Kultur
30.05.2017

Linkin Park: "Man muss auch zuhören können"

Platz 1 der US-Charts: Mike Shinoda über den neuen Sound, das ruppige Internet und seine Umwelt-Initiative.

Es gab einen Aufschrei, als die Rock-Band Linkin Park im Februar den Pop-Song "Heavy" als Vorgeschmack ihres neuen Albums "One More Light" (inzwischen auf Platz 1 der US-Charts) ins Netz stellte. Die Bezeichnung "kuschliger, trauriger Weichspül-Pop" war dabei ein freundlicher Kommentar. Multiinstrumentalist und Hauptsongwriter Mike Shinoda erzählt im KURIER-Interview, wie er darauf reagiert hat und was er seinen Kindern sagen wird, wenn Linkin Park am 14. Juni als Headliner des Eröffnungstages des Nova Rock nach Nickelsdorf kommen.

KURIER: Was war der für Sie schlimmste Kommentar, den Sie über "Heavy" gehört haben?

Mike Shinoda: "Das ist ein einfacher Sound, der auf Sicherheit abzielt und leicht zu machen ist!" Es tut mir leid, aber das ist absolut dumm. Denn: Nein! Das war nicht leicht zu machen und es ist auch definitiv keine sichere Sache. Außerdem sollten unsere Fans gewohnt sein, dass wir mit jedem Album etwas anderes machen. Wir kriegen seit zehn Jahren immer wieder Kommentare wie: "Ich will die alten Linkin Park zurück", oder "Rest in peace Linkin Park".

Das ganze Album "One More Light" hat einen ähnlichen Sound wie "Heavy", kaum Rap-Passagen oder harte Gitarren. Das ist schon eine drastischere Veränderung als früher . . .

Ich würde sagen, dass es bei fünf von unseren sieben Alben eine große Veränderung im Sound gegeben hat. Als wir 2010 "A Thousand Suns" veröffentlichten, hatten wir nur Fünf-Stern- oder Ein-Stern-Kritiken – nichts dazwischen. Die einen sagten: "Das ist Linkin Parks ,Dark Side Of The Moon’". Die anderen: "Das ist verrückter Mist!". Mittlerweile bin ich solche Reaktionen schon gewöhnt.

Wie kam es zu diesem auf Melodien fokussierten Sound?

Aus zwei Gründen. Erstens wollte ich zum ersten Mal mit anderen Songwritern schreiben. Ich hörte immer von diesen vielseitigen Leuten, die für Pop-, Rock- und Hip-Hop-Künstler schreiben. Ich wollte sehen, was ich von ihnen lernen kann. Ich habe einige Leute – zum Beispiel Eg White, der mit Florence & The Machine und Adele gearbeitet hat – getroffen und großen Spaß dabei gehabt. Die Bedenken, dass wir dabei unsere Identität verlieren könnten, haben sich schnell verflüchtig. Wir sind starke Persönlichkeiten.

Was war der zweite Grund für den Sound?Dass wir nur zu Akkorden von Klavier oder Gitarre geschrieben haben. Es fühlte sich natürlicher an, dazu zu singen anstatt zu rappen oder zu schreien. Außerdem haben wir den Prozess umgekehrt. Diesmal war unser Ausgangspunkt nicht die Musik, sondern die Aussage. Wir wollten, dass jeder Song Bedeutung hat. Der Titelsong "One More Light" ist ein gutes Beispiel für diese Arbeitsweise.

Handelt der nicht vom Tod einer Freundin?

Ja, sie war bei unserem Label und hatte sich zu Beginn unserer Karriere stark für uns eingesetzt. Wir hatten Eg White zu uns nach LA geladen, der die Stadt absolut nicht mag. Er war bis Freitag da, und am Dienstag erfuhren wir, dass an diesem Freitag ihr Begräbnis sein wird. Weil er aber nur wegen uns gekommen war, wollten wir nicht absagen. Also ging Brad (Anm: Delson, der Gitarrist) zum Begräbnis und ich mit Eg ins Studio. Dort hatte ich aber nur ihren Tod im Sinn, wolle darüber schreiben. Eg meinte, das sei ein bisschen düster, wollte es aber probieren. Er schrieb den Anfang des Refrains und ich den Schlusspart von "One More Light". Als er den hörte, kamen ihm die Tränen.

Auf diesem Album greifen Sie anders als sonst kaum soziale und politische Themen auf. Warum das – gerade in einer Zeit, die in Amerika mit Präsident Trump so bewegt ist, und Sie noch dazu für die Zeitung "The Big Issue" der Wahlberichterstatter waren?

Alle Songs waren vor den Wahlen fertig. Wenn wir sie vor einigen Monaten geschrieben hätten, wäre das sicher ein sehr politisches Album geworden. Aber mehr als alles andere... Das für mich Beunruhigendste an dieser Zeit ist das Gefühl, dass die Leute nicht mehr zivilisiert sind. Klar, die Politiker gehen nicht höflich miteinander um, und auch Trump nicht mit den Leuten. Aber noch schlimmer ist, wenn man sich Kommentare auf Youtube anschaut. Die sind entsetzlich, richtig grässlich. Die Leute sind es so gewöhnt, im Internet heftig und kampfbetont miteinander umzugehen. Es ist die Ausnahme, dass man mit Leuten, die anders denken, eine Diskussion haben kann. Wenn das geht, ist es aber sehr erfrischend.

Mit wem hatten Sie eine solche Diskussion?

Ich habe einmal auf Twitter etwas über Beschränkungen und Kontrolle in Bezug auf Waffenbesitz gepostet. Jemand hat mir eine extrem wütende, böse Antwort geschrieben. Darauf ich: Wenn du respektvoll reden kannst, würde ich das gerne weiter mit dir diskutieren. Daraufhin hat er sich beruhigt, und es entstand eine gute Konversation. Ich wünschte nur, die Leute würden lernen, dass man auch zuhören können muss. Nur so kann man auf den Grund der Dinge kommen. Na ja, vielleicht lernt es ja die nächste Generation.

Wie vermitteln Sie das Ihren Kindern?

Wir sagen ihnen, dass sie im Internet so mit den Leute umgehen sollen, als ob sie ihnen gegenüber sitzen: Wie würdest du etwas sagen, wenn dir 1000 Leute zuhören und nicht Null? Denn im Internet reden die Leute, als würde niemand zuhören. Aber in Wahrheit hören alle zu: Dein zukünftiger Chef könnte das später lesen. Oder der Mann, der für die Stelle arbeitet, die dich aufs College zulässt. Wir sagen ihnen, was auf dem Spiel steht.

Eine andere Sorge von Ihnen ist die Umwelt. Warum haben Sie sich mit Ihrer Benefizorganisation "Music For Relief" auf die Katastrophen-Hilfe spezialisiert?

Wir waren vor dem Tsunami in Südostasien auf Tour, hatten eine wunderbare Zeit und sind auch als Touristen herumgefahren, um zu sehen, wie die Leute leben. Kaum waren wir zuhause, haben wir gesehen, wie der Tsunami Plätze und Dörfer ausgelöscht hat, durch die wir gegangen sind. Da wollten wir zuerst diesen Leuten helfen. Und nach einem Jahr, dachten wir: Aber was können wir machen, um solche Katastrophen zu verhindern? Also begannen wir, uns auch für Bewusstsein und Aufklärung gegenüber Umweltthemen einzusetzen. Mit einer Regierung, die den Klimawandel leugnet, ist das jetzt wichtiger denn je.

In "Sorry For Now" entschuldigen Sie sich bei Ihren Kindern, für die lange Abwesenheit, wenn Sie auf Tour sind. Haben Sie deshalb wirklich ein schlechtes Gewissen?

Es steckt ein kleines bisschen schlechtes Gewissen in diesem Song. Aber eigentlich ist er schon auch sarkastisch. Denn meine Kinder sind noch klein. Wenn ich auf Tour gehe, sage ich ihnen: "Es tut mir ehrlich leid, dass ich so lange weg sein werde, aber wir werden jeden Tag Video-Chats haben und SMS schreiben." Das meine ich auch so. Dann sind sie deshalb zuerst total böse und beleidigt. Aber eine Stunde später spielen sie mit ihren iPads und haben es wieder vergessen. Deshalb ist in dem Song zwischen den Zeilen auch zu hören: Es ist eigentlich großartig! Denn es ist ein verdammt geiler Job, der das Wegsein erfordert – einer den ich liebe, den jeder gerne haben würde.