Labyrinth durch die Vergangenheit

Haus der Geschichte NÖ…
Foto: /Niki Gail/ÖAW Der NS-Ideologie samt Rassenwahn und Genozid wird breiten Raum gewidmet: Ein „Modul“ im Haus der Geschichte in St. Pölten

Haus der Geschichte: Die neue Dauerausstellung im Museum Niederösterreich besticht auch ästhetisch.

Das Landesmuseum im Kulturbezirk St. Pölten ist zum Museum Niederösterreich geworden – und damit zu einem Twinni-artigen Zwitterwesen: Nach dem Foyer geht es, wie gewohnt, rechts ins Haus der Natur (Leitfarbe birnengrün). Und linker Hand gelangt man in das neue Haus der Geschichte (orange markiert), das am Samstag mit einem Festakt eröffnet wird.

In elf Kapiteln werden auf 2200 Quadratmetern die letzten zwei Jahrtausende abgehandelt. Aber es geht nicht nur um Niederösterreich, sondern auch ums große Ganze, um die Monarchie und deren Zerfall, die Etablierung der Republik, den Eisernen Vorhang und so weiter. Mithin: verdammt viel Stoff.

Das Team rund um Gründungsdirektor Stefan Karner – mit Ausstellungsgestalter Gerhard Abel (Planet Architects) und Armin Laussegger, Leiter der niederösterreichischen Sammlungen – entschloss sich daher, die Geschichte nicht chronologisch zu erzählen, sondern mehrfach, je nach Thema, neu anzufangen. Dieser Kniff hat den Vorteil, dass sich auch die trockene Materie "Besiedelung" spannend aufbereiten lässt. Zumal sie nahtlos ins Kapitel "Flucht und Wanderung" übergeht – und in der Gegenwart ankommt. Denn eine sehr berührende Installation besteht aus zwei Kinderwägen; der eine war mit beim Brünner Todesmarsch 1945, der andere bei der Flucht im Sommer 2015.

Prolog: Hakenkreuz

Doch bereits der Prolog, "Im Fluss der Zeit" getitelt, nimmt gefangen. Die Gestalter wählten zehn sprechende, verwirrende, einzigartige Objekte aus, die in der Vitrine hintereinander aus dem Dunkel ans Licht geholt werden. Da entdeckt man die goldene Taschenuhr des Spions Alfred Redl samt integriertem Würfelspiel, den Rest eines Mammutstoßzahns, das Holzmodell einer Banane für den Anschauungsunterricht, eine weiße Kappe, die sich Johannes Paul II. kurz bei seinem Besuch 1998 aufsetzte – und nun, als Reliquie, an Wert gewinnt. Man entdeckt auch einen Gegenstand aus der Hallstattzeit, der ein Feuerbock gewesen sein könnte. Einen zerfetzten Nassrasierer, der einen Soldaten im Ersten Weltkrieg vor dem Tod bewahrte. Und – gleich als erstes Objekt – ein Glückssymbol, das im 20. Jahrhundert missbraucht wurde: eine römische Hakenkreuzfibel.

Der fatalen NS-Ideologie wird breiten Raum gewidmet. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg durch das zeitgeistig wie ansprechend gestaltete Labyrinth. Welch hohe Qualität die Architektur hat, zeigt sich im Vergleich mit der vollgestopften, billig wirkenden Schwerpunktschau "Die umkämpfte Republik" (1918 bis 1938), die mit zu vielen Dollfuß-Devotionalien, darunter auch der Aktentasche, aufwartet.

Zwischen den "Modulen", die sich mit Fragen wie Macht, Glaube und Industrialisierung beschäftigen, liegen mehrere "Foren": Sie dienen der Vermittlung und warten mit liebevoll gestalteten Lern-Spielen auf. Die Schulkinder können sich z.B. auf Rätselrallyes begeben.

Wenn möglich, werden die Themen um Kunstwerke ergänzt. Hin und wieder driftet man jedoch ein wenig ab, etwa beim "Begegnungsort Küche": Auf einem Touch-screen, eingelassen in einen alten Email-Herd, kann man Speisen "kochen", darunter Kärntner Kasnudeln. Und darüber hängt ein Fallenbild von Daniel Spoerri.

Epilog: Wahlwerbung

Besonders geglückt ist der erste Stock, der mit den Auswirkungen der industriellen Revolution einsetzt. Von da an geht es ziemlich chronologisch weiter. Kapitel zehn, "Niederösterreich im Wandel", entpuppt sich als Sammelsurium ohne Logik. Die Palette der Objekte reicht von Franz Antels Schneidetisch über die "Originalkopie" des Staatsvertrages bis zur Kommandozentrale der Besetzer der Hainburger Au.

Als Epilog gibt es eine flimmernde Kommandozentrale: Hier kann man digital "Brücken bauen". Und die einzelnen Kapitel wurden um aktuelle Kommentare ergänzt. So liegen in einer der Vitrinen die Geschenke der Parteien. Dass die Kurz-Gimmicks auf der FPÖ-Werbung zu liegen gekommen sind: Das kann nur Zufall sein.

(kurier) Erstellt am
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