Kultur
19.01.2018

Wie der David an die Kellerwand kam

Es ist ein Kunstkrimi: 1530 floh Michelangelo vor den Medici in einen Keller. 2020 werden die dort entstandenen Zeichnungen gezeigt.

1975 begibt sich Paolo Dal Poggetto auf die Suche. Das Museum der Medici-Kapellen in Florenz braucht einen neuen Touristen-Ausgang, und der damalige Direktor inspiziert deshalb mit Kollegen sogar die Garderobe der Neuen Sakristei. Überrascht entdecken sie eine Falltür, die über eine Steintreppe in einen länglichen Raum voller Kohle führt. Dal Poggetto denkt erst, es sei eine Abstellkammer.

Weil er sich aber in Florenz befindet, der Heimat vieler überragender Renaissance-Künstler, will der Museumsdirektor kein Risiko eingehen: Experten verbringen also Wochen damit, Putz und Dreck mit Skalpellen zu entfernen. Was zu Vorschein kommt, ist spektakulär: An einer Wand des vergessenen Raumes prangen Kohlezeichnungen; eine Rückenansicht erinnert frappant an ein Gemälde Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle, wie sich überhaupt viele seiner Hauptwerke an den Wänden wiederfinden (siehe Bild unten).

Doch wie kamen sie dort hin? Eine Spurensuche beginnt:

Rückblick, Florenz 1527

Ein Volksaufstand erschüttert die Stadt. Die Bürger vertreiben die Medici – wieder einmal. Die so genante Volksdemokratie setzt sich für die Gleichheit aller Menschen ein, ein Ideal das auch Michelangelo Buonarotti teilt. Darum kommt der berühmte Renaissance-Künstler aus Rom und engagiert sich im Stadtparlament politisch. Sein eigentlicher Beruf wird zweitrangig. Er wird General-Gouverneur und Generalplaner für die gesamten Verteidigungsanlagen, investiert sein Privatvermögen in die Vorhaben der Volksdemokratie. Kurz: Michelangelo stellt sich gegen die Medici, obwohl er seine Karriere der mächtigen Familie verdankt.

Doch den Medici gelingt 1530 die Rückkehr an die Macht. Pest und Hunger hatten die Bevölkerung geschwächt, der Verrat eines Söldnerführers tat das übrige.

Die Medici rächen sich mit einer Hinrichtungswelle. Nach Michelangelo wird gefahndet, sein verlassenes Haus mehrfach durchsucht, er muss untertauchen, versteckt sich zuerst im Glockenturm von San Niccolo jenseits des Arno, dann im Keller unter der Sakristei von San Lorenzo, der Familien-Ruhestätte der Medici, an der er gerade arbeitet.

Drei Monate soll er dort verharrt haben, zum Zeitvertreib hatte er nur die Wände und ein Stück Kohle. So wollen es die Legende und Paolo Dal Poggetto wissen.

Was ist wahr?

"Die Geschichte über Michelangelos Flucht ist eine geniale Erfindung", glaubt dagegen Sebastian Schütze, Kunsthistoriker an der Universität Wien. "Es gibt kein einziges historisches Dokument, das das belegen würde. Der Hofmaler der Medici, Giorgio Vasari, berichtet zwar, dass Michelangelo sich nach der Rückkehr der Medici verstecken musste, weil er sich während der drei Jahre der Florentiner Republik sehr exponiert engagiert hatte. Er sagt aber auch, dass Michelangelo sich bei einem hochgestellten Freund und Mäzen versteckt hätte." Das erscheint Schütze glaubwürdiger: "Wenn man sich den wenige Quadratmeter großen, niedrigen Raum (Bild unten) unter der Medici Kapelle anschaut – wie soll man da länger als ein paar Tage überleben. Und warum sollte er sich ausgerechnet dort – in unmittelbarer Nähe des Medici-Palastes – verstecken. Das leuchtet irgendwie nicht ein."

Wer skeptisch ist

Weiters irritiert Schütze, "warum er ausgerechnet auf seiner Flucht eine Art Potpourri seiner gesammelten Werke an die Wand skizzieren hätte sollen. Das macht nicht so viel Sinn." In den "Gefängnis-Kritzeleien", wie die Zeichnungen bald genannt wurden, spiegelt sich der David; weiters gibt es Figuren aus der Medici-Kapelle; andere erinnern an Fresken der Sixtinischen Kapelle.

Nach der Entdeckung 1975 wurden die Zeichnungen als einer der großen Kunst-Funde des 20. Jahrhunderts bejubelt. Aber William Wallace, ein Michelangelo-Gelehrter der Washington Universität in St. Louis, war schon damals skeptisch: Michelangelo sei zu berühmt gewesen, um sich in dem unterirdischen Raum zu verkriechen. Stattdessen hätte ihn einer seiner anderen Patrone aufgenommen.

Er vermutet, dass die Zeichnungen entstanden, als Michelangelo und seine vielen Gehilfen sich Ruhe vom Mauern und Marmorschneiden an der neuen Sakristei gönnten. Einige der Zeichnungen könnten tatsächlich Originale von Michelangelo sein, meint Wallace. Andere würden vermutlich aus der Hand der Arbeiter stammen. "Das ist gar nicht so einfach zu unterscheiden, weil die Motive mehrfach übertüncht und zum Teil übereinander gezeichnet sind", sagt Schütze.

Das Geheimnis um die Schöpfer der Skizzen mindere ihren Wert aber nicht. Sie sind einmalig, einfach weil sie erhalten geblieben sind. Kunsthistoriker Schütze: "Dass Künstler Wände nutzen, um Entwürfe zu machen, hat es öfter gegeben. Von Benini wissen wir, dass er in seinem Wohnhaus in Rom viele Entwürfe erst an die Wand skizziert hat. Nur die sind eben nicht erhalten."

Fußnote

Dass Michelangelos Aufstand gegen die Medici eine Fußnote in seiner Biografie blieb, ist übrigens der Tatsache geschuldet, dass die siegreichen Despoten auch weiterhin darauf angewiesen waren, sich Denkmäler zu setzten. Daher stellte der Medici-Papst Klemens VII. Michelangelo unter seinen Schutz, als Gegenleistung sollte er aber das Medici-Grabdenkmal in San Lorenzo vollenden. Michelangelo akzeptiert widerwillig.

Kunsthistoriker Schütze abschließend: "Die Medici erkannten nach ihrer Rückkehr, dass Michelangelo einfach der prestigeträchtigste Künstler war. Sie brauchten einander."

Info: Da die "Gefängnis-Kritzeleien" extrem fein und empfindlich sind, wurden sie der Öffentlichkeit jahrzehntelang vorenthalten. Jetzt hat das Bargello-Museum angekündigt, Michelangelos geheimen Raum ab 2020 zu öffnen.