"Macbeth": Klassische Salzburger Eleganz

Die Felsenreitschule als Bühne weiß Peter Stein wie kaum ein anderer zu nützen. Dort hat er schon Erfolge mit Shakespeare-Dramen gefeiert. Nun zeigt er seine optische Umsetzung von Verdis Shakespeare-Oper„Macbeth“
Foto: APA/BARBARA GINDL

Die Premiere wurde zu einem schönen Erfolg. Ein großer Wurf ist diese Produktion aber nicht. Vielleicht waren die Erwartungen einfach zu hoch.

Markus Hinterhäuser, dem Salzburger Intendanten, ist tatsächlich gelungen, was viele vor ihm versucht hatten: Die Giganten Riccardo Muti und Peter Stein für eine Festspiel-Premiere zusammenzubringen. Der eine hat Musik-, der andere Theatergeschichte mitgeschrieben. Dieses Gipfeltreffen zweier Künstler, die ideologisch auf derselben Seite stehen, auf jener, wo Werke ernst genommen werden und der Selbstverwirklichungstrieb nicht so stark ausgeprägt ist - diese Begegnung sollte einen großen Wurf garantieren. Dazu ist es aber bei Verdis "Macbeth" nicht gekommen.

Man hat das Gefühl, dass hier zwei zusammentrafen, die einander nicht weh tun wollen, andererseits beharrlich genug sind, die ihnen wichtigen Punkte durchzusetzen. Ein bissl wie bei einem Liebespaar, das erst in reifen Jahren zueinanderfindet und bei dem jeder schon gewisse (schlechte) Erfahrungen mit anderen Partnern gemacht hat. Frische Zugänge sehen anders aus. Sowohl die theatralische, als auch die musikalische Umsetzung legen diese Annahme nahe.

Große Texttreue bei Peter Steins Umsetzung

Die theatralische: Die Oper rund um Mord und Macht wird von Peter Stein so textgetreu umgesetzt, wie sich das Muti sicher immer gewünscht hat. Bei dieser Verdoppelung der Ambitionen entstehen grandiose Tableaus und klassische Salzburger Eleganz. In die inhaltliche Tiefe geht diese Regie-Arbeit nicht. Sie bleibt starr und statisch.

Die musikalische (und widersprüchliche): Stein, so sagte er, wollte das für die Pariser Fassung obligate Ballett nicht als Behübschung inszenieren. Muti bestand darauf, diesen Teil zu dirigieren. Der dramaturgisch untaugliche Kompromiss: Die Ballettmusik wurde versetzt und zum Bestandteil einer neu gestrickten zweiten Ouvertüre zu Beginn des 3. Aktes. Dort wirkt sie noch banaler, zu lang, der Bruch zur Tragödie ist groß. Wie überhaupt die erstellte Fassung - das meiste aus der Pariser Adaption von 1865, das Finale aus dem Florentiner Original von 1847 - für Puristen eigenwillig erscheint.

Die Hexen und die Krieger

Die Felsenreitschule als Bühne weiß Peter Stein wie kaum ein anderer zu nützen. Dort hat er schon Erfolge mit Shakespeare-Dramen gefeiert. Nun zeigt er seine optische Umsetzung von Verdis Shakespeare-Oper„Macbeth“ Foto: APA/BARBARA GINDL Die Felsenreitschule als Bühne weiß Peter Stein wie kaum ein anderer zu nützen. Dort hat er schon Erfolge mit Shakespeare-Dramen gefeiert. Nun zeigt er seine optische Umsetzung von Verdis Shakespeare-Oper„Macbeth“

Aber reden wir nicht weiter von Behübschung, sondern auch von dem, was die Aufführung zum großen Erfolg macht, von dem, was staunen lässt, Augen und Ohren offen hält.
Stein versteht die Felsenreitschule zu nützen wie kaum ein anderer, er setzt die Arkaden raffiniert für die Nachtwandelszene der Lady oder den Wald von Birnam ein, das Licht ist grandios. Die Chormassen (mächtig der Staatsopernchor) bewegt er mühelos, in den Hexenszenen kaum sichtbar, weil er nur drei Schauspieler um den Kessel tanzen lässt. Diese Hexen müssen ein bissl kindisch den Mund bewegen, als würden sie singen. Das allerdings ganz präzise, den drei Hexen-Gruppen von Verdi entsprechend.

Die Krieger tragen bei Stein noch Kettenhemden und mittelalterliche Kostüme. Er setzt gut, wenn auch sparsam Effekte. Toll sind die Königs-Erscheinungen. Zwischen den Protagonisten gibt es zu wenig Interaktion. Jeder ist auf sich gestellt, die Inszenierung bleibt diesbezüglich distanziert.

Riccardo Muti besticht am Pult der grandiosen Wiener Philharmoniker, die seit Beginn des Festivals in Höchstform spielen. Seine "Macbeth"-Deutung schaut hinter die Fassade, ist auf zarte Momente, die raffinierten Strukturen, auf melodische und instrumentatorische Feinheiten, nie auf Kraftmeierei ausgerichtet.

Große Sänger und intensiver Premierenapplaus

Fabelhaft ist die Besetzung: Zeljko Lucic überzeugt als Verdi-Profi mit kraftvollem Bariton, prachtvollen Legato-Bögen und warmem Timbre. Tatiana Serjan ist eine ideale Lady: Sie vermag ebenso schön zu singen wie dramatisch, dem Wahn verfallen. Dmitry Belosselskiy ist ein markanter Banquo, Giuseppe Filianoti (Macduff) gestaltet seine große Tenorarie berührend.
Intensiver, aber kurzer Premierenapplaus. In Wien wäre man heilfroh, hätte man diesen "Macbeth" im Repertoire statt der bestehenden Peinlichkeit.

KURIER-Wertung: **** von *****

Fazit: Toll musiziert, schön anzuschauen

Das Werk: Verdis "Macbeth" (Text: Francesco Maria Piave).

Die Produktion: Riccardo Muti begeistert mit den Wiener Philharmonikern, gesungen wird gut, die Regie von Peter Stein ist klassisch schön, in die Tiefe geht sie bei der Geschichte um Macht und Mord aber nicht.

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