"Lady Macbeth" in München: Mörderisch gut

Lady Macbeth von Mzensk. Bayerische Staatsoper. …
Foto: /BAyerische Staatsoper/Wilfried Hösl Lady Macbeth von Mzensk. Bayerische Staatsoper.

Die Neuproduktion der Schostakowitsch-Oper wurde in München zum Triumph für Dirigent Petrenko.

Es ist von einer Opernproduktion zu berichten, bei der so gut wie alles passt, also alles auf höchstem Niveau stattfindet, sodass man vielleicht manches anders, aber nicht besser machen könnte.

Ereignet hat sich das Ereignishafte an der Bayrischen Staatsoper München. Und wieder einmal konnte man beim Schlussapplaus Folgendes beobachten: Nach intensivem Beifall für die Protagonistin und zustimmendem für die anderen Sängerinnen und Sänger betrat, geradezu schüchtern, der Generalmusikdirektor des Hauses und Dirigent des Abends die Bühne – und das Publikum jubelte zügellos, in allergrößter Euphorie. Kirill Petrenko hat wieder einmal Maßstäbe gesetzt.

Musik statt Chaos

Der designierte Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, der die Oper in München seit mittlerweile drei Jahren musikalisch prägt, leitete „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch. Jenes 1934 uraufgeführte Werk, das dem Komponisten zwei Jahre später, nachdem Stalin eine Aufführung besucht hatte, den Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda eingebracht hatte.

Stalin hatte die Denunziation vermutlich selbst geschrieben und Schostakowitsch damit solche Furcht eingeflößt, dass dieser fortan mit einem gepackten Koffer neben sich schlief – weil er nach „Säuberungen“ in seinem Freundeskreis damit rechnete, selbst bald abgeholt zu werden.

Erst die darauffolgende  fünfte  Symphonie brachte Schostakowitsch politisch Rehabilitation – dass er dort auch Regimekritik versteckt hatte, war den Offiziellen  nicht aufgefallen. Was Stalin einst so empörte, ist ein musiktheatralisches Meisterwerk rund um Katerina Ismailowa, die sich zunächst aus Langeweile einen Liebhaber nimmt und dann zur Mörderin wird.

Die Partitur, in München in der frühesten Fassung gespielt, kann nur schwärmerisch als grandios bezeichnet werden, noch dazu, wenn sie von Petrenko gestaltet wird. Dieser setzt mit seinem Dirigat auf größte Präzision, auf Klarheit, die Gestaltung ist höchst dramatisch, aber nie vordergründig. Petrenko versucht erfolgreich, jedes Detail freizulegen, jede musikalische Form, von Walzerklängen bis zu Fugen. Trotz aller Wucht wird es nie vordergründig, und immer wieder hört man die feinsten Lyrismen, das schönste Pianissimo.  Der komponierte heftige Orgasmus, von Blechbläsern aus vier Logen mitgetragen, wird im nächsten Moment zur zartesten Berührung – eine Meisterleistung des Dirigenten und seines farbenreich spielenden Klangkörpers.

Hervorragend besetzt

Lady Macbeth von Mzensk. Bayerische Staatsoper. … Foto: /BAyerische Staatsoper/Wilfried Hösl Anja Kampe ist die Protagonistin, und auch dank des Dirigats und der Personenführung von Regisseur Harry Kupfer fühlt man mit ihr, verteufelt sie nicht, sieht nicht nur ihre Taten, sondern auch den gesellschaftlichen Kontext. Sängerisch ist Kampe intensiv, zutiefst berührend, mit schöner, klarer Artikulation in dieser extrem anspruchsvollen Partie.

Anatoli Kotscherga als ihr bösartig-zynischer Schwiegervater Boris ist eine darstellerische Wucht und sängerisch nach wie vor sehr markant. Misha Didyk, Katerinas Liebhaber Boris, beeindruckt mit seinem kraftvollen, strahlenden Tenor. Auch sämtliche kleinere Partien sind gut besetzt, mächtig singt der Chor.

Die Inszenierung von Kupfer ist topprofessionell und auf die Erzählung der Geschichte fokussiert, auf  Interaktionen statt auf Interpretationen. Vielleicht ist die szenische Umsetzung etwas klassisch-gediegen geraten, wo man durchaus härtere Bilder zeigen könnte. Die  Bühne von Hans Schavernoch zeigt eine schäbige Fabrikshalle mit Katerinas Kammer im Zentrum. Hier wird schön zwischen Innensicht und Außenwelt unterschieden. Dem Vernehmen nach soll sich der Jubel des Premierenpublikums heute im Laufe des Tages langsam legen.

(KURIER) Erstellt am
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