Kultur 11.03.2013

Abschlusszeugnis für Noever

© Bild: KURIER/Schraml Wilhelm

Der Rechnungshof bekräftigt im Endbericht seine Kritik an der Ära des Langzeit-Direktors.

Es war ein Rohbericht mit Zündstoff, über den der KURIER im November als erster berichtet hat: Der Rechnungshof (RH) widmete sich der Ära des zuletzt fristlos entlassenen Langzeitdirektors im Museum für Angewandte Kunst, Peter Noever. Und listete penibel auf, was seit 2001 alles schief lief: Falsche Besucherzahlen. Private Feiern auf Rechnung des Museums. Reisespesen Noevers von durchschnittlich mehr als 1000 Euro pro Reisetag (2001-2010), eine Explosion der Reisekosten um 785 Prozent seit der Ausgliederung des Museums. Sorglose Abrechnung von Subventionen. Versäumnisse bei der Lagerung von Sammlungsbeständen. Immense Fehlbestände im Inventar und unrichtige Angaben des Museums.

Am Montag nun hat der Rechnungshof seinen Endbericht – mit Stellungnahmen des MAK und des Kulturministeriums – veröffentlicht. Und einige der Vorwürfe bekräftigt. In mehreren Fällen beharrt der RH trotz Erläuterungen des MAK auf seiner Kritik. So sei ein Sponsoringkonzept erst als Antwort auf die RH-Kritik aufgetaucht. Die Unterlagen zur MAK-Dependance in Los Angeles ließen – gegen die Angaben des MAK – keinen Gesamteinblick in die Gebarung der Außenstelle zu.

Nicht weniger als 79 Empfehlungen gibt der RH am Ende des Berichts ab. Darunter Selbstverständlichkeiten wie: „Projekte künftig wahrheitsgemäß abzurechnen“ und „bei Dienstreisen den Grundsatz der Sparsamkeit verstärkt zu beachten“.

Immense Aufregung gab es im Museum über jene Passage im Rohbericht, die fehlende Objekte in der Sammlung beanstandete. Bei Tausenden Objekten habe das MAK dem RH nicht mitteilen können, wo sich diese befinden; sie seien in 25 verschiedenen, einander widersprechenden Datenbanken als „fehlend“ eingetragen.

Im Endbericht nun holt das MAK auf mehr als drei Seiten zur Erklärung aus: Das Wort „fehlend“ sei nur ein begriffliches Hilfsmittel; es gebe zu den Objekten weitergehende Information, die erklären, warum sie nicht im MAK sind. Diese Gründe reichen teils weit zurück, Kriegsverluste oder Tauschgeschäfte vor 1960 werden in den Erläuterungen genannt. Die Objekte, die tatsächlich fehlen, seien schon vor Jahrzehnten – lange vor der Ära Noever – verschwunden.

Der RH zeigte sich von der Darstellung des MAK nicht völlig überzeugt: Es sei ihm „nicht nachvollziehbar, warum das MAK Objekte in den Inventaren als fehlend auswies“, obwohl dem MAK die genauen Gründe wie Restitution, Rückgabe oder Verkauf bekannt seien.

Ein Gegenstand jedenfalls ist inzwischen zurückgekehrt: Kulturministerin Claudia Schmied hat ein Tagesbett von Mies van der Rohe, das das MAK als Leihgabe für das Büro der Ministerin überließ, im März 2012 zurückgeben lassen.

Und der Bericht hat im Inventarbereich bereits etwas bewirkt: Eine neue Datenbank wurde angeschafft, die erste Tranche der Finanzierung (rund 1,3 Mio. €) ist gesichert. „Rund 270.000 Objekte können so erfasst werden“, sagt Noevers Nachfolger Christoph Thun-Hohenstein zum KURIER.

Für die bei seinen privaten Feiern entstandenen Kosten (rund 173.000 €) hat Noever tätige Reue geleistet, damit ist dies rechtlich vom Tisch. Und Noever sieht seine Entlassung als ungerechtfertigt an: In einem Arbeitsgerichtsprozess verlangt er vom MAK rund 400.000 Euro. Er behält sich vor, diese Forderung um „nicht abgegoltene Leistungen in der Höhe von bis zu 7,3 Millionen Euro“ auszuweiten. Der RH empfahl nun seinerseits dem MAK, Noever alle Aufwendungen in Rechnung zu stellen, die aus Rechtsstreit, Gutachten und Nachzahlungen entstanden sind.

Noever weist Kritik zurück

Peter Noever – der Ex-Direktor des MAK hatte bis Montag keine Einsicht in den RH-Bericht – kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen: Über seinen Sprecher ließ er dem KURIER ausrichten, dass er weiter der Ansicht sei, dass seine Geburtstags-Veranstaltungen im Dienste des Museums gewesen seien. Er wolle „für vollständige Aufklärung kämpfen“.

Grünen-Kultursprecher Wolfgang Zinggl – er hatte mit Kollegen die Prüfung verlangt – fühlt sich vom RH bestätigt und legt nach: „Wenn das MAK 1.170 Metallobjekte an Museen oder Private abgegeben hat, was bedeutet da ‚abgegeben‘? Wurden die verschenkt, verkauft, verborgt, kommen die zurück? Da stellen sich eine Menge Fragen.“

MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein verwies erneut darauf, dass fast alle derartigen Verluste auf die Zeit vor 1960 zurückgehen und betonte die Fortschritte bei der Erfassung der Objekte.

Das Kulturministerium erklärte, dass ihm bis Ende 2013 Analysen zum Stand der Inventarisierungsarbeiten der Bundesmuseen vorliegen würden. Mit Abschluss aller Erfassungen rechne man aber nicht vor 2018.

Das Ministerium wird im RH-Bericht auch wegen schwammiger Zielvorgaben kritisiert – obwohl es die 2010 abgeschlossenen „Rahmenzielvereinbarungen“ (RZV) einst als Erfolg feierte. „Die Empfehlungen zur Ausgestaltung der Zielformulierungen werden ernst genommen und bei der für 2014 vorgesehenen erstmaligen Überarbeitung der RZV berücksichtigt“, heißt es nun.

Schmied sieht Empfehlungen umgesetzt

Zufrieden angesichts des heutigen RH-Berichts zeigte sich Kulturministerin Claudia Schmied (S) in einer Stellungnahme: "Der Großteil der empfohlenen Maßnahmen für das BMUKK und das MAK ist bereits umgesetzt oder befindet sich in der Umsetzung." Und in Richtung Noever seien die zentralen Vorwürfe bereits bekannt gewesen. "Bei all den berechtigen Kritikpunkten ist mir wichtig festzuhalten, dass Peter Noever viel für die österreichische Kunst, für Künstlerinnen und Künstler im In- und Ausland geleistet hat", unterstrich Schmied in dem Zusammenhang.

Grüne fühlen sich bestätigt

Die Prüfung des Museums für angewandte Kunst wurde von den Grünen in Auftrag gegeben. Den nun veröffentlichten Rechnungshofbericht sehen die Grünen als Bestätigung ihrer seit Jahren geäußerten Kritik. "Das ist ein grüner Erfolg. Ein Erfolg der Hartnäckigkeit unseres Kultursprechers Wolfgang Zinggl", so Werner Kogler, stv. Klubobmann der Grünen, in einer Aussendung.

Das MAK hat den Bericht zur Prüfung des Rechnungshofs am Montag erhalten und habe bereits begonnen, die im Rohbericht des Rechnungshofs festgehaltenen Anregungen umzusetzen. Zu einigen dieser Kritikpunkte, insbesondere zu den Besucherzahlen, wurden unter dem aktuellen Direktor Christoph Thun-Hohenstein angeblich bereits Maßnahmen gesetzt. "Wir sehen den Bericht des Rechnungshofs, der sich weitestgehend auf die Amtsperiode des früheren Geschäftsführers bezieht, als Ansporn, das Funktionieren des MAK weiter zu verbessern", so Thun-Hohenstein

Einige Kritikpunkte des Rechnungshofs, insbesondere zur Inventarisierung von Sammlungsobjekten, zu Besucherzahlen oder Kontrollmechanismen des Museums, werden im Folgenden kurz kommentiert.

Sammlungsobjekte

Mit der Veröffentlichung des Rechnungshofs-Rohberichts durch eine österreichische Tageszeitung richtete sich das öffentliche Interesse auf inventarisierte, anscheinend jedoch fehlende Sammlungsobjekte des MAK. Im Endbericht stellt der Rechnungshof "Fehlbestände" fest und vermisst die Angabe der Sammlungsobjekte mit unbekanntem Standort. Das MAK geht mit seiner Sammlung mit vergleichbarer Sorgfalt wie andere Bundesmuseen um und hält nachdrücklich fest, dass der überwiegende Anteil der als Verlust beziehungsweise fehlend angeführten Objekte für den Zeitraum von der Gründung des Museums bis um 1960 festzumachen ist. Die als "fehlend" ausgewiesenen Objekte erklären sich großteils aus Tausch, Kriegsverlusten, Restitutionen oder Abgabe an andere Museen oder Institutionen.
Die von den PrüferInnen angeregte, einheitliche digitale Erfassung aller Sammlungsobjekte und Archivalien in einer zentralen Museumsdatenbank (Collection/Museum Management System) ist im MAK seit einiger Zeit in Vorbereitung und wird mit finanzieller Unterstützung des bm:ukk seit Jänner 2013 operativ umgesetzt. Derzeit werden die Daten in einem Filemaker-System erfasst. Da die handschriftlichen Inventare eine unerlässliche Absicherung der digitalen Datenbank bilden, wird das MAK sie auch in Zukunft weiterführen.

Besucherzahlen

Die Besucherzahlen des MAK wurden stets entsprechend den Vorgaben des bm:ukk ausgewiesen. Bis 2010 sah das entsprechende Formular nur eine Aufteilung in BesucherInnen gesamt, BesucherInnen zahlend und BesucherInnen von Ausstellungen/Sonderausstellungen vor. Seit dem Jahr 2011 weist das MAK entsprechend den Vorgaben die BesucherInnen im Rahmen von Vermietungen sowie der Bibliothek gesondert aus. Der Empfehlung des Rechnungshofs, BesucherInnen, die das Haus über den Personaleingang betreten (wie Gäste der Direktion oder anderer Abteilungen, sowie FirmenmitarbeiterInnen), nicht in die Besucherzahlen einfließen zu lassen, wurde bereits im Ausweis der Besucherzahlen für 2011 entsprochen. Allerdings handelt es sich hier zum Teil um BesucherInnen, die auch Ausstellungen besuchen. Zur Erhöhung des Anteils der zahlenden BesucherInnen wurde bereits Anfang 2012 der im MAK seit 2002 bestehende freie Eintritt am Samstag abgeschafft. Stattdessen ist das MAK dienstagabends von 18:00 bis 22:00 Uhr frei zugänglich. Anzumerken ist, dass Entgänge aus den Einnahmen aufgrund des freien Eintritts am Samstag über eine Sponsoringvereinbarung mit dem österreichischen Elektrizitätsunternehmen Verbund in den Jahren 2006 bis 2009 großzügig wettgemacht wurden.

Controlling und Revision

Der Bericht des Rechnungshofs bestätigt das funktionierende Controlling des MAK über die kaufmännische Leitung. Die bisher durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) durchgeführte Interne Revision erachtet der Rechnungshof aufgrund des Umfangs von jährlich sieben bis zwölf Tagen sowie der laut Rechnungshof-Bericht fehlenden Maßnahmenevidenz als nicht ausreichend. Das MAK hat heuer bereits von PwC eine detailliertere Auswertung der Überprüfung angefordert, die eine noch genauere Überwachung der festgelegten Prüffelder und empfohlenen Maßnahmen als bisher ermöglicht.

KulturKontakt

Im Rahmen des durch KulturKontakt geförderten Projekts "Erweiterung der kunsthistorischen Betrachtungsweise durch einen Materialschwerpunkt mit besonderem Fokus auf berufsbildende höhere Schulen und Berufsschulen" erarbeitet das MAK ein einzigartiges, in dieser Form noch nicht angebotenes Kunstvermittlungsprogramm, das Schüler von berufsbildenden höheren Schulen und Berufsschulen über das Thema "Material" für Kunst und kunstgeschichtliche Zusammenhänge interessieren soll. Der Rechnungshof merkt an, einzelne Leistungen seien nur unzureichend erbracht worden und empfiehlt die Rückzahlung von zu "Unrecht in Anspruch genommenen Mitteln". Trotz verspäteter Fertigstellung wurden nach einer eingehenden Prüfung des Projekts durch KulturKontakt Austria bis auf eine Position alle Aufwendungen anerkannt, lediglich die nicht erfolgte Gegenrechnung von Erträgen aus Führungen in Höhe von Euro 1.481 wurde beanstandet und in der Folge rückerstattet.

Reisekosten und Fuhrpark

Die Repräsentationskosten des MAK und insbesondere die Reisetätigkeit des früheren Direktors wurden vom Rechnungshof als zu weitreichend empfunden, wenngleich alle Reisen des früheren Direktors in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner Funktion und seinem Aufgabengebiet als Geschäftsführer und künstlerischer Leiter des Museums standen. Die vom Rechnungshof aufgeführten Kritikpunkte zum Fuhrpark des Hauses wurden hausintern längst erkannt. Das dreirädrige Motorfahrzeug wurde vor mehreren Monaten verkauft, der GMC Sierra Pickup wird gegen ein kostengünstigeres Fahrzeug getauscht. Mit dem eindeutigen Statement "Ich bin ein schlanker Direktor" verdeutlichte Christoph Thun-Hohenstein bereits bei der Jahrespressekonferenz des MAK im November 2012 die diesbezügliche, künftige Haltung des Hauses.

Früherer Geschäftsführer

Zu den weiteren gegenüber dem ehemaligen Geschäftsführer Peter Noever vom Rechnungshof festgehaltenen Vorwürfen kann das MAK angesichts eines laufenden Gerichtsverfahrens nicht Stellung beziehen. Über die bereits bekannten, schon Anfang 2011 von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC aufgeführten Kritikpunkte hinaus haben sich aus Sicht des MAK keine neuen Erkenntnisse ergeben.

Das MAK-Kuratorium sieht sich durch den RH-Bericht zur Gebarung des Museums in seinem Vorgehen in der Causa Noever bestätigt. Neue Sachverhalte seien nicht aufgedeckt worden. "Wir sind froh, dass es hier nunmehr einen Schlussstrich gibt und die neue Geschäftsführung ihre gesamte Kraft und Kreativität dem Museum und seinen Besuchern widmen kann", erklärte Andreas Treichl, Vorsitzender des Kuratoriums, in einer Aussendung.

Die Vorschläge bezüglich Dienstreisenregelungen oder Überprüfung der zwischen Ministerium und MAK abzuschließenden Zielvereinbarungen seien absolut berechtigt. Das Kuratorium habe die Geschäftsführung aufgefordert, die in ihrer Verantwortung liegenden Empfehlungen des Rechnungshofes im Rahmen der budgetären Möglichkeiten und der strategischen Sinnhaftigkeit zügig umzusetzen.

Man habe schon wesentliche Maßnahmen gesetzt - etwa im Bereich der korrekten Ausweisung der Besucherzahlen, unterstrich der neue MAK-Direktor Christoph Thun-Hohenstein in einer Aussendung. Viele der weiteren Anregungen setze man gerade um: "Wir sehen den Bericht des Rechnungshofs, der sich weitestgehend auf die Amtsperiode des früheren Geschäftsführers bezieht, als Ansporn, das Funktionieren des MAK weiter zu verbessern." Und bezüglich Dienstreisekosten und dergleichen bleibe er bei seiner Maxime "Ich bin ein schlanker Direktor", so Thun-Hohenstein.

Erstellt am 11.03.2013