Teenager Agrippina

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Claire Bretécher
04/13/2015

Mit schwarzem Humor gegen Macho-Comics

Wie die französische Karikaturistin Claire Bretécher mit den Machos des Comic-Gewerbes fertig wurde.

von Barbara Mader

Schwarzer Humor ist Claire Bretéchers Spezialität. Bei der französischen Karikaturistin kriegen alle ihr Fett ab, Frauen ebenso wie Männer. Bretécher war bereits in den 1970er-Jahren wie ihre deutschen Kolleginnen Franziska Becker (sie zeichnet für die Emma) und die vor Kurzem verstorbene Illustratorin Marie Marcks eine Vorreiterin in der Männerdomäne Karikatur, in Frankreich "BD", "Bande Dessinée" genannt.

Mit ihrer Cartoon-Serie "Die Frustrierten" wurde die Zeichnerin berühmt und hat sich in Frankreich im von Männern dominierten Cartoon-Olymp einen ranghohen Platz erkämpft. Der Weg dahin war hart.

Vor Jahrzehnten, als sie beim damaligen Charlie-Hebdo-Chefredakteur François Cavanna vorstellig wurde, versuchte dieser, Bretécher mit derben Macho-Sprüchen abzufertigen, erinnert sich die Zeichnerin Catherine Meurisse in ihrem Buch "Drôles de femmes" ("Komische Frauen"). Meurisse arbeitet heute als einzige Frau bei dem oft als sexistisch kritisierten Magazin.

In "Drôles de femmes", 2010 mit der Drehbuchautorin Julie Birmant publiziert, setzt sie sich mit ungewöhnlichen Künstlerinnen und dem hartnäckigen Vorurteil auseinander, guter Witz habe notwendigerweise mit Testosteron zu tun. "Außerdem können Männer Frauen nicht richtig zeichnen", lautet Meurisses’ Klischee-Retourkutsche.

Scheinschwanger

Claire Bretécher kann das. Ihre erste Cartoon-Serie hieß "Zellulite", Protagonistinnen späterer Comics sind scheinschwanger oder machen den "Bleistifttest": Lässt sich ein Bleistift zwischen Brust und Brustkorb einzwicken, ohne dass er herunter fällt, sollte man einen BH tragen.

Bretéchers Direktheit war ihre Antwort auf das Macho-Gehabe der Comic-Gemeinde.

1940 in Nantes geboren, begann Bretécher ihre Karriere als Zeichnerin 1963 mit einer Zusammenarbeit mit René Goscinny. Berühmt und auch im deutschen Sprachraum bekannt wurde sie mit der Serie "Die Frustrierten", zunächst im Pariser Wochenblatt Nouvel Observateur und später als Einzelalben publiziert. Maliziös und scharfsinnig stellt Bretécher die Wehwehchen einer saturierten Post- 68er-Gesellschaft im Pariser Intellektuellen-Milieu der 1970 und 80er dar. Anti-autoritäre Erziehung hier, kaputte westliche Kultur da. Dazwischen Männer, die "nicht ihres Körpers willen geliebt" werden wollen und Frauen, die mit ihrer Figur hadern, aber nach zwei Kniebeugen wieder mit dem Fresstablett vor dem Fernseher Platz nehmen. Auf den Punkt getroffen in ihren körperlichen und seelischen Unebenheiten sind diese "Frustrierten", die heute noch so zeitgemäß und lesenswert wie spätere gesellschaftliche Bestandsaufnah- men sind. In "Monika, das Wunschkind" und dem wunderbaren Album "Die Mütter" geht’s um die absurden Auswüchse von Kinderwünschen, in "Allergien" um tatsächliche und imaginierte Unverträglichkeiten. Und immer wieder um die (eingebildeten) Probleme des Mittelstandes. So ist auch im nun auf Deutsch erschienen achten "Agrippina"-Album Putzfrau Candida die einzige Normale.

Neurotisch

Agrippina ist ein verwöhnter Teenager mit neurotischen Eltern, die sich nun scheiden lassen, um ihr Sexleben aufzupeppen. Der lästige kleine Bruder hat derzeit eine Identitätskrise und trägt Frauenkleider, die Oma streitet mit Agrippina um Trend-Boots aus dem Material "Stress-Gürteltier": "Bevor es erschlagen wird, zeigt man dem Tier Schuhe und Taschen aus der Haut seiner Eltern. Das stresst es total, und es sträubt die Schuppen. Das ist dann schöner und teurer," schreibt Bretécher gewohnt boshaft. Die sympathischste Figur ist neben der Putzfrau Agrippinas Urgroßmutter, die einen Kinderwagen an Stelle eines Rollators herumschiebt, weil Letzterer sie zu alt aussehen ließe. Sie erkennt niemanden mehr, ihr Hauptinteresse gilt Kuchen und den Graffitis, mit denen sie die Wände ihrer Nobelsenioren-Residenz verschönert: Sie gewinnt damit den "von Georg Baselitz geleiteten Wettbewerb zur Neugestaltung der Vorhalle des Landesgerichts". Vorbild, erzählte Bretécher in einem Interview, sei die energische, bis ins hohe Alter potente Bildhauerin Louise Bourgeois gewesen.

INFO: Claire Bretécher: „Agrippina: Fix und fertig“. Aus dem Französischen von Kai Wilksen. Reprodukt. 56 Seiten. 15,50 Euro.

Die Welt hätte sich mit mehr Schmäh viel erspart

Comics über Geschichte seien "erstaunliche Bildungshilfen, und seien sie noch so albern", schreibt die kanadische Zeichnerin Kate Beaton im Vorwort ihres lesenswerten Bandes "Obacht! Lumpenpack" (Zwerchfell Verlag. 168 S., 27,40 €).

Eine treffende Analyse und ein ebenso treffender Titel, denn "Lumpen" waren ziemlich viele dabei in jenen historischen Momenten, deren sich Beaton in ihren lustigen, klugen und ja, manchmal albernen Geschichts-Miniaturen annimmt. Da ist zum Beispiel ein Mann namens Napoleon, dem leider jegliches Verständnis für Geschichte fehlt. "Keine Zeit für witzlos Geschischte! Zurück ins Gefescht", heischt er mit französischem Akzent. Was lernen wir daraus? Die Welt hätte sich viel erspart, hätte sie im Lauf ihrer Geschichte auf besseren Schmäh gesetzt.
Die Geschichte der Gründerjahre des Hip-Hop und eines ihrer vergessenen Akteure erzählen Julian Voloj (Text) und Claudia Ahlering (Zeichnungen) in ihrem Buch "Ghetto Brother" (avant Verlag, 128 S., 20,60 €). Benjamin "Yellow Benjy" Melendez, Sohn jüdischer Einwanderer aus Puerto Rico, wuchs in den gottverlassenen Gegenden der South Bronx der 1960er-Jahre auf, wo Drogen und Kriminalität den Alltag bestimmten. Man schloss sich Gangs an, um auf dem harten Pflaster zu überleben, aber auch, um Solidarität zu suchen. Die größte Gang, die Ghetto Brothers, angeführt von Melendez, wurde 1971 durch ein von ihm initiiertes Friedensabkommen zwischen den Jugendgangs berühmt. Statt durch Bandenkriege machte die Bronx nun durch Hip-Hop und Graffiti von sich reden. Künstler wie Afrika Bambaataa, der als der Pate des Hip-Hop gilt, baute seine Kunst auf diesem Waffenstillstand auf. Lesenswert!
Ein Prachtexemplar einer Graphic Novel ist "Humboldts letzte Reise (Étienne Le Roux, Vincent Froissard, Knesebeck, 160 S. 25,70 €). Alexander von Humboldt, Naturforscher im Ruhestand, erhält die Nachricht, dass sein Forscher-Kollege Aimé Bonpland im Dschungel Amazoniens verschollen ist und macht sich auf den Weg an die Grenzen der Realität.
Ein unspektakuläres, dennoch berichtenswertes Leben führten "Ethel & Ernest" (Reprodukt, 104 S., 20,60 €), die Eltern des britischen Autors Raymonds Briggs, der ihnen mit dieser Graphic Novel ein berührendes Denkmal setzt und zugleich ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte erzählt. Zwei Menschen geprägt von Krieg und Not, von Liebe und Zärtlichkeit.
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