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28.02.2012

HIV-Patienten: Angst vor Ablehnung bleibt

Eine Infektion mit dem HI-Virus kann heute zwar gut behandelt werden. Trotzdem gibt es Belastungen für Körper und Seele.

Rund 500 HIV-Patienten behandelt der Wiener Allgemeinmediziner Horst Schalk. "Wenn ich mit neuen Patienten spreche, warum sie sich nicht geschützt haben, höre ich als Antwort oft: Das Risiko sei doch nicht hoch, es gebe eine Therapie und die Krankheit sei nicht mehr tödlich."

Die moderne HIV-Therapie ist tatsächliche sehr erfolgreich: Sie kann die Aids-Erkrankungen und Todesfälle um 90 Prozent senken. Dass eine HIV-Infektion trotzdem mit vielen Beeinträchtigungen im Alltag verbunden ist, zeigt jetzt die größte Umfrage unter HIV-Patienten (396 Männer, 76 Frauen) im deutschen Sprachraum. Sie wurde von der Österr. Gesellschaft niedergelassener Ärzte zur Betreuung HIV-Infizierter (ÖGNÄ-HIV) durchgeführt.

Fast zwei Drittel der Befragten stehen voll im Berufsleben. "Nahezu alle Patienten klagen über Nebenwirkungen - etwa Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Stimmungsschwankungen", sagt Schalk. - "Allerdings sind diese nicht zwangsläufig auf die Therapie zurückzuführen", betont Studienleiter und Sozialpädagoge Olaf Kapella. "Als größte Belastung für die Lebenszufriedenheit wird nach wie vor die Angst vor dem Bekanntwerden der Infektion und der Stigmatisierung empfunden." - "Aus Furcht, abgelehnt zu werden, wissen oft die engsten Familienangehörigen nichts von der Infektion", sagt Brigitte Schmied, Leiterin der Immunambulanz im Wiener Otto-Wagner-Spital. Bei mehr als der Hälfte der HIV-positiven Männer etwa wissen die Eltern nichts von der Infektion, die Kinder sind zu rund zwei Drittel nicht informiert. "Da kann man sich das Ausmaß der psychischen Belastung gut vorstellen, wenn man über Jahrzehnte so ein Geheimnis mit sich trägt."

Groß ist auch die Angst davor, einen anderen Menschen mit dem HI-Virus anzustecken. Kapella: "Diese Angst spiegelt sich in einem hohen Verantwortungsbewusstsein: 80 Prozent der Befragten geben an, immer oder meistens auf sicheren Sex zu achten - und dies, obwohl Patienten unter einer gut funktionierenden, laufend kontrollierten Therapie (mindestens sechs Monate lang kein Virusnachweis, Anm.) de facto nicht mehr infektiös für andere sind." Fazit: "Eine HIV-Infektion bleibt eine lebenslange Belastung."

Krankenpfleger Helmut, 56, erhielt 1996 die Diagnose HIV-positiv. "Sie wurde von der Pflegedienstleitung akzeptiert, ich hatte keine Probleme." Doch noch immer gebe es viele Fälle von Ausgrenzung: "Vor Kurzem wurde ein OP-Pfleger versetzt. Im Vieraugengespräch wurde ein Infektionsrisiko als Grund angeben. Aber bei Einhaltung der ohnehin üblichen Pflegestandards gibt es da kein Problem. Hier geht es nur um Mythen", sagt der Obmann der Selbsthilfegruppe "Positiver Dialog". - "Es fehlt an Aufklärung. Denn meist enden anfängliche Streitgespräch sehr versöhnlich. " Noch immer gebe es Ärzte, die HIV-Patienten mit der Begründung "Die Praxis ist voll" wegschicken: "Eine Röntgenassistentin hat bei einem HIV-Patienten plötzlich mehrere Handschuhe angezogen - auch das ist diskriminierend." Sein Fazit: "Es hat sich zwar einiges verbessert. Aber insgesamt hat die gesellschaftliche Entwicklung mit der medizinischen nicht Schritt halten können."

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