Kultur
10.03.2012

Kritik: "Gespenster" im Akademietheater

Am Akademietheater zeigt Regisseur David Bösch seine Interpretation von Ibsens „Gespenster“. Der Zorn lässt sich Zeit, bis er aufflammt

Das Feuerwerk, das David Bösch in der letzten halben Stunde der „ Gespenster“ abbrennt, man möchte ihm den ganzen Abend zuschauen. Da läuft ein Diavortrag ohne Bilder, weil’s in der Familie keine glückliche Fotoerinnerung gibt; da fährt der infantile Irrsinn in Form von Sohn Osvald Dreirad; da wird die Büste von Vater Alving mit dem Vorschlaghammer gekillt. Zorn und Zerstörungswut lassen sich Zeit für ihren Auftritt...

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Staub und Spinnweben

In den eineinviertel Stunden davor hat Bösch lediglich ein paar Kerzerln angezündet, um seine Szenerie zu beleuchten. Dass Dienstmädchen Regine zu Beginn das Spukhaus von Staub und Spinnweben zu säubern versucht, ist fast schon Synonym. Bösch verlässt sich auf die Kraft seiner Darsteller. Die ist gewaltig. Überraschungslos.

Steh- und Debattiertheater unter Kammerherrn Alvings übermächtigem Geistergesicht. Da tut jeder, was er ausgezeichnet kann und wofür das Publikum ihn liebt. Kirsten Dene ist eine grandiose Frau Alving, oszillierend zwischen Ironie, Sarkasmus und Zynismus, wenn sie die Geschichte ihres verlorenen Lebens darlegt. Martin Schwab trieft als Pastor Manders vor (Selbst)-Gerechtigkeit. Ein bigotter, feiger, rechthaberischer Schwätzer. Aus Osvald Alving macht Markus Meyer ein alkoholkrankes Nerverl, das nie daran zweifeln lässt, dass der ererbte syphilitische Wahnsinn des verstorbenen Vaters bei ihm ausbrechen wird. Engstrand“ Johannes Krisch ist als Tischler ein bocksbeiniger, langzottiger Teufel, der Gottesmann Manders vor sich her treibt.

Zustand und Notstand

So weit, so wunderbar, so wenig neu. All diese verborgenen Geheimnisse, Gefühlsnotstände und Obsessionen, die sich bisweilen parodistisch-humoristisch bespielen lassen. Weil die Rationalität an den Rändern ja schon ausfranst. Bösch stellt diesen Wiedergängern des Familiendramas die Figur Regine nicht zur Seite, sondern gegenüber. Sie ist der Mittelpunkt seiner Geschichte. Sie sorgt für Sex and Crime. Und Liliane Amuat als ihre Darstellerin kann die Männer kirre machen. Muss sich vom vermeintlichen Vater Engstrand brutal küssen und niederringen lassen; umgarnt und beschläft Osvald, in der Hoffnung Herrin des Hauses zu werden. Selbst der Pastor hält sich rasch die Aktenmappe vor den Unterleib, geht sie vorbei...

Was soll, was kann man über diese Bösch’sche Arbeit sagen? Im Vergleich zu „Stallerhof“ oder „Romeo und Julia“ ist sie stiller, (braver, „erwachsener?“). Ideenkarger.

Sagen wir so: Bösch spielt diesmal Cat Stevens’ „Father and Son“ statt Heavy Metal. Er setzt auf leise, kleinere Gesten. Eine der schönsten: Nach gelungenem Koitus wirft Regine ihr Servierschürzchen zu Boden. Worauf Osvald es aufhebt und ihr wortlos in die Hand drückt.

KURIER-Wertung: **** von *****