Preisflut für Haneke

AUSTRIA GERMANY CINEMA
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

Sowohl in London, als auch in Bayern erhielt der Regisseur Preise für "Amour".

Michael Haneke sammelt weiter Preise für sein Drama "Amour" (Liebe): Sonntag Abend (20. Jänner) ist er im Londoner May Fair Hotel mit drei London Critics' Circle Awards ausgezeichnet worden: Das Liebes-und Sterbedrama wurde zum "Film des Jahres" gekürt, Haneke erhielt den Preis für das beste Drehbuch, Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva wurde zur besten Schauspielerin gewählt. "Amour" ist auch für fünf Oscars nominiert.

Weitere Gewinner

Ang Lee wurde für "Life of Pi" bester Regisseur. Bester Hauptdarsteller wurde Joaquin Phoenix ("The Master"), der u.a. Jean-Louis Trintignant ("Amour") ausstach, beste Nebendarsteller wurden Philip Seymour Hoffman ("The Master") und Anne Hathaway ("Les Miserables"), die sich u.a. gegen Isabelle Huppert ("Amour") durchsetzte. Bester fremdsprachiger Film wurde "Der Geschmack von Rost und Knochen" von Jacques Audiard.

Der London Film Critics' Circle besteht aus über 120 britischen Filmkritikern, Autoren und Fernsehjournalisten, die heuer für insgesamt rund 200 Filme ihre Stimme abgaben.

"Beste Regie" beim Bayerischen Filmpreis

Außerdem erhielt der Österreicher im Rahmen des Bayerischen Filmpreises den "Pierrot" für die beste Regie in dem nach Ansicht der Jury gleichzeitig beklemmenden und berührenden "Meisterwerk" über Liebe bis in den Tod. Der Film hatte bereits vor wenigen Tagen den Golden Globe als bester "Fremdsprachiger Film" gewonnen und ist zudem für fünf Oscars nominiert.

Zwei Preise für "Oh Boy"

Die Komödie "Oh Boy" hat in zwei Kategorien gewonnen. Jan Ole Gersters Film über einen Endzwanziger, der nach abgebrochenem Jurastudium in den Berliner Tag hinein lebt, gewann den Preis für das beste Drehbuch. Hauptdarsteller Tom Schilling wurde zudem als bester Schauspieler ausgezeichnet, wie die Bayerische Staatskanzlei am Freitag mitteilte. Die Jury lobte das reduzierte "und doch unglaublich präsente Spiel" des 30-Jährigen. Das Drehbuch biete dabei die Grundlage für Schillings begeisternde Leistung.

Lebenswerk für Margarethe von Trotta

Regisseurin Margarethe von Trotta wurde für ihr Lebenswerk geehrt. "Margarethe von Trotta ist eine der engagiertesten Filmemacherinnen in Deutschland", hatte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) die 70-Jährige bereits zuvor gelobt. Aktuell ist Trottas Biografie über "Hannah Arendt" in den Kinos zu sehen. Hauptdarstellerin Barbara Sukowa gewann als deutsch-jüdische Philosophin den Bayerischen Filmpreis als beste Darstellerin.

"Cloud Atlas"

Für Tom Tykwers 100-Millionen-Projekt "Cloud Atlas" bekam Stefan Arndt den mit 200.000 Euro dotierten Produzentenpreis. Der bildgewaltige Film mit Tom Hanks und Halle Berry in den Hauptrollen sei ein großes Wagnis gewesen, das die Produktionsfirma aber "grandios gemeistert" habe, erklärte die Jury.

Publikumspreis

Den Publikumspreis erhielt Bora Dagtekins Patchwork-Familien-Film "Türkisch für Anfänger" nach der gleichnamigen Serie mit Josefine Preuß und Elyas M'Barek. Sabin Tambrea wurde für seine Verkörperung von Märchenkönig Ludwig II. als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnet.

Wer an Michael Haneke denkt, dem wird üblicherweise nicht gerade warm ums Herz. Der österreichische Filmemacher ist bekannt für seinen gnadenlosen Blick, seine kompromisslosen Analysen und seine verstörenden Filme, die ihn in den vergangenen Jahrzehnten weltberühmt gemacht haben.
Ein Porträt zum Durchklicken... Nach ersten Gehversuchen als Regisseur im Fernsehen ("Sperrmüll" - 1976, "Drei Wege zum See" - 1976, "Lemminge" - 1979) folgte 1989 der erste Kinofilm "Der siebente Kontinent". Haneke durfte das Werk, in der eine Familie gemeinsam Suizid begeht, in Cannes präsentieren. Seitdem ist er Stammgast an der Croisette. Mit dem Erstling "Der siebente Kontinent" begann er seine "Trilogie der emotionalen Vereisung", zu der auch "Benny`s Video" gehört. Darin tötet ein Junge - angespornt durch einen TV-Film - ein junges Mädchen mit einem Bolzenschussgerät. 1994 schließt er seine Reihe mit "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" ab. Haneke zeigt - wie immer - sehr kühl 71 Szenen, die keinen kausalen Zusammenhang miteinander haben, denen aber alle eine nicht näher erklärte Katastrophe vorausgeht. Nach der  "Trilogie der emotionalen Vereisung" zu Beginn seiner Kinokarriere Ende der 1980er wurde es nicht versöhnlicher, gesellschaftliche Ängste und die Mechanismen der Gewalt bestimmen das Werk des 1942 in München geborenen Regisseurs.
Bild: Haneke mit seiner Ehefrau Susi. Hanekes Gewaltschocker "Funny Games" war schließlich 1997 nach 35 Jahren der erste österreichische Wettbewerbs-Beitrag in Cannes. 2007 drehte er die US-Version davon unter dem Titel "Funny Games U.S". Für das Projekt wurde er von nicht wenigen kritisiert, weil er seinen Film von 1997 1:1 mit anderen Hauptdarstellern (Tim Roth, Naomi Watts) nachdrehte. Die Jelinek-Verfilmung "Die Klavierspielerin" aus dem Jahr 2001 mit Isabelle Huppert wurde dagegen von den Kritikern gefeiert. An der Cote d`Azur gab es dafür den Großen Preis der Jury, ...
Bild: Haneke bekommt die Goldene Plame für "Das weiße Band" 2009 von Isabelle Huppert überreicht. ... für "Caché" 2005 den Regiepreis. Den Thriller drehte er nach "Die Klavierspielerin" erneut in Frankreich, mit Juliette Binoche in der Hauptrolle. Es folgten die Werke "Code Inconnu" (2000) und das Endzeit-Drama "Wolfzeit" (2003) - sie wurden in Cannes kontrovers besprochen. Auch diese Filme drehte er in Frankreich.
Bild: "Wolfzeit" Als Haneke schließlich von Frankreich für seine filmische "Suche nach der Wahrheit" zum "Commandeur dans l`ordre des Arts et des Lettres" ernannt wurde, sprach Haneke von seiner "großen Bewunderung für die französische Kultur".
Bild: Haneke mit Juliette Binoche und seinen Orden. Kurz vor dieser Ehrung war er bzw. seine schwarz-weiße Faschismusparabel "Das weiße Band" 2009 mit der Goldenen Palme ausgezeichnent worden. Der Film startete einen beeindruckenden Siegeszug, vom Europäischen Filmpreis bis zum Golden Globe. Nur der Oscar blieb Haneke vorerst verwehrt - doch nachdem der humorvolle und weltoffene Filmemacher keinen Gedanken an den Ruhestand verschwendet, mag da noch die eine oder andere Chance kommen.
Sein neuster Film heißt "Amour" und handelt vom Älter werden. Haneke, der am 23. März 1942 geboren wurde, wuchs in Wiener Neustadt als Sohn der österreichischen Schauspielerin Beatrix von Degenschild und des Düsseldorfer Regisseurs und Schauspielers Fritz Haneke auf. Er versuchte sich neben dem Studium der Philosophie und Psychologie in Wien zunächst als Autor sowie Film- und Literaturkritiker, 1967 bis 1971 arbeitete er als Redakteur und Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk in Baden-Baden.
In dieser Zeit entstand sein erstes Drehbuch "Wochenende". 1973 entstand sein erster Fernsehfilm, "...und was kommt danach? (After Liverpool)" nach einem Text von James Saunders. Es folgten TV-Filme nach Vorlagen von Ingeborg Bachmann, Peter Rosei und Franz Kafka. Anfang der 70er Jahre debütierte Haneke als Bühnenregisseur am Stadttheater Baden-Baden mit "Ganze Tage in den Bäumen" von Marguerite Duras. Es folgten Theater-Inszenierungenin Deutschland und Österreich. 2006 gab er exakt an Mozarts 250. Geburtstag an der Pariser Oper sein Debüt als Opernregisseur: Mit seiner modernen Inszenierung von "Don Giovanni" spaltete er das Publikum. Eine Inszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte" war ursprünglich für New York geplant, soll nun jedoch heuer bei Gerard Mortier in Madrid stattfinden.
Privat ist der Regisseur seit 1983 mit seiner Frau Susanne liiert, er ist Vater eines Sohnes. Für seinen neuen Film "Amour" wurde er am Sonntag in Cannes zum zweiten Mal mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Unterdessen steckt mit "Flashmob" auch schon ein neues Projekt in den Startlöchern - selbst mit 70 scheint bei Haneke keinerlei Müdigkeit einzukehren.
(APA / moe) Erstellt am
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