Kultur
04.04.2017

Kritik: Die Toten Hosen lassen Privatwohnung dampfen

So war das Geheimkonzert für rund 70 Fans in Wien.

„Wir woll’n die Hosen sehn, wir woll’n die Hosen sehn, wir woll’n, wir woll’n die Hosen sehn!“

Ein Chor von Fans Der Toten Hosen fordert den Auftrittsbeginn. Aber es ist nicht der Abend eines Festivals, es sind nicht 80.000, die sich auf die unwiderstehliche Energie der berühmtesten deutschen Rockband freuen. Es sind rund 70 Fans, die sich in zwei Zimmern einer WG im 9. Wiener Bezirk zusammendrängen.

Es ist die „Magical Mystery Tour“, auf die sich Sänger Campino und seine Freunde seit vielen Jahren zu Beginn einer Album-Kampagne immer wieder mal begeben. Jetzt steht Anfang Mai die Veröffentlichung des neuen Albums „Laune der Natur“ an. Und bevor es dafür auf große Festival-Tournee geht (in Wien sind die Hosen am 5. Juni bei „Rock In Vienna“ zu sehen), wollen sie die Fans in ihren Wohnzimmern besuchen.

Charmante Bewerbung

Diesmal ist es die Bibliothek und das angrenzende Zimmer in der Studentenbude von Julian I. und seinen Freunden. Aus 10.000 Bewerbern war die Wiener Clique laut Campino wegen ihres charmanten Bewerbungsvideos „sofort gesetzt“.

„Als die Hosen beim ,Voices For Refugees’-Konzert am Heldenplatz gespielt haben, waren wir dort“, erzählt Julian vor dem Konzert. „Dort haben wir ein paar Amateuraufnahmen gemacht. Die haben wir in das Bewerbungsvideo reingeschnitten und die Story daraus gemacht, dass wir die von dort Übriggebliebenen sind, dann hierher gehen und Party machen.“ Seit Anfang März wusste der 24-Jährige, dass er einer der Gewinner eines Hosen-Privat-Konzertes ist. Seit 14 Tagen gab’s deshalb statt Vorlesungen für alle WG-Bewohner Konzert-Vorbereitungen. Es galt, alle Zimmer aus- und umzuräumen, Bier und Essen einzulagern und im Baumarkt Dämmmaterial zu besorgen, um Fenster und Türen möglichst schalldicht zu machen.

Letzteres erweist sich jetzt als überflüssig. Kaum eine halbe Stunde sind die Hosen auf der „Bühne“, dem Parkett vorm Bücherschrank, rocken mit einem Programm, das von Anfang an nur auf Live-Favoriten wie „Bonnie und Clyde“ und „Altes Fieber“ setzt. Und schon ist es so heiß, so verschwitzt, dass die Wohnung dampft und die Fenster zur Straße aufgemacht werden müssen. Campino steigt auf das äußere Fensterbrett, singt für die Passanten draußen, die nicht glauben können, was sie sehen. Wieder drinnen, lässt er sich von Julian Bommerlunder aus der Küche bringen, trinkt einen Schluck und schickt die Flasche wie einen Joint zum „trinken und weitergeben“ in die Runde, während er den Hit „Eisgekühlter Bommerlunder“ anstimmt.

Die Polizei geht wieder

„Pushed Again“, „Steh auf wenn du am Boden bist“ . . . mit jedem unwiderstehlich lustvoll abgelieferten Hosen-Hit steigt die Stimmung. Im Zimmer hinter der Bibliothek wird gehüpft, dass der Boden bebt, unten auf der Straße haben sich Menschentrauben gebildet. Und im Vorraum ist Sauna-Atmosphäre – so, dass das Wasser an den Wänden runter rinnt. Zwei Polizistinnen tauchen auf, wollen mit Julian sprechen. Aber sie gehen wieder. Es heißt, eine sei selbst Hosen-Fan. Jedenfalls wird nicht auch nicht auf Abbruch bestanden.

Die Fete geht weiter, Campino hängt sich immer wieder beim Fenster raus, lässt Bier zu den Fans auf der Straße schicken. Und im Finale stimmt er dann auch noch den größten Hosen-Hit „Tage wie diese“ an. Zwar, sagt er, habe er das Lied zwischendurch nicht mehr gemocht. Aber zu Tagen wie heute passe es perfekt.

Erst nach mehr als zwei Stunden ist Schluss. Und weil’s so schön war, gibt es nach dem traditionellen Schlusslied „You’ll Never Walk Alone“ auch noch eine Coverversion von „Azzurro“.

Julian ist geschafft, aber glücklich. Denn er hat noch den aufregenden Rest der Party seines Lebens vor sich. Die Hosen übernachten heute hier - auf Matratzenlagern in den hinteren Zimmern. Sie werden Nudelsalat essen, Bier und Schnaps trinken und mit den WG-Bewohnern bis in die Morgenstunden quatschen. Denn bei der „Magical Mystery Tour“ geht es ihnen nicht um eine Promo-Aktion, sondern darum, wie früher in den Punk-Tagen den Kontakt mit den Anhängern zu halten, zu wissen, was sie bewegt und wie sie leben. Nicht obwohl, sondern gerade weil diese Musiker inzwischen Megastars geworden sind.