Ästhetik gegen die Polizeigewalt: Markiyan Matsekh verblüffte die Einsatzkräfte in Kiew am 7. Dezember 2013 mit einer öffentlichen Chopin-Darbietung am Klavier

© Markiyan Matsekh

Künstlerhaus
04/14/2014

Kunst, die auf Barrikaden steigt

Eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus zeigt, wie die ukrainische Revolution auf die Kraft der Bilder baute.

von Michael Huber

Lange war Konstantin Akinsha von der zeitgenössischen Kunst enttäuscht. Der pfeifenrauchende Kunsthistoriker und Experte für Sowjet-Raubkunst fand, dass zu viel Kunst heute nur mehr als Luxusartikel dient.

Doch während der Proteste auf dem Maidan-Platz in Kiew im vergangenen Winter änderte Akinsha seine Meinung. "Performances und Posters waren das wichtigste Medium der Revolution", sagt er heute. Alisa Lozhkina, die mit Akinsha die bemerkenswerte Ausstellung "I Am A Drop In The Ocean – Art of the Ukrainian Revolution" im Wiener Künstlerhaus zusammenstellte, bezeichnet sogar die auf dem Platz errichteten Barrikaden als durchaus "ästhetisch".

Ukraine: Ästhetik der Revolution

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Die Maidan-Ästhetik

Ist Kunst also wieder erwacht, ist sie "im Ernstfall", wie es Künstlerhaus-Chef Peter Zawrel nennt, gar eine ästhetische Waffe? Die Schau, die im Rekordtempo von fünf Wochen realisiert wurde und bis 23. Mai zu sehen ist, lässt auch jenseits der Aktualität des Themas über Kunst als gesellschaftliche Kraft nachdenken.

Die wenigsten der Exponate, die Akinsha und Lozhkina in Wien zeigen, fallen allerdings unter jenen Kunstbegriff, der sich auf den tragenden Säulen von Galerien und Museen, Akademien und Diskurs-Journalen etabliert hat: Die Plakatmotive, die während der heißen Zeit der Euromaidan-Proteste omnipräsent waren, wurden primär via Internet-Download verbreitet und bedienten sich stark der Stilmittel der Street Art: Beispielhaft sind die auf Schablonen reduzierten Janukowitsch-Gesichter, die, mit Clownnasen oder Schmähsprüchen versehen, auf Schutzschildern der Straßenkämpfer prangten.

Auch Volkskunst ist – in modernen Abwandlungen – in der Maidan-Ästhetik stark vertreten: In einer improvisierten Galerie inmitten der Protestcamps stellte eine Künstlergruppe folkloristische Gemälde samt Slogans aus, die etwa die Doppelzüngigkeit Janukowitschs und seiner Clique geißelten.

Naiv und hintergründig

Ein naiv gemaltes Weihnachtspostkarten-Motiv, in dem der Ex-Präsident mit Santa-Claus-Zipfelmütze bei der Jagd auf Schweine zu sehen ist, wurde wiederum durch die digitale Verbreitung zum "Hit" unter Regimekritikern, wie Akinsha erläutert. Ohne Erklärung bleiben viele derartige Werke, die oft die Mittel von Wort-Bild-Rätseln und Karikaturen nutzen, für sprachunkundige Laien freilich unlesbar – Saaltexte helfen hier weiter.

Die "Kunst der ukrainischen Revolution", so viel lässt sich sagen, ist keine akademische, sondern eine äußerst spontane Kunst, gemacht von Menschen, die sich der unmittelbaren Wirkung starker Bilder bewusst sind. Das Spiel um die Aufmerksamkeit von Kuratoren und das Streben nach Besetzung der letzten verbliebenen Originalitäts-Nischen, das in der saturierten westlichen Kunstwelt zum Alltag gehört, bleibt hier aus: Wenn Frauen einer Reihe behelmter Polizisten Babykleider und Teddys entgegenschleudern, weil "es in einem solchen Land nichts bringt, Kinder zu bekommen", dann ist das Protest-Ästhetik pur.

Viele Künstler in der Schau arbeiten aber durchaus mit Rückgriffen auf Traditionen der Kunst: Vinni Reunov etwa, der die Szene einer Schlägerei im ukrainischen Parlament als monumentales Historiengemälde auf Leinwand bannte. Oder Nikita Shalennyi, der Polizisten und Demonstranten dazu brachte, gemeinsam für Fotos zu posieren.

"Where Is Your Brother" heißt ein Bild, für das Protagonisten das Rembrandt-Gemälde "Die Anatomie des Dr. Tulp" (1632) nachstellten. In einer für den Kunstbetrieb so untypischen Ausstellung bestätigt sich dabei plötzlich die Durchschlagskraft "etablierter" Kunst.

Mehr Infos zu "Where Is Your Brother" finden Sie in Michael Hubers neuem Blog "Kunstwerk der Woche".

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