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1919 - 2014
05/07/2014

Maria Lassnig: Kritisch und grandios bis zuletzt

Österreichs Grande Dame der Malerei ist am Dienstag 94-jährig verstorben.

von Michael Huber

Geschont hatte sie sich nie. "Ich misstraue dem, wenn’s leicht geht", erklärte Maria Lassnig, als sie der KURIER 2009 in ihrem Atelier im Kärntner Metnitztal besuchte. "Da macht man dann einen Stopp und fängt quasi von vorne an."

Mehr als 70 Jahre lang blieb die Künstlerin unzufrieden, lehnte sich kaum je zurück, sondern experimentierte, malte, zeichnete und drehte Trickfilme. Das Resultat ist ein Werk, das nicht nur in der österreichischen Kunstgeschichte seinesgleichen sucht: Maria Lassnig gehört international zu den wichtigsten Malerinnen ihrer Epoche. Am Dienstag nun ist die große Künstlerin 94-jährig in Wien verstorben.

Die internationale Kunstwelt hat Lassnig spät, aber doch rezipiert – 2013 erhielt die Künstlerin den Goldenen Löwen der Biennale Venedig, derzeit gastiert eine Werkschau im New Yorker P.S. 1, einer Außenstelle des Museum of Modern Art. Die Konsequenz und Methodik, mit der Lassnig an ihre Arbeit heranging, kann man dennoch nicht genug in Erinnerung rufen.

Befindlichkeiten

Mit ihren "Körperbewusstseinsbildern", die Lassnig ab 1948 schuf, erntete Lassnig erste Anerkennung – der Umstand, dass sie ihren Blick nach Innen richtete, verschleierte aber oft die strenge Methodik, mit der Lassnig Empfindungen katalogisierte, analysierte und ins Bild übersetzte. "Das ist ja ein blöder Ausspruch – ,aus dem Bauch heraus malen’", lästerte Lassnig 2009 im KURIER-Interview.

In der Schau, die vom Grazer Joanneum 2012/’13 ausgerichtet wurde und die derzeit in New York gastiert, sind auch Aufzeichnungen zu sehen, die Lassnig zu ihren Bildforschungen führte.

Oft waren es abstrakte Liniengebilde, oft übernahmen Tiere die Rolle von Empfindungen; ihren eigenen Körper, ihr eigenes Gesicht machte Lassnig in den Bildern formbar, verschmolz es mit Maschinen oder auch mit einer Käsereibe. Eine "Küchenbraut" – so der Titel des Bildes – war Lassnig nie.

Paris, New York

Auch wenn die Malerin eine intensive Beziehung zu ihrer Mutter pflegte und ihrer Heimat im Kärntner Metnitztal stets verbunden blieb, zog es sie doch in die Welt: 1951 und 1952 reiste sie mit Arnulf Rainer nach Paris, wo sie Bekanntschaft mit dem "Surrealistenpapst" André Breton und anderen Größen machte; 1968 übersiedelte sie nach New York und blieb dort, bis sie 1980 – als erste Professorin für Malerei im deutschsprachigen Raum – an die Wiener "Angewandte" berufen wurde.

In Wien lehrte Lassnig auch experimentellen Trickfilm, ein Genre, das auch für die Bildfindung ihrer Malerei von großer Bedeutung war. Humor blitzte dabei immer wieder hervor, auch wenn Lassnig es nie darauf anlegte: In der Bildwelt der Künstlerin hatte alles eine strenge – wenn auch nicht immer offensichtliche – Logik.

Obwohl Maria Lassnig das Malen großer Formate im Alter immer schwerer fiel, entstanden in den letzten Jahren ihres Lebens immer noch großartige Bilder, wie man in der Werkschau des Joanneums 2012/’13 sehen konnte.

Das Grazer Museum, das auch ein Lassnig-Werkverzeichnis erstellt, hatte bis zuletzt intensiven Kontakt mit der Künstlerin; 2013 hatte Direktor Peter Pakesch Lassnigs Goldenen Löwen in Venedig entgegengenommen. Am Dienstag bestätigte er die zunächst vom Standard gemeldete Todesnachricht.

Das Schaffen von Maria Lassnig

Die Malerin ging, die Würdigung beginnt erst

„Mit dem Tod von Maria Lassnig verlieren wir eine der größten Künstlerinnen, nicht nur in Österreich, sondern überhaupt“, schrieb Peter Pakesch, Direktor des Universalmuseums Joanneum.

Tatsächlich ist die Würdigung der Malerin, die am Dienstag im Alter von 94 Jahren starb, lange nicht abgeschlossen: Der künstlerische Kosmos, an dem Lassnig seit ihrer Jugendzeit mit außerordentlicher Konsequenz arbeitete, besitzt eine Vielschichtigkeit, die auch vielen Kennern noch zu wenig bewusst ist. Lassnig suchte zwar Metropolen des Kunstbetriebs auf – sie lebte 1961–’68 in Paris und 1968–’80 in New York – mit ihrem individuellen Werk blieb sie aber abseits der Trends ihrer Zeit.

Als „Vorkämpferin der feministischen Avantgarde“, als die Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder Lassnig bezeichnete, wurde die Künstlerin erst spät erkannt: Als sie 1980 mit Valie Export, einer anderen solchen „Vorkämpferin“, im Österreich-Pavillon der Biennale Venedig ausstellte, war diese Avantgarde anderswo schon weitergezogen. 2013, als Lassnig den Goldenen Löwen der Biennale erhielt, wurde sie im Kontext genialer Eigenbrötler gezeigt – eine nur teilweise zutreffende Kategorisierung.

Auch in der Wertschätzung des Kunstmarkts ist bei Lassnig noch Platz nach oben: Das Bild „Mit einem Tiger schlafen“, das 2007 im Wiener „Im Kinsky“ verkauft wurde, ist mit einem Preis von 280.262 Euro Lassnigs bis dato teuerstes Werk; international erzielte Christie’s 2011 164.769 € für das Lassnig-Bild „Competition I“ (1999).

Es ist möglich, dass Lassnigs Schau in New York (noch bis 25. 5.) das Interesse von Sammlern beflügeln wird. In Österreich würdigt derzeit das Essl Museum in der Schau „Made In Austria“ (bis 28. 4.) die Malerin. Die Albertina richtet 2015 eine Ausstellung zu Lassnigs Ehren aus, das Grazer Joanneum will ihre Werke dauerhaft im Kontext der Sammlung zeigen.

Von der "entarteten" Kunst zur Grande Dame der Malerei

Geboren wurde Maria Lassnig am 8. September 1919 im kärntnerischen Kappel am Krappfeld. 1941 wurde die angehende Künstlerin an der Wiener Akademie der bildenden Künste in die Meisterklasse Wilhelm Dachauer aufgenommen, die sie 1943 verlassen musste, weil ihre Bilder als "entartet" bezeichnet wurden. Ihr Studium schloss sie dann bei Ferdinand Andri und Herbert Boeckl ab. Die erste Einzelausstellung folgte 1948 in Klagenfurt, wo auch ihre ersten "Körperbewusstseins"-Arbeiten entstanden, mit denen sie später breite Anerkennung fand. 1951 übersiedelte sie nach Wien. Dort gehörte sie zum Kreis um Monsignore Otto Mauer. Bei mehreren Paris-Aufenthalten lernte sie u.a. den Dichter Paul Celan und den Surrealisten Andre Breton kennen, ließ sich von der "ecriture automatique" und dem Tachismus beeinflussen. 1968 übersiedelte sie nach New York, wo sie sich nicht nur mit Malerei, sondern auch mit Zeichentrickfilmen beschäftigte.

1980 kehrte sie nach Wien zurück, wo sie eine Professur für Malerei an der Hochschule für Angewandte Kunst übernahm. Im selben Jahr vertrat sie - zusammen mit VALIE EXPORT - ihre Heimat bei der Biennale in Venedig. 1982 und 1997 folgten Einladungen zur documenta nach Kassel. Als erste bildende Künstlerin erhielt Lassnig 1988 den Großen Österreichischen Staatspreis, zahlreiche weitere Auszeichnungen folgten.

Mit ihrem Animationsfilm "Kantate" (Video) nahm sie 1993 bei den Berliner Filmfestspielen für Österreich teil. In 14 Strophen erzählte Maria Lassnig darin einen Lebensrückblick, begonnen von der Geburt bis zur Gegenwart. Die Malerin, die ihre Zeichentrickfilme in den 70er Jahren in New York immer ganz alleine machte, hat hier zum ersten Mal im Teamwork gearbeitet und begegnete auch dem Alter mit Humor. In der Schlussstrophe sang sie: "Das Leben ist ja wirklich nicht zu Ende / ich fahre Ski, Motorrad auf und ab / und jeder Tag bringt eine neue Wende. / Es ist die Kunst, die bringt mich nicht ins Grab."

2013 wurde Lassnig mit dem Goldenen Löwen der Biennale Venedig für ihr Lebenswerk geehrt.

Bis zuletzt blieb die Grande Dame voll jugendlicher Neugier, auch wenn der Körper nicht mehr vollends mitspielte. Auf Ski- und Motorradtouren musste Lassnig aus Gesundheitsgründen schon länger verzichten - ebenso auf den geliebten Nikotinkonsum. Künstlerisch war sie in ihrer Wiener Atelierwohnung mit Blick auf die Gloriette ungebrochen neugierig und produktiv. "Man stirbt nicht. Man gibt sich nur auf", notierte sie bereits im Juni 1988 in ihr Tagebuch.

Politik und Kunstbetrieb würdigen Maria Lassnig

Vertreter aus Politik und Kunstbetrieb haben die verstorbene Malerin und Medienkünstlerin Maria Lassnig gewürdigt. Mit Lassnig verliere Österreich seine bedeutendste Malerin der letzten Jahrzehnte, sagte Bundespräsident Heinz Fischer. Sie war eine der wichtigsten und prägendsten Künstlerinnen, erklärte Minister Josef Ostermayer (SPÖ) in einer Aussendung. Auch der Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder sowie Vertreter von Grünen und NEOS zeigten sich betroffen.

"Ihre expressiven, gefühlsbetonten Bilder haben eine radikale weibliche Sicht auf den Körper und das eigene Selbst eröffnet, der die Anerkennung lange Zeit verwehrt blieb", so der Bundespräsident in einer Aussendung." Umso erfreulicher sei der späte auch internationale Erfolg der Künstlerin gewesen. "Die Bilder Maria Lassnigs nehmen schon heute in der österreichischen Kunstgeschichte einen zentralen Platz ein und werden auch in Zukunft für kommende Generationen als Meilenstein der Malerei gelten und als Inspiration dienen.""Tief betroffen nehmen wir

Abschied von dieser großen Malerin", so Ostermayer. Lassnig habe es wie keine andere Künstlerin verstanden "die Ge-und Zerbrechlichkeit des Menschen und der menschlichen Existenz darzustellen. Nicht die Ästhetik eines abstrakten Schönheitsideals stand im Mittelpunkt ihrer Kunst, sondern die Existenz in ihrer Wahrhaftigkeit", sagte der Kulturminister.

Albertina-Direktor Schröder, der sich ebenfalls "tief erschüttert" zeigte, bezeichnete Lassnig als "Bahnbrecherin der Body Awareness Art" und als eine "Vorkämpferin der feministischen Avantgarde". Ihr Tod hinterlasse "eine Lücke, die nicht geschlossen werden kann". Er habe - nach ihrer Schenkung von 60 Meisterwerken an die Albertina - erst vor wenigen Tagen mit Lassnig gesprochen, um die geplante Ausstellung in der Albertina anlässlich ihres 95. Geburtstags gemeinsam zu konzipieren, so Schröber. "Nun wird diese Ausstellung im Sommer 2015 eine Gedächtnisausstellung werden", erklärte er.

Auch die Kultursprecher von ÖVP, Grünen und NEOS würdigten das Werk der Verstorbenen. "Schade, dass Maria Lassnig nicht mehr unter uns ist", sagte ÖVP-Kultursprecherin Fekter und wies darauf hin, dass Maria Lassnig nicht nur in der Kunst und Malerei neue Akzente und Maßstäbe gesetzt habe: "Ihr kommt auch in der Frage der künstlerischen Emanzipation eine bedeutende Rolle zu", ergänzte Fekter: "Schon früh hat sie als Frau die Phalanx der Männer in der bildenden Kunst durchbrochen und wurde so für viele Frauen ein Vorbild".

Von einer "der ganz großen Künstlerinnen" sprach der Grüne Wolfgang Zinggl. Und NEOS-Kultursprecherin Beate Meinl-Reisinger bezeichnete Lassnig als "Aushängeschild", ihr Name sei eine "internationale Referenz" gewesen. Auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny zeigte seine Anteilnahme, Lassnig sei "eine der wichtigsten Vertreterinnen der europäischen Avantgarde" gewesen.

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