zu überstehen. Der Film "Reduit" von John Skoog, derzeit im Wiener mumok zu sehen, zeigt das Haus im Detail und lässt viele Vermutungen über den Erbauer zu.

Seltsam und normal

Spiegelt sich in solchen Bildern nur Paranoia? Oder doch so etwas wie Zeitgeist?

Auch wenn Rückzug eine naheliegende Reaktion auf aktuelle Krisen sein mag, zeigen die genannten Beispiele aus Kunst und Literatur keine "Vorbilder". Aussteiger, durch Kunst sichtbar gemacht, seien vielmehr Prüfsteine für die Gesellschaft, findet der norwegische Fotograf Espen Rasmussen.

Rasmussens prämierte Serie "Oddballs" zeigt ebenfalls Sonderlinge, Eremiten, Randfiguren. "Die Frage ist: Können unsere modernen sozialen Strukturen diese Leute noch aufnehmen?" erklärt der Fotograf dazu. "Oder gibt es heute keinen Raum mehr für jene, die beschließen, Abstand von der Gesellschaft zu nehmen?"

Die bessere Welt liegt diesem Argument nach nicht in der Einsiedelei. Sie liegt in einer offeneren Gesellschaft.

Aussteiger im Bücherregal

Walden
Der Klassiker der Aussteigerliteratur von Henry David Thoreau erschien kürzlich in einer deutschen Neuausgabe (Diogenes Verlag, 512 Seiten, 20,50 €).

Ich bin die Zukunft
Erwin Uhrmanns dystopischer Roman über einen alpinen Einsiedler erschien im Limbus Verlag (176 Seiten, 18,90 €, www.limbusverlag.at).

Escape
Das Fotobuch mit der preisgekrönten Porträt-Serie russischer und ukrainischer Aussteiger von Danila Tkachenko erschien bei Peperoni Books (120 Seiten, 40 €, www.peperonibooks.de; Website des Fotografen: www.danilatkachenko.com).

Oddballs
Die Arbeit des Norwegers Espen Rasmussen wurde zuletzt in der Preisträger-Schau "The New Social" des "European Photography Exhibition Award" gezeigt (Katalog im Journal Verlag, Stockholm; www.epeaphoto.org). Sie wird laufend erweitert und soll dann als Buch erscheinen (www.espenrasmussen.com; www.panos.co.uk)

John Skoog: Värn
Im Zentrum dieser Ausstellung steht der Film "Reduit (Redoubt)": Mit der Arbeit über die befestigte Behausung des Sonderlings Karl Göran Persson gewann der Künstler John Skoog 2014 den Baloise-Kunstpreis. Das Werk, das in Folge für das Wiener mumok erworben wurde, wird in der Schau mit weiteren Filmen Skoogs und mit einer Materialsammlung der Künstlerin Laurie Parsons kontextualisiert (bis 27. September, mumok Wien, www.mumok.at; der Katalog zur Schau erschien im Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 208 Seiten, 24,95 €).

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