Kultur
28.07.2017

"Mach dir keine Sorgen, Sally"

Regisseurin Sally Potter über ihre witzig-spritzige und prägnant kurze Konversations-Komödie "The Party".

Eigentlich soll gefeiert werden. Die Gastgeberin Janet (gestresst: Kristen Scott Thomas) wurde zur britischen Gesundheitsministerin gewählt. Ein paar gute Freunde kommen vorbei, um ihr zu diesem Erfolg zu gratulieren: Die beste Freundin April (patent: Patricia Clarkson) und deren esoterischer Ehemann Gottfried (sehr lustig: Bruno Ganz); ein lesbisches Ehepaar in Erwartung von Drillingen; und ein koksender Banker mit Pistole in der Tasche (schniefend: Cilian Murphy). Doch dann lässt der Ehemann ( Timothy Spall) eine persönliche Bombe platzen und deckt eine Lebenslüge auf. Daraufhin läuft "The Party" (derzeit im Kino) komplett aus dem Ruder.

Die britische Regisseurin Sally Potter ("Orlando") verfilmte ihre spritzige, sich selbst zerfleischende Konversations-Komödie in vergnüglicher Screwball-Manier – und wird dabei sehr politisch.

KURIER: Frau Potter, mit "The Party" ist Ihnen eine witzige Milieu-Komödie über das liberale Bürgertum gelungen.

Sally Potter: Ich war in Sorge, die Leute würden meinen Film als zynische Attacke auf die Linke verstehen – und das war keineswegs meine Absicht. Einmal habe ich sogar meinen guten Freund John Berger (britischer Kunstkritiker, Anm.), der damals noch am Leben war, angerufen und gefragt, ob er mein Drehbuch als Links-Satire empfand. Er meinte aber nur: "Mach dir keine Sorgen, Sally, so etwas könntest du niemals tun."

Hatten Sie filmische Vorbilder für Ihr Komödien-Format?

Ich habe mir zur Vorbereitung sehr viele Screwball-Komödien aus den 40er-Jahren mit Katharine Hepburn und Spencer Tracey angesehen. Da gibt es diese wunderbaren Dialoge, bei denen Leute wirklich profunde Dinge zueinander sagen – und zwar im Affentempo. Ich dachte, es wäre interessant, eine Art Screwball-Komödie für unsere Gegenwart zu erzählen.

"The Party" spielt nur an einem Ort. Was interessiert Sie an so einem intimen Setting?

Klaustrophobie ist explosiv. Die Beschränkung der Handlung auf einen Ort und auf Echtzeit macht die Atmosphäre intensiver und stärker.

Warum in Schwarz-weiß?

Einerseits als Hommage an die Screwball-Komödien, andererseits, um die Aufmerksamkeit auf das Notwendige zu konzentrieren. Aus diesem Grund tendiere ich dazu, bei der Ausstattung, Dinge wegzulassen und meine Bilder leer zu räumen.

Sie selbst haben "The Party" als politischen Film bezeichnen. Was hat Sie inspiriert?

Als ich das Drehbuch schrieb (vor dem Brexit, Anm.), habe ich über zwei Dinge nachgedacht: Unser kränkelndes Gesundheitssystem und die Krankheit der Politik. Die Linke und die Rechte bewegten sich beide Richtung Mitte, und niemand sprach mehr die Wahrheit. Das war übrigens zu einem Zeitpunkt, als die Phrase der "Post-Truth-Ära" noch nicht in aller Munde war. Politiker sagten nur noch Dinge, von denen sie glaubten, dass die Wähler sie hören wollten. Das hat mich zu meinem Film inspiriert: Was, wenn ich eine Geschichte über Menschen erzähle, die weder miteinander noch mit sich selbst ehrlich sein können? Ich wollte diese Situation wie eine griechische Tragödie erzählen – im Gewand der Komödie.

Ihre Figuren sind sehr repräsentativ: Die Politikerin, der Professor, die lesbische Theoretikerin, der Banker ...

Ja, es ging mir darum, ein mit sich selbst ringendes, linkes Milieu zu beschreiben – gesehen durch die Brille des Außenseiters, des Bankers, den alle für eine reaktionäre Koksnase halten. Aber diese Stereotypen sind gefährlich, und es ist interessant, hinter die Masken dieser Leute zu blicken. Gerade der Banker entpuppt sich als verletzlicher Mann, der echte Tränen weint – wenn auch im Rahmen der Komödie.

Die frisch gewählte Ministerin wird scherzhaft mit Margret Thatcher verglichen. Warum?

Ich habe das Drehbuch zu einer Zeit geschrieben, als Hillary Clinton als Präsidentin kandidierte und alle davon ausgingen, dass die erste weibliche Präsidentin alles fabelhaft machen würde. Wir hatten Margret Thatcher und nichts war fabelhaft. Nur Frau sein ist keine Antwort. Entscheidend ist immer die Politik. Thatcher und ihre Regierung haben eine Spur der Zerstörung hinterlassen, mit der wir immer noch leben müssen. Auch mit der Ambivalenz gegenüber Frauen und Macht. Allerdings war die Art und Weise, wie sie als Politikerin attackiert wurde, oft sexistisch und brutal – auch vonseiten der Linken. Und das war völlig inakzeptabel. All diese Themen hatte ich im Hinterkopf, als ich die Figur meiner Politikerin schrieb.

Ausgerechnet Bruno Ganz spielt einen komischen Sidekick, der sich als Heiler bezeichnet und mit Esoterik seine Frau zur Weißglut treibt. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Ich bin ein Fan von ihm seit "Der Himmel über Berlin". Er verkörpert darin so eine wunderbare Form von Güte. Er ist auch die einzige Figur in "The Party", die nicht über andere herfällt. Außerdem teile ich viele seiner Ansichten über westliche Medizin: Ich selbst hatte Freunde, die die Diagnose einer unheilbaren Krankheit bekamen und diese wie einen Fluch empfanden. Ich glaube, unsere Medizin stößt an viele Grenzen – gleichzeitig bin ich eine glühende Verfechterin des freien Gesundheitssystems für alle. Und das ist bei uns, wie auch in Amerika, gerade ein sehr heißes Thema.