Künstlerin Brigitte Kowanz: Ein "Light Space" für die Giardini

Brigitte Kowanz
Foto: KURIER/Jeff Mangione Brigitte Kowanz in ihrem Atelier. Wien, 03.01.2017

Lichtkünstlerin Brigitte Kowanz über den Zubau für den Österreich-Pavillon und ihre Arbeit

Im Frühjahr 2016, wenige Wochen vor seiner Ablöse als Kulturminister, bestellte Josef Ostermayer (SPÖ) die Kuratorin Christa Steinle zur Kommissärin des Österreich-Beitrags für die Biennale Venedig 2017. Sie hatte vorgeschlagen, Erwin Wurm und Brigitte Kowanz zusammenzuspannen. Das sorgte jedoch für gröbere Spannungen. Denn Kowanz, Professorin für Transmediale Kunst an der Angewandten, wollte sich dem erfolgreichen Alphatier nicht völlig unterordnen. Aber nun gibt es eine erstaunliche Lösung.

KURIER: Vor 33 Jahren waren Sie zusammen mit Franz Graf zum ersten Mal bei der Biennale, auf der "Aperto". Kam das damals überraschend?

Brigitte Kowanz: Wir waren davor schon im Gespräch – für die von Harald Szeemann kuratierte "Aperto" 1980. Es gab dann aber ein Veto, weil wir zugleich auch bei der Triennale in Mailand vertreten waren. Die Nominierung 1984 war daher keine große Überraschung mehr. Und es war auch nicht der beste Zeitpunkt. Denn wir befanden uns in der Trennungsphase, Venedig war der letzte gemeinsame Auftritt.

Hatten Sie die Hoffnung, noch einmal eingeladen zu werden – um Österreich zu vertreten?

Den Wunsch hat jeder Künstler. Die Biennale ist eben ein wichtiges Ereignis – und ein schönes Ambiente, um eine Arbeit zu präsentieren.

Wie kam es nun dazu?

Josef Ostermayer forderte mehrere Kuratoren auf, Konzepte zu entwickeln. Christa Steinle, die ehemalige Direktorin der Neuen Galerie in Graz, hat Erwin Wurm und mich vorgeschlagen. Wir wurden allerdings erst nach der Entscheidung von Ostermayer informiert.

Waren Sie enttäuscht, weil Sie mit Erwin Wurm zusammengespannt wurden? Oder überwog die Freude?

Eindeutig die Freude! Ich habe kein Problem mit Erwin. Wir kennen uns seit den ’80er-Jahren, haben viele Ausstellungen gemeinsam gemacht, etwa die Biennale in São Paulo 1987. Er war viele Jahre mein Kollege an der Angewandten. Es ist natürlich leichter, wenn man den Pavillon für sich allein hat, aber es ist auch so in Ordnung.

Wurm hat gleich einmal den Anspruch auf den gesamten Pavillon erhoben.

Das musste ich zuerst einmal schlucken. Es gab dann ein Treffen mit Steinle, in dem entschieden wurde, einen Neubau zu machen. Unser Wunscharchitekt war Hermann Eisenköck, die Wahl hat sich als richtig erwiesen. Er hat eine große Nähe zur Kunst, und er ist nicht von der Idee besessen, sich selbst verwirklichen zu müssen. Er tut alles dazu, um den optimalen Raum für meine Arbeit zu schaffen. Und das mit einem sehr hohen Anspruch.

Dieser White Cube wird im Hof hinter dem Pavillon errichtet. Sie haben ihn als "Light Space" bezeichnet. Warum?

Einerseits, weil es in meiner Arbeit darum geht, mit Licht Räume zu erzeugen. Und andererseits im Sinn von "light" als "leicht". Im Gegensatz zum Pavillon, der ein historisches, schweres Gebäude ist und sich repräsentativ gibt, ist dieser White Cube gegenwärtig und leicht.

Zubau für den österreichischen Pavillon von Herman… Foto: /Thomas Trenkler Der Pavillon wirkt auf dem Modell fast wie der Portikus für den Light Space.

Der Pavillon ist zwar sehr mächtig, hat aber keine Tiefe. Er wurde eben für eine andere Kunst gebaut. Und er ist sehr schwer zu bespielen. Eine Maßnahme wie dieser Neubau hätte längst gesetzt werden müssen! Er könnte permanent stehen bleiben. Für den Fall, dass die Republik kein Interesse haben sollte, überlegt sich Eisenköck aber bereits jetzt andere Nachnutzungen.

Werden Sie kleine Objekte präsentieren – oder eine große Installation?

Ich möchte zwei große Installationen zeigen. Eine mit Kunstlicht im Innenraum, eine im Außenraum. Aber die Finanzierung der zweiten Arbeit ist noch nicht gesichert.

Sie schaffen mit Licht, Schriftzeichen und Spiegeln faszinierende Räume, in denen der Betrachter Teil des Kunstwerkes wird. Das hat man sehr schön 2010 in Ihrer Mumok-Ausstellung "Now I See" sehen können. Zumeist haben Ihre Arbeiten auch eine Botschaft. Gibt es schon eine für Venedig?

Ich nehme zu einem aktuellen Thema Stellung, das auch für die Zukunft enorm wichtig ist. Es geht also nicht um Tagespolitik oder Flüchtlingskrise, sondern um Daten, Informationen – und die Weitergabe von diesen.

Dass der Pavillon schwer zu bespielen ist, hat Erwin Wurm bereits erkannt: Er stellt eine acht Meter hohe Skulptur vor das Gebäude. Das dürfte ein ziemlicher Eyecatcher werden.

Der Pavillon liegt zwar sehr schön, aber er ist der letzte in den Giardini. Erwins Objekt wird dazu beitragen, dass der österreichische Beitrag wahrgenommen werden kann. Wäre ich allein ausgewählt worden, hätte auch ich im Außenraum eine große Geste gesetzt und ein Statement abgegeben. Erwins Entscheidung ist richtig. Und sie kommt auch meiner Arbeit zugute.

Sie segeln in seinem Windschatten?

So würde ich das nicht sehen wollen. Aber wenn Erwin Besucher anlockt, soll es mir recht sein.

Wieso hapert es noch bei der Finanzierung? Wurm kündigte an, die Kosten für seine Arbeit selber zu bezahlen.

Das stimmt nur zum Teil. Denn die Maßnahmen drum herum sind extrem aufwendig. Erwins extrem schwere Skulptur muss ja nach Venedig transportiert werden. Und man muss ein Fundament aus Eisen errichten. Zudem ist der Beitrag der Republik mit 400.000 Euro sehr gering. Es geht nicht nur um den Auftritt, es müssen auch die laufenden Kosten für den Pavillon samt Aufsichtspersonal und die Versicherung bezahlt werden – für immerhin ein halbes Jahr. Steinle hat bereits mehr als 200.000 Euro zusätzlich lukriert, aber es fehlt noch eine ähnlich hohe Summe.

Auch in Graz wird es demnächst eine Installation von Ihnen geben?

Ja, nach einer Einladung der Leiterin des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark, Elisabeth Fiedler, im Durchgang zum "Museum im Palais". Sie wird noch vor der Biennale eröffnet. Und kurz danach folgt die Präsentation einer großen Skulptur für eine Fabrikhalle der Glanzstoff in St. Pölten.

Gibt es Projekte für Wien?

Auf dem Dach des Leopold Museums wird eine Lichtinstallation errichtet. Sie steht in Verbindung mit dem Aufbau von Ortner und Ortner, der gläsernen "Libelle". Das Projekt wurde jetzt wieder um ein Jahr verschoben. Aber kürzlich fiel die Entscheidung, dass ins Foyer eines Postgebäudes, das im dritten Bezirk entsteht, eine Installation kommt. Abgesehen davon habe ich einige internationale Projekte in Planung. Ich habe derzeit wirklich viel zu tun.

Ausstellung in Salzburg

Immer wieder kreist das Werk von Brigitte Kowanz um die Frage, wie sich Licht zum Bedeutungsträger wandelt. Dass Licht erst sichtbar wird, wenn es auf Materie trifft, ist ein Prinzip, dessen Facetten die Künstlerin seit Jahren erforscht.

Die Arbeiten, die bis 14. Jänner in der Salzburger Galerie Nikolaus Ruzicska ausgestellt sind, bieten einen guten Einstieg in Kowanz’ Werk: Dieses kennt zwar einige konstante, wiedererkennbare Merkmale, wird im Detail aber stets variiert.

So nutzt Kowanz in den Objekten, die für die Salzburger Schau entstanden, verstärkt Glaskuben in unterschiedlichen Farben und experimentiert mit der gefärbten Leuchtstoffröhren und LEDs.

Zusätzlich arbeiten Kowanz’ Skulpturen noch mit halbverspiegelten Wänden und Endloseffekten, die die Entfaltung des Lichts gleichermaßen ermöglichen und zur Schau stellen.

Schauen und Sehen

"Show and Seek" (etwa: "Zeige und Suche") lautet der Schriftzug in einer Lichtskulptur, die Kowanz’ Prinzipien auch noch in Worte fasst: Es geht nie nur um die Zurschaustellung des Effekts allein – auch der Prozess seines Zustandekommens will reflektiert werden. Was in der Ausstellung besonders auffällt, ist, dass Kowanz ihre Betrachter anspricht und zu Mitwirkenden macht: Schriftzüge wie "Switch Over" fordern auf, einen Kubus zu umschreiten, "Look and See" wirft den Prozess des Erkenntnis auf einen selbst zurück. Nicht jeder, der einmal geschaut hat, hat auch etwas gesehen.

(von Michael Huber)

(kurier) Erstellt am
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