Liza Minnelli in Wien: The show must go on

Superstar Liza Minnelli in der Oper – mit den großen Hits von gestern und zusammengebissenen Zähnen heute auf Tour.
Foto: epa

Standing Ovations für Liza Minnelli in der Staatsoper: Einer der letzten Stars des amerikanischen Entertainments wollte es noch einmal wissen.

Das Zirkuspferd tanzt wieder. Es gibt ein Leben nach der Implantation von zwei künstlichen Hüften und einer Kniegelenksprothese. Liza Minnelli, 65, ist physisch wieder fit genug für eine Bigger-Than-Life- Performance.

Zwar ist sie im schwarzen Paillettenjäckchen mit rotem Schal am Sonntag zum Jazzfest-Wien-Finale in der Oper schon nach ihrem Einstieg mit Irving Berlins "Alexander's Ragtime Band", Kurt Weills "Here I'll Stay" und Gershwins "Our Love is here to stay" erschreckend atemlos.

Zwar kaschiert die sechsköpfige Begleitband, was von der einst markanten Kraftstimme nur mehr rudimentär vorhanden ist. Aber kaum im Rampenlicht, blüht sie - die Arme wie im Triumph weit ausgestreckt - als Entertainerin auf. The show must go on.
Und jeder im Haus am Ring weiß: Die Minnelli ist eine Kämpfernatur. Und neben Barbra Streisand die letzte einer aussterbenden Gattung.

Lady Happy

Die Dame lebt den Glamour, sobald sie Publikum hat. Und es gibt nicht den leisesten Zweifel daran, dass sie zu den talentiertesten, fleißigsten, gewandtesten, vielseitigsten, zähesten und humorvollsten Show-Stars aller Zeiten gehört. Und was passt da besser zur ihr - also Showbiz und Bühnen-Pathos - als "Maybe This Time I'll Win" von der "Cabaret"-Heldin Sally Bowles, die um jeden Preis akzeptiert und geliebt werden will. Die ein Star sein will.

It's Showtime "New York, New York" aus dem Film von Martin Scorsese 1977, den Klassiker, den eigentlich "Uncle Frank", wie sie Sinatra nennt, zum Hit gemacht hat, hebt sie sich für ganz zum Schluss auf. Und bekanntlich kann, wer dort Erfolg hatte, überall "top of the list" sein.

"What Makes A Man A Man"

Und weil die Minnelli immer schon in erster Linie Schauspielerin gewesen ist, ist sie auch eine "Schauspielerin in der Musik", wie sie das bei ihrem Mentor Charles Aznavour gelernt hat.

So singt sie dessen Gay-pride-Hymne "What Makes A Man A Man", in dem sie zur Drag Queen mutiert. In dem Song ist sie also eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt.

Zwischendurch schleppt sie abwechselnd einen hohen Regie-Stuhl, den Mikro-Ständer und sich selber über die Bühne, und erzählt lebhaft mit Armen und Händen und rollenden Augen Broadway-Anekdoten. Klar: "Life is a Cabaret".

Sie schwelgt mit brüchiger, rauchiger und von Strapazen gekennzeichneter Stimme in Musical-Nummern von anno dazumal, singt den swingenden Titelsong ihres aktuellen Albums "Confessions", den Oldie "Liza with a Z" und von Tramps, die Frau einfach lieben müsse.

Einem Geburtstagskind im Auditorium widmet sie "I Can't Give You Anything But Love" und schmachtet ihren Bandleader an.

Spätestens dabei öffnet sie einem das Herz:
Wenn uns trotz offensichtlicher Überforderung nicht die große Show, die übergroße Geste, der hochenergetische Superdynamo vorgeführt wird, nicht die laute, schmetternde und bombastische, sondern die leise Minnelli, nur begleitet von ihrem langjährigen Weggefährten, dem Pianisten Billy Stritch. Wie bei der Zugabe, als es mucksmäuschenstilll ist in der Oper. Und Cole Porters "Everytime We Say Goodbye" Gänsehaut macht.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Fazit: Durch alle Höhen und Tiefen

Show: Liza Minnelli wird seit bald 40 Jahren mit ihrer Rolle als Sally Bowles in der Filmfassung des Broadway-Musicals "Cabaret" identifiziert und hat nach Krankheiten selbst das Prinzip des Weitermachens verinnerlicht.

Repertoire: Das Great American Songbook, geschrieben von Könnern wie Jerome Kern, Sammy Cahn oder Irving Berlin, ist ihre Welt. Auch auf der letzten CD "Confessions".

Jazz Fest Wien

Das Jazz Fest Wien verzeichnete bei seiner 21. Ausgabe 74.400 Besucher. Über ein Monat lang standen elf Locations in der ganzen Stadt im Zeichen des Konzertreigens. Bei den mehr als 60 Auftritte durfte man Größen der Szene ebenso lauschen wie prominenten Namen der Popbranche.
So statteten neben Jazz-Newcomern wie Charles Bradley, Trombone Shorty oder Tia Fuller auch Seal, Cyndi Lauper, Marianne Faithfull oder Bryan Ferry dem Wiener Publikum einen Besuch ab. Erstmals war es in diesem Jahr auch möglich, sich per Gratis-App Infos und Videos zu den Konzerten auf das Smartphone zu holen.

(kurier) Erstellt am
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