Kultur
16.06.2017

MAK-Chef: "Wir sind an einem kritischen Punkt"

MAK-Chef Thun-Hohenstein sieht den "Beginn einer großen Auseinandersetzung" zwischen Menschheit und Technologie.

In Wien kann man ins Museum gehen, um in die Zukunft zu blicken. Künstliche Intelligenz, Roboter und ihr derzeit kaum seriös abwägbarer Einfluss auf die Zukunft des Menschen stehen ab kommender Woche im Zentrum der zweiten Vienna Biennale, die das Museum für Angewandte Kunst (MAK) mit zahlreichen Partnern ausrichtet. Es geht darum, ob und wie sich der Mensch gegen die Maschine behaupten können wird.

MAK-Direktor Christoph Thun Hohenstein im Interview über Superintelligenz, Tech-Monopole und die internationale Untätigkeit.

KURIER: Was muss denn bei der zweiten Vienna Biennale anders werden?

Christoph Thun-Hohenstein: Die Inhalte müssen noch viel klarer sein, weil so viel auf dem Spiel steht. Wir verhandeln in den kommenden zwei Jahrzehnten nichts Geringeres als die Zukunft der Menschheit. Das muss überall mit größter Konsequenz passieren – in der Politik, im Journalismus, aber auch natürlich in der Kultur.

Sie sagen "muss passieren" – ist es nicht eher "müsste passieren"? Gibt es überhaupt eine große Diskussion über diese Zukunft?

Sie beginnt. Vor allem beim Thema Automatisierung. In ganz wenigen Jahren wird diese Diskussion überall zu finden sein. Was aber derzeit fehlt, ist das Bewusstsein, dass wir am Beginn einer großen Auseinandersetzung sind – zwischen Technologie und Menschheit. Und dass viele Apostel der Technologie nicht notwendigerweise auf der Seite der Menschen stehen. Die entscheidende Frage ist: Wer kämpft für die Menschheit – und wer für die Technologie? Man muss Technologie so einsetzen, dass wir unsere – bei Gott nicht fehlerfreie – Welt besser gestalten. Und nicht so, dass wir zu den Tools unserer Tools werden.

Die Technologie, vor allem die künstliche Intelligenz, droht uns zuerst einmal im Job-Bereich zu überwältigen.

Wir dürfen nicht in Ehrfurcht erstarren und bewundern, was sich alles automatisieren lässt. Sondern wir müssen fragen: Was sind die Auswirkungen für uns? Ergibt es Sinn, etwas Bestimmtes zu automatisieren? In vielen Fällen wird die Antwort ja sein: weil die Maschinen es besser machen. Aber in vielen anderen Fällen wird die Antwort sein: Nein. Wir schneiden uns den Ast ab, auf dem wir selber sitzen.

Zumeist siegt aber kurzfristiges Profitdenken, und nicht diese längere Sicht.

Das Problem hinter den meisten der Geschäftsmodelle der disruptiven Innovation ist, dass sie letztlich zu einer Schrumpfung der Wirtschaft führen. Weil sie mit Monopolstellungen zwar unglaubliche Gewinne für ganz Wenige erwirtschaften. Aber im Gegenzug unglaublich viel vernichtet wird, was bisher Teil des Wirtschaftswachstums war. Die Lösung kann nur darin bestehen, zu überlegen: Wie kann technologischer Fortschritt die Mittelschicht stärken, beziehungsweise dort, wo sie schon weggebrochen ist, wieder aufbauen? Wenn das nicht passiert, werden einige Wenige wahnsinnig viel Geld verdient haben – und die Menschheit insgesamt wird wesentlich schlechter dastehen.

Was sehe ich bei der Vienna Biennale, dass ich mir dann denke: Das kann so nicht weitergehen?

Ich sehe unterschiedliche Ausstellungen und eine Reihe von weiteren, hoffentlich inspirierenden Impulsen. In der Ausstellung "Hello, Robot" bekomme ich so gut wie alle Facetten der Robotik präsentiert – inklusive der Verschmelzung von Mensch und Roboter. Wenn ich da durchgehe, muss ich mir darüber Gedanken machen. In der Schau "Artificial Tears" stellt sich die Frage ganz intensiv, ob der Transhumanismus (die technologische Erweiterung des Menschen, Anm.) wirklich die Richtung ist, in die wir uns weiterbewegen sollen. Ich verneine das. Ich muss mich auch damit beschäftigen: Was bedeuten diese Entwicklungen für meinen eigenen Platz im Leben, für meine Arbeit? Auch die Ausstellungen der Partner bieten wichtige Impulse: Welches Potenzial gibt es überhaupt noch für sinnstiftende Arbeit? Wie kann man Technologie in einen Kontext setzen und nicht nur abfeiern? Was können Architektur und Design dazu leisten?

Was können wir denn besser als die Roboter?

Wir können besser Mensch sein. Und alle, die uns glauben machen, dass wir eher wie die Maschinen werden müssen, sind auf dem falschen Weg.

Augenfällig ist ja, dass sich kaum eine wichtige internationale Organisation damit beschäftigt.

Wir sind an einem kritischen Punkt. Wenn man sich vor Augen hält, was sich in den nächsten 20, 30 Jahren radikal verändern wird, und wie wenig sich die Vereinten Nationen und andere internationale Organisationen damit beschäftigen, dann gibt es hier ein krasses Missverhältnis. Das alles ist das Hauptthema der Menschheit, inklusive der Frage, wie man eine Superintelligenz im Griff halten beziehungsweise verhindern kann. Mich wundert, warum man bisher so untätig sein konnte.

Im österreichischen Wahlkampf werden diese Themen nicht einmal aus der Ferne gesehen.

Lassen wir uns überraschen. Ich frage mich, wann werden die ersten Humanparteien gegründet, beziehungsweise wie setzen sich die bestehenden Parteien auf das Thema drauf?

Bis jetzt: Gar nicht.

Wir verstehen nicht, was exponentieller technologischer Fortschritt heißt. Der macht solche Riesenschritte, dass die Menschen rasch lernen werden, dass das keine herbeigezauberte Diskussion ist. Das geht zuerst schrittweise – und dann ganz schnell. Wir müssen uns vorbereiten und begreifen, dass sich durch das Machine Learning eine neue Qualität entwickelt. Wir müssen das Steuer herumreißen.

Aber das ist auch eine Machtfrage: In der künstlichen Intelligenz ist China zum ersten Mal seit hunderten Jahren auf Augenhöhe mit den USA. Das lassen die sich nicht wegregulieren.

Die Chinesen sind in bestimmten Bereichen sogar weiter! Aber die Frage unterliegt einem Trugschluss: Sind es dann noch die Chinesen, die am Drücker sind, oder ist es die Superintelligenz? Alle müssen verstehen, dass niemand abschätzen kann, wann der Moment eintritt, an dem wir die Kontrolle verlieren. An dem es eine maschinelle Intelligenz gibt, die smarter ist als der Mensch. Wer das realisiert, hat Interesse zusammenzuarbeiten. Keine Nation kann da gewinnen. Man muss die gefährlichsten Forschungsentwicklungen schärfstens kontrollieren. Es ist noch viel dramatischer als die Nuklearfrage.