Kultur
21.09.2017

Mit hipper Kunst am rechten Ort

Dank "Viennacontemporary" und "Parallel" ist Wien derzeit Kunst-Hauptstadt.

"Wien hat ein Triple C", jubilierte Dmitry Aksenov, Eigentümer der Kunstmesse Viennacontemporary, am Mittwoch. Das "CCC" bedeutet in Aksenovs Diktion "contemporary culture capital", also "Hauptstadt zeitgenössischer Kultur" – und die Messe, die bis Sonntag zum sechsten Mal unter der Flagge des russischen Immobilien-Entwicklers stattfindet, habe zu diesem Status beigetragen.

Tatsächlich präsentiert sich der Kunstmarktplatz auch heuer wieder mit gleichsam schicker wie entspannter Atmosphäre und einem guten Mix aus etablierten und aufstrebenden Galerien als eine Veranstaltung, die einer Großstadt gut zu Gesicht steht. Laut Aksenov rangiere die Messe unter den 20 wichtigsten weltweit, er sähe sie gern unter den ersten fünf – welche Ratingagentur die zitierten Bewertungen vergibt, blieb allerdings unklar.

Zeitgenössisches zählt

Fest steht: Kunstmessen punkten nicht nur mit Umsatzstärke, sondern auch mit Symbolik, es muss Neues, Aktuelles, Cooles geben.

Bei der Viennacontemporary ist dies heuer ein Bereich mit dem Titel "Solo & Sculpture", in dem kleine Kojen je einem skulpturalen Werk gewidmet sind: Neben einem rotbraunen Environment von Joëlle Tuerlinckx (Galerie nächst St. Stephan) und einem exakt auf die Räume abgestimmten Einbau des Belgiers Koenraad Dedobbeleer (betreut von Georg Kargl, der seine Galerie nun "Gesellschaft für projektive Ästhetik" nennt), wählte Kurator Miguel Wandschneider auch ein Werk von Bruno Gironcoli aus. Seltsamerweise findet sich eine zweite Version des Werks gleich um die Ecke bei der Galerie Thoman noch einmal – ein unglücklicher Fall von Nicht-Koordination.

Nicht ganz neu, aber unverändert frisch ist das Messeformat "Zone 1", das ebenfalls ausgewählte jüngere Positionen zeigt. MAK-Kuratorin Marlies Wirth wählte etwa Kay Walkowiak, der Boxsäcke mit geometrischen Mustern in einer von Le Corbusier hergeleiteten Farbpalette anfertigte (Galerie Zeller van Almsick). Klug ist daneben die Installation des Duos Maria Anwander und Ruben Aubrecht (Galerie Lisi Hämmerle), die den Instagram-wütigen Messebesuchern eine milchige Trennwand mit einem Urheberrechts-Hinweis entgegenstellt, in der Koje aber mit zur Unkenntlichkeit verwischten Agentur-Fotos selbst Copyright umgeht.
Wenn "Content" der eine Faktor für den Messeerfolg ist, dann ist "Location", um im Neusprech zu bleiben, der andere: Die Viennacontemporary (bis 2014 als "Viennafair" im Messezentrum) hat durch die Übersiedlung in die Marx Halle zweifellos gewonnen – zu deren Zukunft ist aber das letzte Wort noch nicht gesprochen. Wie Geschäftsführer Renger van den Heuvel sagte, sei für 2018 noch kein Vertrag unterzeichnet, man sei aber guter Hoffnung, bleiben zu können. Noch-Pächter Herwig Ursin möchte die Halle kaufen – sollte der Deal über die Bühne gehen, dürfte auch der Messestandort bleiben.

Nomaden der Kunst

Für die Satelliten-VeranstaltungParallel Vienna, die heuer zum fünften Mal stattfindet, ist Wanderschaft dagegen zum Markenzeichen geworden: Nach zwei Jahren in der Alten Post in der City sei man heuer aber fast an der Herbergssuche gescheitert, sagte Leiter Stefan Bidner.

Nun residiert die Messe in der einstigen Sigmund-Freud-Privatuniversität in Erdberg: Bis Sonntag lassen sich die abgewohnten Räume des 70er-Jahre-Baus durchstreifen, die oft auf faszinierende Weise transformiert wurden – etwa mit schrägen "Wunschmaschinen" von Patrick Schabus, tollen Foto- und Möbel-Arrangements von Sula Zimmerberger und Karin Maria Pfeifer (Projektraum "flat 1") oder einer Resopal-Idylle von Marko Lulić (Galerie Senn).

Bald nach der Messe wird der Bau abgerissen, umdrei WohntürmenPlatz zu machen, die bei der Messe natürlich beworben werden: Nicht nur Kunst profitiert von der "Location", auch die "Location" nutzt die Kunst.