Kultur
14.04.2017

Kunst, ungezuckert für immer haltbar

Ist „Art Brut“ nur noch eine Marke, ein historisches Phänomen – oder Ausdruck zeitloser Kreativität?

„Grüß Gott, lieber Gott.!“ schrieb August Walla auf eine seiner Zeichnungen. Seine Punktsetzung („.!“) wirkt heute wie eine Signatur: Die Schriftzüge und Figuren, mit denen der 2001 verstorbene Klosterneuburger auch sein Zimmer im „Haus der Künstler“ in Maria Gugging/NÖ füllte, sind stets sofort zu erkennen. Walla, einst Patient einer Nervenklinik, ist heute Star einer Kunstgattung, die man Art Brut nennt.

Das besagte Blatt hängt in der Ausstellung „Psycho Drawing“ im Linzer Lentos Museum: Anhand der Sammlung von Leo Navratil, dem Begründer des Gugginger Künstler-Zentrums, wird der Einfluss von Walla und anderen auf Österreichs Kunst der 1970er nachvollzogen.

Im Museum Gugging ist parallel die Sammlung jenes Mannes zu sehen, der den Begriff „Art Brut“ 1949 prägte: Jean Dubuffet, ein gelernter Weinhändler, definierte damit Kunst, die frei von Vorbildern entstand. Das Wort „Brut“ entnahm er der Welt des Champagners – die Kunst war „roh“, quasi „ungezuckert“.

Große Wirkung

Die Ausstellungen sind eine einmalige Gelegenheit, Ursprung und Wirkungsgeschichte der Art Brut an herausragenden Beispielen zu studieren. Doch es stellen sich auch viele Fragen: Waren die Sammelzüge, die Dubuffet einst durch Nervenheilanstalten unternahm, nicht auch Beutezüge auf Kosten von Menschen, die über ihre Hervorbringungen nicht frei verfügen konnten? Inwieweit ist das Prinzip, wonach Vertreter der Art Brut völlig unbeeinflusst Kunst schaffen, haltbar? Ist der Begriff für zeitgenössische Kunstproduktion brauchbar, oder sollte man ihn – wie etwa die Pop-Art – als historische Kunstströmung abheften?

„Ich habe den Eindruck, dass da etwas mit allerhand Geräten am Leben erhalten wird“, sagt Florian Reese dazu. Der einstige Gugging-Mitarbeiter eröffnete er 2012 das „Atelier 10“ in der Wiener Ankerbrot-Fabrik. Die von der Caritas finanzierte Einrichtung verwendet den Begriff Art Brut bewusst nicht: „Bei uns arbeiten Menschen mit Behinderungen, die manche in diesen Kreis ziehen würden. Andere waren schon in Berührung mit Akademien und können aufgrund einer Krankheit nicht mehr so arbeiten wie vorher – die verbitten sich diese Bezeichnung.“

Problematisch findet Reese, dass Künstlern eine Kategorie übergestülpt wird: „Sobald man sagt: ,Ich bin Art-Brut-Künstler‘, ist man keiner mehr, denn dann ist man zu reflektiert“, sagt er. „Man ist eben nicht mündig und kommt in diese scheinbar zeitlose Schublade.“

Für Johann Feilacher, der als Nachfolger Leo Navratils das „Art Brut Center Gugging“ zur internationalen Institution ausbaute, ist der Begriff dagegen weiter legitim. Denn es gebe eben großartige Kunst ,die „ohne intellektuellen Vorbau“ entstehe.

Den Einwand, dass viele Künstler nicht unbeeinflusst arbeiten, sondern z. B. Reproduktionen von Gemälden vorgelegt bekamen, relativiert Feilacher: „Auch wenn Oswald Tschirtner (1920– 2007, Anm.) so etwas abzeichnete, schuf er doch ein völlig eigenständiges Werk.“

Ohne Entwicklung?

Trotzdem bleibt die Grenzziehung zwischen reiner Kreativität und Kunst, die auf Vorgängern aufbaut, schwierig. Künstler Oswald Oberhuber kritisiert etwa in einem Video in der Linzer Schau, dass sich Art Brut formal kaum weiterentwickle und daher dem professionellen Kunstschaffen nicht ebenbürtig sei.

Florian Reese vom Atelier 10 findet auch den Umkehrschluss unsinnig: „Das wäre so, als wenn der akademische Künstler nur aus der Retorte produzieren würde und der wahre Künstler nur der ist, der in sich geschlossen arbeitet. Warum brauchen wir das? Lassen wir es einfach Kunst sein.“

Dass der von Dubuffet eingeführte Dualismus von „roher“ und „kultureller“ Kunst aufrecht erhalten wird und die Art Brut zugleich volle Integration in den etablierten Betrieb anstrebt, will Reese nach all den Jahren nicht in den Kopf. Im Anliegen, außergewöhnlichen Leistungen zu Anerkennung zu verhelfen, trifft er sich allerdings durchaus mit seinem früheren Chef Feilacher aus Gugging. „Eigentlich sollte man keinen Unterschied machen“, sagt dieser. „Aber viele Museumsgeher wollen lieber eine Geschichte als ein Bild. Deshalb brauchen sie ein Schild drunter.“

Info: Ausstellungen und Institionen

Psycho Drawing Bis zum 11. Juni zeigt das Lentos Museum Linz, das ab 1980 bedeutende Bestände von Leo Navratil erwarb, den regen Austausch österreichischer Maler mit Künstlern aus Gugging.

Jean Dubuffets Art Brut.! Bis 1. Juli zeigt das Museum Gugging 168 Werke aus der Sammlung, die Jean Dubuffet zwischen 1945 und 1949 begründet hatte. Am 26. 4. hält Johann Feilacher einen Vortrag über „Art Brut vor der Art Brut“.

Atelier 10: Die Einrichtung in der Ankerbrot-Fabrik eröffnet am 26. 4. (19 Uhr) eine Schau von Katharina Kleibel und Franza Maier. Di.–Fr., 10–16.30 Uhr.