Lukas Resetarits hat "keine Angst vorm Hoferl"

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Foto: REUTERS/LISI NIESNER Lukas Resetarits ist fassungslos: "Diese Wende hin zur FPÖ: Ich versteh sie nicht!"

Der Kabarettist Lukas Resetarits kommentiert die politische Entwicklung in Österreich.

KURIER: Sie waren gerade zwölf Tage auf Urlaub, kommen zurück – und haben nichts versäumt. Oder doch?

Lukas Resetarits: Ich hab’ viel Blödheit versäumt, zum Beispiel dieses erbärmliche TV-Duell auf ATV. Es ist deprimierend, dass man sich als Präsidentschaftskandidat dem Drecksboulevard derart unterwirft, weil man meint, man hätte ansonsten schlechtere Karten. Alexander Van der Bellen war da falsch beraten. Denn was soll er gegen dieses Würschtl machen, der in NLP zum Kämpfer ausgebildet ist? Man sieht, dass Norbert Hofer eigentlich zum Raufen anfangen möchte. Ich erkenn’ das an den Augen. Denn ich war ein Raufer. Ein Herr wie Van der Bellen hätte im Studio aufstehen und sagen müssen: "Es ist so was von unter meiner Würde, was da passiert. Ich lehne es ab, mit Ihnen weiter ein Wort zu wechseln. Auf Wiedersehen." Freunde von mir sagen aber, er hätte sich damit geschadet. Denn dann hätten die Buben sagen können: "Der abgehobene Professor."

Sich anzubiedern, scheint aber nicht der richtige Weg zu sein.

Genau. Die Frage lautete: Wem soll man in Oarsch einekräun? Die SPÖ hat es jahrelang versucht. Aber sie ist nirgends einikommen. Weil die FPÖ schon drinnen war.

Werner Faymann wurde am 1. Mai ausgebuht. Zu Recht?

Ja. Seine gummiartige Weichheit in der Flüchtlingsfrage hat zur Katastrophe geführt. Da ist viel Falsches auf Seiten der Sozialdemokratie passiert. Zuerst wollte man nicht mitmachen mit Deutschland. Wobei man sagen muss: Angela Merkel hat natürlich nicht gemeint, dass alle Flüchtlinge kommen dürfen. Sondern die, die um ihr Leben rennen. Dann wollte man in Österreich doch ein bissl human sein. Und dann hat man sich komplett umgedreht.

Wie hätte man es besser machen können?

Dass die Kapazität nicht unendlich ist, ist ja eine klare Geschichte. Gescheit wäre es gewesen, wenn man von den neofaschistischen Nachbarländern gefordert hätte, Flüchtlinge aufzunehmen: "Wollt ihr weiter die Milliarden von der Europäischen Union? Dann erfüllt eure Pflichten!" Und es braucht eine Art europäischen Marshallplan für Afrika in Kombination mit der Entwicklungshilfe. Den muss man aber wollen! Es reicht nicht, die Jungschar runterzuschicken, um einen Brunnen zu graben. Man hätte auch schauen müssen, dass nicht der jeweilige Ober-Massa das gespendete Geld einstreift.

Musste Hundstorfer für das Versagen der Regierung büßen?

Ich mag den Rudi. Jemand aus seinem Kabinett hat mich angerufen und um meine Unterstützung gebeten. Ich sagte: "Nein. Der Rudi soll Sozialminister bleiben! Er ist ein guter Minister." Warum zerrte man ihn in diesen Wahlkampf? Damit er auch nicht als Bürgermeister infrage kommt? Das Pech der SPÖ war der frühe Tod der Barbara Prammer. Und andere Ideen hat man in der SPÖ leider nicht gehabt. Ich bin mir sicher: Der "Vranz" (Ex-Kanzler Franz Vranitzky) hätt’s g’macht! Und mit ihm hätte man Chancen gehabt. Aber der kleine Quack-Quack (Werner Faymann) hat alles Vernünftige verhindert. Hinzu kam die gelähmte Koalition. Für mich – ich hab’ aber Schlagseite – war vor allem die ÖVP die Verhindererpartie. Von ihr kamen die miesen Attacken. Und dann haben die Blauen Morgenluft gewittert: "Jetzt fahr ma eini – so fest, wie die Testosteron-Bertln zwischen 18 und 35 Jahren es wollen." Und das ist unterschwellig immer "Diktatur".

Jetzt übertreiben Sie aber!

Sicher nicht. Der Hofer sagt ja: "Sie werden sich noch wundern!" Ich will mich nicht wundern. Ich will, dass der sich wundert. Aber leider, das kommt bei den kampfbereiten Männern gut an, wenn der Hofer damit droht: "Mach ma’s kurz, I hau alle außi!" Das soll er bei mir versuchen! Ich hab’ keine Angst vorm Hoferl.

Und die SPÖ hat keine Berührungsängste mehr vor der FPÖ. Siehe Landeshauptmann Niessl.

Das Burgenland war einst so gefestigt sozialdemokratisch! Der Schock sitzt mir noch immer in den Knochen. Und wenn ich Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil sprechen hör’, frag ich mich, bei welcher Partei er ist. Bei der SPÖ wohl nicht.

Ihre Familie kommt aus Stinatz. Dort soll es eine unglaubliche Zustimmung für Hofer geben.

Absolut. Die Facharbeiter wählen den Hofer – und die Hocknstadn auch. Weil er verspricht, ein starker Mann zu sein. Und weil sie Angst haben, dass die Ungarn und Slowaken ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen. Oder dass sie fürn Flüchtling zahlen müssen. Zudem gibt es die große Angst, dass unsere Sicherheit flöten geht – gerade in dem Bundesland, in dem die wenigsten Verbrechen passieren. Das ist völlig irrational. Das hat die Propaganda geschafft. Und der Herr Niessl. Diese Wende hin zur FPÖ: Ich versteh’ sie nicht! Und ich versteh’ nicht, warum man schon wieder reinfällt auf die rechten Populisten.

Aber nun wurde der bisherige ÖBB-Chef Christian Kern als Kanzler angelobt. Ist ein Umschwung möglich?

Er ist kein Quereinsteiger, sondern ein Rückkehrer! Das ist wichtig. Denn wenn jemand kommt, der von Politik keine Ahnung hat: Den fressen’s innerhalb von vier Wochen! Aber Kern kommt aus der Partei. Möglicherweise ist er manchen zu sehr Generaldirektor. Aber ich glaube, dass er Volksnähe entwickeln kann. Die schwarz-blaue Regierung (von 2000 bis 2006) wollte die ÖBB, die letzte rote Burg, zerstören und privatisieren. Es war eine titanische Leistung von Kern, ihr wieder Stolz zu geben. Kern hat es geschafft, einen staatlichen Betrieb gut zu führen. Es steht ja nirgends, dass ein Betrieb, der dem Staat gehört, schlecht geführt sein muss. Und das gilt auch für unsere Verfassung: Man kann was G’scheites d’raus machen. Daher war’s das noch nicht mit der Zweiten Republik. Und: Man kann auch in einer Koalition so agieren, dass man sich nicht permanent gegenseitig umzubringen versucht.

Reinhold Lopatka, der Obmann der ÖVP, hat aber gleich gegen Christian Kern geschossen.

Ich bin ja ein Kroat’. Daher weiß ich, dass Lopatka die Verkleinerungsform von Lopata ist – und Schauferl bedeutet. Er ist für mich ein Ausbund des Übels. Dass er dem neuen Kanzler gleich die faulen Eier ins G’sicht haut: Das kapier’ ich nicht.

Vizekanzler Reinhold Mitterlehner hat sich positiv geäußert.

Das stimmt. Ich hoffe, dass er dem Lopatka anschafft, sich in die Hütte zu verziehen: "Platz! Und Ohren hängen lassen!" Denn wenn dieses oststeirische Schauferl Neuwahlen vom Zaun bricht, dann kann die ÖVP den Kurz-Buam eingraben, dann können sie den Mitterlehner eingraben – und bei der FPÖ betteln gehen.

Kann Kern noch was bei der Präsidentschaftswahl bewirken?

Ich hoffe, dass der Neustart ein paar Prozent für Van der Bellen bringt. Und ich glaub, dass Hofer das Radl – wie bei der Uhr zum Aufziehen – überdreht hat. Um zwei Zacken. Vielleicht haben die Leut’, die mit ihm sympathisieren, aufmerksam zug’schaut beim TV-Duell und festg’stellt: "Jetzt ist er mir a bissl unheimlich geworden. Das geht doch zu weit!" So gesehen war falsch, was ich zu Beginn gesagt habe. Ich wäre zwar aufgestanden und gegangen, vielleicht hätt’ ich dem Hofer auch a symbolische Watschn gegeben. Aber es war gut, dass Van der Bellen geblieben ist.

Zur Person: Im Unruhestand

Lukas (Erich) Resetarits wurde 1947 in Stinatz geboren. Nach einer wilden Zeit als Gammler arbeitete er als Traffic Officer am Flughafen Wien. Er schrieb den Song „Boom Boom Boomerang“, mit dem die Gruppe Schmetterlinge seines Bruders Willi 1977 am  ESC  teilnahmen. Im gleichen Jahr brachte er sein Solo „Rechts Mitte Links“ heraus, mit dem er das Kabarett in Österreich erneuerte.  Von 1980 bis 1983 spielte  er den Titelhelden in „Kottan ermittelt“. Resetarits befindet sich weiterhin im "Unruhestand", wie  das vorletzte Programm hieß.

(kurier) Erstellt am
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