Kultur | Lifeball
28.02.2012

Kein Anstieg von Aids in Österreich

Auch wenn die Statistik plötzlich viel mehr Fälle aufweist: Dank der Therapien geht die Zahl der Erkrankungen zurück.

Für Insider ist das nichts Neues." So kommentieren Experten die jüngste Aufregung um die neue, Montagabend veröffentlichte, Aids-Statistik des Gesundheitsministeriums. Dieses hat die Gesamtzahl der bisherigen Aids-Erkrankungen (seit 1983) um mehr als 800 (auf 3659) nach oben korrigiert, auch die Zahl der Aids-Todesfälle ist schlagartig um mehr als 400 (auf 1945) angestiegen. "Das bedeutet aber nicht, dass Aids jetzt auf einmal weiter verbreitet ist als angenommen", sagt Aids-Spezialist Univ.-Prof. Robert Zangerle von der MedUni Innsbruck.

Wieso gibt es plötzlich in der Statistik so viel mehr Erkrankungen und Todesfälle?
Aids ist eine meldepflichtige Erkrankung. Früher erfolgten die Meldung schriftlich an das Gesundheitsministerium. "Aber da gab es ein gewisses ,Underreporting`", sagt Jean-Paul Klein vom Ministerium. Jetzt gibt es an den sieben großen Behandlungszentren in Österreich eine Software für ein elektronisches Register. "Mit dieser Software haben die Spitäler ihre bisherigen Meldungen nachgeprüft", erklärt Zangerle - und sind dabei auf gewisse Lücken gestoßen: "Wir Ärzte sind beim Melden schlampig." Das Gesundheitsministerium könne von sich aus aber nicht auf diese Daten zugreifen. "Diese Daten sind zigfach abgesichert", betont Brigitte Schmied vom Otto-Wagner-Spital.

Gemeldet werden wie bisher Geburtsdatum und Initialen - "um Doppelmeldungen zu
vermeiden", sagt Zangerle. Nicht gemeldet werden HIV-Infektionen, betont Schmied.

Wie viele HIV-Infektionen gibt es in Österreich?
Die Zahl der jährlich neu diagnostizierten HIV-Patienten ist mit rund 500 relativ stabil. "Derzeit sind von den Infizierten in medizinischer Betreuung rund 41 Prozent bei heterosexuellem und 32 Prozent bei homosexuellem Kontakt angesteckt worden", sagt Schmied. Allerdings zeigt die österreichische HIV-Kohortenstudie (AHIVCOS), dass es in den vergangenen vier Jahren mehr Neuinfektionen bei homosexuellen Männern als in der heterosexuellen Bevölkerung gab (Zahlen von 2010 siehe Grafik). Die Gesamtzahl der HIV-Infizierten - je nach Schätzung zwischen 7000 und 9000 - steigt: Denn durch die moderne Kombinationstherapie haben HIV-Infizierte eine mit Nicht-Infizierten vergleichbare Lebenserwartung.

Wie sieht die Entwicklung bei den Aids-Erkrankungen und Todesfällen aus?
Die Zahlen gehen seit 1996/1997 - der Einführung der Kombi-Therapie - deutlich zurück. Heuer etwa sind erst 20 Todesfälle gemeldet worden. Betroffen sind jene Menschen, deren HIV-Infektion erst sehr spät diagnostiziert wird - das sind rund 25 bis 30 Prozent aller HIV-Infizierten. "Könnten wir den Prozentsatz der spät Diagnostizierten noch weiter absenken, würden auch die Aids-Erkrankungen und die Todesfälle noch weiter zurückgehen", betont Zangerle. Eine frühe Therapie verhindert aber nicht nur den Ausbruch von Aids - "gut behandelte Patienten sind auch kaum mehr infektiös". - Schmied: "Wenn jeder HIV-positive Mensch rechtzeitig eine Therapie bekäme, könnte man damit theoretisch ein ,Aussterben` der HIV-Infektionen erreichen."

Wie ist die Entwicklung weltweit?
Gut ein Fünftel weniger Menschen als noch 1997 haben sich 2010 mit dem Aids-Erreger HIV infiziert, heißt es im aktuellen Bericht des HIV-Aids-Programms der Vereinten Nationen (UNAIDS). Die Zahl neuer Infektionen bei Kindern sank weltweit auf 390.000 - im Jahr 2001 waren es noch 550.000.

Ist damit die Aids-Epidemie bezwungen?
Nein. Erstens fehlt es auch in afrikanischen Ländern, die jetzt einen Rückgang verzeichnen, an Mitteln für Therapie- und Präventionsmaßnahmen. Denn rund die Hälfte der Infizierten hat noch keinen Zugang zu Therapien. Zweitens gibt es trotz des globalen Rückgangs Weltregionen, die einen Zuwachs verzeichnen. So ist in Osteuropa und Zentralasien die Zahl der Infizierten von 2001 auf 2010 um das Zweieinhalbfache auf 1,5 Millionen angestiegen. 90 Prozent dieser Fälle entfielen auf Russland und die Ukraine. Ursache ist dort vor allem verseuchtes Drogenbesteck und ein Mangel an Betreuungsangeboten für drogenabhängige Jugendliche.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund