Kultur
15.06.2017

"Mädelstrip": Danke, ich hatte einen Bandwurm

Goldie Hawn und Amy Schumer als Mutter und Tochter auf Urlaub: Eine verpatzte Komödien-Chance.

Mädelstrip. USA 2017. Von Jonathan Levine. Mit Amy Schumer, Goldie Hawn, Kim Caramele, Joan Cusack.Fünfzehn Jahre hat man Goldie Hawn nicht mehr im Kino gesehen, und ausgerechnet mit "Mädelstrip" kehrt sie zurück. Tatsächlich hätte das auch eine gute Idee sein können: Zwei Blondinen mit Humor aus unterschiedlichen Generationen fahren als chaotisches Mutter-Tochter-Gespann auf Urlaub. Zumal mit "Dating Queen" Amy Schumer als Tochter.

Schumers fabelhafte Fähigkeit zur angstlosen Selbstdemontage hat das weibliche Comedy-Niveau entscheidend radikalisiert. Sie kann – vor allem in ihrer Comedy-Central-Serie "Inside Amy Schumer" – endlos Witze über ihren drallen Körper machen, der in kein X-Small-Kleidchen für die Größe von japanischen Teenagern passt. Sex-Witze lässt sie sowieso nie aus, und schon gar nicht, wenn König Alkohol im Spiel ist. Denn weibliche Eleganz ist Schumers Sache nicht. Eher schon deren Persiflage.

In " Mädelstrip" bricht sie als Emily eine alte Regel, die ihr eine Bekannte mit auf den Weg gegeben hat: "Zwei Titten, zwei Drinks. Mehr nicht." "Ich weiß, wie viele Titten ich habe", knirscht Emily und kippt sich die x-te Alkoholladung hinter die Binde. Auf der Tanzfläche kann es dann schon vorkommen, dass sie mit dem Schwung eines Beines den Tanzpartner k.o. schlägt. Und wenn sich ein One-Night-Stand am Horizont abzeichnet, wird auf dem Damenklo hastig mit Feuchttüchern zwischen den Beinen herum gewischt. Sicher ist sicher.

Depressive Katze

Goldie Hawn hingegen bekommt viel zu wenig Gelegenheit, ihr Talent zur Komödie zu beweisen. Als Emilys verkorkste Mutter verlässt sie kaum das Haus und sieht sich den ganzen Tag Katzenvideos an ("How to Cheer Up a Depressed Cat"). Nach langem Hin und Her lässt sie sich schließlich von Emily zu einem Urlaub in Ecuador überreden.

Der Exaltiertheit ihrer Selfies-knipsenden Tochter begegnet Hawn zumeist mit verschlafener Eleganz. Aus Angst vor der Sonne taucht sie tief verhüllt am Swimmingpool auf ("Du siehst aus wie eine Imkerin!"), wo Emily bereits im knappen Bikini bratet. Dann klatscht sie ihr in einem Überraschungsangriff eine Schicht Sonnencreme auf den Leib.

Alles, was bis dahin in "Mädelstrip" lustig war – und das war nicht viel –, geht ab da den Bach hinunter.

Eine verblödete Kidnapping-Story lässt noch den letzten Funken Humor verglühen. (Ausnahme: Joan Cusack als zungenamputierte Kampflesbe im Militär-Look). Achtlos hantiert die Geschichte mit Stereotypen von dunkelhäutigen Südamerikanern: Mit öligen Haaren und verschlagenem Blick jagen sie blonde Amerikanerinnen. Und was das komisch gemeinte Mutter-Tochter-Gezanke betrifft, so erreicht es nie jene Schärfe, die aus einer schlampig geschriebenen Mainstream-Komödie eine gut sitzende Screwball-Comedy gemacht hätte.

Aber da wäre noch der Bandwurm. Der Bandwurm ist ein Kapitel für sich. Hungrig wütet er in Emilys Eingeweiden und muss mit einem Stück rohen Fleisch aus ihrem Mund gelockt werden. Kurz glaubt man sich in einer "Alien"-Parodie. Lustig? Auf jeden Fall sehr, sehr bizarr.

Die vergebliche Suche nach einem Platz im eigenen Land

"Ich habe es nie geschafft, weiße Menschen zu hassen", bekannte James Baldwin, einer der bedeutendsten afroamerikanischen Intellektuellen und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Trotzdem hielt ihn dieser Umstand keineswegs davon ab, jede Sekunde auf die Unmöglichkeit hinzuweisen, als schwarzes Subjekt seinen Platz in einer weißen, rassistischen Gesellschaft zu finden.

James Baldwin (1924–1987) wuchs im Getto von Harlem unter ärmlichen und diskriminierenden Bedingungen auf. Nach und nach gelang es ihm, sich als Schriftsteller und Essayist einen Namen zu machen. Sein großes Projekt, über das Leben und den gewaltvollen Tod der Bürgerrechtsaktivisten Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers ein Buch zu verfassen, blieb unvollendet.

Der Haitianische Regisseur Raoul Peck verschweißte Text- und Bildmaterial von und mit James Baldwin zu einer kontrastreichen und inhaltsstarken Doku: Samuel L. Jackson liest aus dem Off Texte von Baldwin, während Peck dazu Bilder aus historischen Archiven, TV-Aufzeichnungen und Hollywood-Filmen mischt. Zwischen John Wayne und Joan Crawford, Martin Luther King und Malcolm X, schwarzen Sängern, die aus Bananenschalen springen und haarsträubenden Bildern von rassistischen Ausschreitungen ergibt sich ein visuelles Geflecht: Es verbindet weiße Vorherrschaft und schwarze Ohnmacht und zieht sich bis in unsere Gegenwart hinauf. Trotzdem verweigerte sich Baldwin konsequent der Resignation: "Ich kann kein Pessimist sein, denn ich bin am Leben."

INFO: CH/F/BE/ USA 2017. 93 Min. Von Raoul Peck. Mit James Baldwin, Harry Belafonte.

KURIER-Wertung:

Heimliche Geburtshilfe im polnischen Nonnenkloster

Polnische Nonnen haben sich zu ihrem Gottesdienst versammelt. Andächtiger Gesang erfüllt die Klosterhallen. Nur manchmal durchzucken seltsame, ferne Schreie das fromme Lied, das lässt die Nonnen aber unbeeindruckt. Nur eine Schwester schleicht sich heimlich aus dem Stift und holt eine Ärztin vom Roten Kreuz.

Was diese im Konvent vorfindet, ist gleichermaßen erschütternd und schockierend. Sieben junge Klosterschwestern sind hochschwanger und stehen kurz vor der Geburt. Sie wurden von russischen Soldaten vergewaltigt, die im Kloster wüteten. Die Nonnen stehen vor dem Abgrund. Der Zweite Weltkrieg ist gerade zu Ende gegangen, der Kalte Krieg beginnt. Ein Gang zu den Behörden ist unmöglich, bei Auffliegen des Verbrechens droht die Auflösung des Klosters. Gleichzeitig empfinden die Nonnen ihren Zustand als tiefe Schande.

Aus diesem dramatischen, historisch akkuraten Stoff entwarf Anne Fontaine ein tief empfundenes, aber klar und nüchtern erzähltes Porträt einer prekären Frauengemeinschaft. Mitgefühl, aber Unverständnis empfindet die junge kommunistische Ärztin zuerst gegenüber den katholischen Frauen. Erst langsam enthüllt sich unter den Ritualen ein komplexes Gewebe an Empfindungen, deren Intensität die kühlen Bilder durchdringt. Ein gefasstes Melodram der implodierenden Gefühle.

INFO: F/PL 2016. 115 Min. Von Anne Fontaine. Mit Lou de Laâge, Agata Buzek.

KURIER-Wertung: