Kultur
16.04.2017

Marlis Petersen: "Leben zwischen Himmel und Erde"

Ein Weltstar ohne Allüren, eine Frau mit Bodenhaftung, vielen Plänen und noch mehr Humor.

Sie singt an allen großen Opernhäusern der Welt, wird zu den bedeutendsten Festivals eingeladen – und nimmt die Angebote kleinerer, feiner Veranstalter ebenso gern an. Wenn sie auftritt, liegt ihr das Publikum zu Füßen, geraten selbst die strengsten Kritiker ins Schwärmen. Dass sie mit Preisen überhäuft wurde (und weiterhin wird), versteht sich da fast schon selbst. Ja, Marlis Petersen ist das, was man einen Superstar nennen könnte.

Mit einem entscheidenden Unterschied: Wenn andere Kolleginnen ihrer Branche mit der Kamera noch bis in den letzten Winkel ihres Daseins ausgeleuchtet werden, wenn es bei anderen vielleicht fast mehr um Kleider, Klatsch, Klischees geht, steht bei Petersen die Kunst, die Musik im Vordergrund. "Und das ist auch gut so", sagt die Sopranistin im KURIER-Interview.

Soziale Medien

Denn, so die extrem wandlungsfähige Ausnahmekünstlerin weiter: "Mir ist es nicht wichtig, ob jemand weiß, wie viele oder welche Steine das Kleid hatte, das ich bei einer Aufführung getragen habe." Lachend: "Im Normalfall ohnehin keine." Aber: "Ich war lange auf Facebook, habe meine eigene Homepage, um die ich mich auch selbst kümmere. Facebook habe ich dann aber aufgegeben, denn man kann sich in den sozialen Medien auch ziemlich schnell verlieren. Ich weiß, soziale Medien sind in unserer heutigen Zeit wichtig. Doch es gibt viel wichtigere Dinge im Leben."

Kluge Gedanken

Die Musik etwa, "die mich mein Leben lang begleitet hat und hoffentlich immer begleiten wird", so die deutsche Sopranistin, die auch in Zukunft in Österreich wieder oft zu erleben sein wird. Bereits am 22. April wird Petersen in Eisenstadt im Schloss Esterházy Konzertarien von Haydn, Mozart und Beethoven interpretieren. "Ich liebe Konzertarien, denn sie sind eine herrliche Mischung aus Liedgesang und großer Oper. Also Miniaturopernszenen, wenn man so will. Außerdem gibt es zwischen diesen drei Komponisten und auch den jeweiligen Arien viele historische Querbezüge. Ich habe mir dabei schon etwas gedacht", lacht Petersen.

Wiener Vielseitigkeit

Dies macht die gebürtige Deutsche mit "künstlerischer Heimat Wien" bekanntlich immer. "Nur etwas abzuliefern, das ist gar nicht mein Ding", so die einem Repertoire vom Barock bis in die Gegenwart verpflichtete Künstlerin. Nach Auftritten in Grafenegg (26. 8.) oder bei der Schubertiade (30. 8.) wird man dies auch in Wien wieder erleben können. Bei Donizettis "Maria Stuarda" etwa ab Jänner 2018 oder schon im Oktober 2017 bei Beethovens "Leonore". Auch moderne Werke sind im Theater an der Wien wieder angedacht. "Wir sind da in guten Gesprächen", so die Anhängerin des so genannten Regietheaters.

Geliebte Herausforderungen

Regietheater? Ganz genau, versteht sich Marlis Petersen doch dezidiert als Singschauspielerin. "Und ich werde glücklicherweise auch so gesehen", sagt die Künstlerin. Nachsatz: "Wir dürfen die Oper nicht als Museum sehen, sonst wird sie auch zu einem solchen. Daher sind mir zeitgenössische Werke ein ganz großes Anliegen. Und szenische Sichtweisen, die auch etwas wollen, die uns Menschen fordern." Eine solche (Heraus-)Forderung kommt auf Marlis Petersen bereits ab kommenden Juni in Warschau zu. Dort wird sie nämlich die Marietta in Erich Wolfgang Korngolds "Die tote Stadt" interpretieren. Ein Rollendebüt, das "mich wieder zurück ins deutsche Fach bringen wird".

Von einer international umjubelten Partie aber hat sich Petersen endgültig verabschiedet: von ihrer unglaublich intensiven "Lulu" aus der Feder von Alban Berg. Von München bis zur New Yorker MET – nicht nur in dieser Rolle hat Petersen Musikgeschichte geschrieben. Aber: "Meine Lulu fliegt jetzt endlich ganz frei im Himmel herum."

Womit wir bei einem weiteren Thema wären, das der völlig unprätentiösen Sängerin extrem wichtig ist: der Natur. Und wie wir Menschen in ihr leben und mit ihr umgehen. Petersen: "Ich bin sicher eine Frau mit Bodenhaftung." Wer das Glück hat, Marlis Petersen auch nur ein wenig zu kennen, wird diesen Satz sofort unterschreiben.

Absolutes Glücksgefühl

Aber: "Die Natur löst in mir ein absolutes Glücksgefühl aus. Deswegen bin ich 2009 auch nach Griechenland gezogen. Ich wollte damals eigentlich von Frankfurt nach Berlin gehen, was sich aber nicht ergeben hat. Und über Umwege kam ich dann – erst nur auf Besuch – nach Griechenland. Und trotz all dieser schrecklichen Bürokratie wusste ich, dass ich eine Art Heimat gefunden hatte. Hier kann ich atmen. Wir Menschen leben ja alle zwischen Himmel und Erde. Nicht nur als Menschen, sondern auch in der Kunst. Genau das macht Kunst und Kultur so wertvoll: Dieses Bewusstsein, dass es mehr gibt, als die von uns als solche empfundene Realität. Vor allem die Musik gibt uns eine Ahnung von dem, was da hoffentlich noch ist. Wenn ich dieses Gefühl nur in Ansätzen vermitteln kann, dann bin ich halbwegs zufrieden."