Kultur
10.03.2013

Kurz vor Schluss noch leben lernen

Biografie von Thomas Blubacher: Gründgens war der Vorzeige-Star der Nazis – der seine Kontakte nutzte, um jüdischen Freuden zu helfen.

Ein Hotelzimmer in Manila. Im Waschbecken ein leeres Tablettenröhrchen des Schlafmittels Nembutal. Ein Jahr zuvor war Marilyn Monroe daran gestorben.

Die letzten Augenblicke im Leben des vielleicht größten deutschen Schauspielers des 20. Jahrhunderts. Gustaf Gründgens stirbt am 20.Oktober 1963 mit 64 Jahren. Sein Tod ist unspektakulärer als sein Leben. Herzversagen nach einer Überdosis Schlafmittel. Ob absichtlich oder nicht, bleibt ungeklärt. Sein 40 Jahre jüngerer Geliebter Jürgen Schleiß ist in Tränen aufgelöst.

Gründgens’ letzte Zeilen: „Ich glaube ich habe zuviel Schlafmittel genommen, mir ist ein bißchen komisch. Laß mich ausschlafen.“ Keineswegs ungewöhnlich: Er pflegte Zettelchen mit derartigen Botschaften zu hinterlassen: „Bitte nicht wecken“/kein Telephon/Kein gar nichts/ und wenn es 5 Uhr wird/ob ich spiele, entscheide ich, wenn ich wach bin.“

Noch 50 Jahre nach seinem Tod polarisiert der Schauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens, der durch seine Rolle des „Mephisto“ weltberühmt wurde. Kontrovers diskutiert wird seine Rolle im Dritten Reich. Entscheidend zu diesem Bild beigetragen hat Klaus Manns 1936 veröffentlichter Roman „Mephisto“: Mann beschreibt darin seinen ehemaligen Freund und Schwager als chamäleonhaften, dennoch faszinierenden Schauspieler Hendrik Höfgen, der sich, blind vor Eitelkeit, von den Nazis instrumentalisieren lässt. Auch István Szabós’ Verfilmung des Romans mit Klaus-Maria Brandauer in der Hauptrolle trug zur durchwachsenen Wahrnehmung des Künstlers bei.

Der Basler Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher legt nun eine Gründgens-Biografie vor, die das Bild des skrupellosen Karrieristen, des „Virtuosen im Sich-Arrangieren mit dem NS-Regime“, durch jenes Bild des menschlich integeren und dabei persönlich gefährdeten Intendanten bereichert: Der Nazi-Star und Schützling Hermann Görings schuf mit seinem Theater einen Freiraum innerhalb des totalitären Staates und schützte bedrohte Kollegen. Auch dazu nutzte er die guten Beziehungen zu den Nazis: Er holte etwa den zum Tode verurteilten kommunistischen Schauspieler Ernst Busch aus dem Gefängnis.

Zeitzeugen

Für Annäherung an den „Mythos Gründgens“ sichtete Blubacher bisher nie ausgewertete Briefe aus Privatbesitz und sprach (teils schon vor Jahren) mit Zeitzeugen wie Gründgens’ zweiter Ehefrau Marianne Hoppe: „Er wollte Kunst um jeden Preis machen“, erinnert sie sich.

Ein hoher Preis: Er sei ein Glückskind gewesen, sagte Gründgens 1963 in seinem einzigen Fernsehinterview; und er habe „kräftig (...) zahlen müssen für dieses Glücklichsein“. Im selben Interview spricht der vom Theater Besessene vom Hunger aufs Leben: „Ich habe immer zu viel gearbeitet und vergessen zu leben. Jetzt will ich vor Toresschluss noch rasch lernen, wie man lebt.“

Fünf Monate später war Gustaf Gründgens tot.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Der Zerrissene

Gustav Gründgens wurde1899 in Düsseldorf geboren. Früh entdeckte Gründgens, der sich ab 1921 Gustaf nannte, seine Homosexualität. 1926 heiratete er Thomas Manns Tochter Erika. In zweiter Ehe war Gründgens mit der Schauspielerin Marianne Hoppe verheiratet. Er starb am 7. Oktober 1963.

Die Bühne

In den Zwanzigerjahren wurde der Monokelträger zum Star. Seine berühmteste Rolle war der Mephisto in Goethes Faust. Gründgens’ Rolle in der Nazizeit wird heute noch diskutiert.