Kultur
05.12.2011

Kotzen auf den Kokoschka-Bildband

Filmstarts: "Der Gott des Gemetzels" zeigt brillantes Schauspiel + "Breaking Dawn" ist der am besten inszenierte Teil der Twilight-Serie + "Arrietty" ist zarter Animationsfilm

Yasmina Rezas Boulevard-Theaterstück ist so gut wie die, die es spielen. Bei Roman Polanski ziemlich gut. Nicht nur wegen Christoph Waltz.

Das Problem an diesem Film war schon das Problem des Theaterstücks, auf dem es basiert: Es passiert einfach nichts . Aber man muss zugeben: Wie hier nichts passiert, ist ziemlich lustig. Das (häufig aufgeführte), boulevardeske Kammerspiel von Yasmina Reza ist in seiner Verfilmung genauso gut, wie die, die es spielen. Bei Roman Polanski also ziemlich gut.

Er lässt uns vier tollen Schauspielern beim lustvollen Overacting zusehen. Christoph Waltz (so brillant wie seit "Inglourious Basterds" nie mehr) und Kate Winslet sitzen als Yuppie-Ehepaar theatralisch auf ihren Stühlen den alternativer denkenden Eltern Jodie Foster und C. Reilly gegenüber.

Alles fängt sehr zivilisiert an. Die zwei Elternpaare treffen einander in einer Brooklyner Wohnung, um einen Konflikt zu besprechen. Ein Sohn hat dem anderen Sohn mit einem Stock zwei Zähne ausgeschlagen. Man will den Fall - wie sagt man? - gütlich beilegen. Doch der Versuch zivilisierter Konfliktbewältigung verläuft relativ ungütlich und ungemütlich.

Bald wird geheult und gebrüllt und gesoffen, zwischen den vier Personen bilden sich ständig neue Allianzen und Frontverläufe. Anfangs unterdrückte Aggressionen werden lauter. Ein ständig läutendes Handy landet in einer Vase und als dramaturgischer Höhepunkt kotzt Kate Winslet auf den Kokoschka-Bildband ihrer Gastgeberin. Das Set-up ergibt immer wieder komische Momente - und besonders Österreichs Oscarpreisträger Christoph Waltz in seiner Rolle als süffisanter Anwalt im Dauertelefonat produziert Lacher.

Doch je länger man dieser dramatisierten Paartherapiestunde zusieht, desto billiger erscheint die allgemeine Rhetorik - das kann man vor allem an der Figur von Jodie Foster beobachten. Sie ist diejenige, die das Treffen der Eltern forciert, die an Werte und die Notwendigkeit glaubt, bei Gewalt unter Kindern einschreiten zu müssen (Während die anderen an den alten "Gott des Gemetzels" glauben, der selbst Hand anlegt). Und ja, sie interessiert sich sogar für die Hungersnöte in Afrika. Ein klassischer "Gutmensch" und "politisch korrekt" - und natürlich auch die belächeltste und am wenigsten coole Figur im Stück. An dessen Ende hat man eine kurzweilige wie zeitgeistige Diskussionsrunde zur Frage "Wo kommt Gewalt her?" gesehen, in der Abgründe allerdings nur angedeutet werden. Denn wirklichen Schaden nimmt hier am Ende nur: ein Handy.

Veronika Franz


KURIER-Wertung: ****
von *****

INFO: KOMÖDIE, USA 2011. 79 Min. Von Roman Polanski. Mit Christoph Waltz, Jodie Foster, Kate Winslet, C. Reilly.

"Breaking Dawn - Biss zum Ende der Nacht" - Dreiecksgeschichte als Dreigroschenroman

In den USA nennt man es "guilty pleasure". Man weiß um die Dreigroschenhaftigkeit eines Films; man weiß um Oberflächlichkeit und weltanschauliche Bedenklichkeiten. Man liebt den Film trotzdem. Und nicht nur, weil man - wie in diesem Fall - endlich wieder glücklich zur 14-Jährigen regredieren darf. Auch, weil so eine großartige Schauspielerin am Werk ist (Kristen Stewart) - und so ein großartig liebeslüsterner Regisseur (zum ersten Mal: Bill Condon, Oscarpreisträger von "Gods and Monsters").

Die Kunst seiner Inszenierung trägt auch darüber hinweg, dass dieser erste Teil des Finales inhaltlich auf Leerlauf geschaltet zu sein scheint. Zartes Liebesglück und Hochzeit wird zu Anfang so ausführlich strapaziert und zelebriert, dass man selbst froh ist, nie geheiratet zu haben.

Es folgt der erste Sex (den will man selbst schon gehabt haben) und ja: die Entjungferung, die nicht nur zu blauen Flecken bei der Braut, sondern auch zu heftigen moralischen Diskussionen in den USA geführt hat. Dass Bella in der Folge nicht einmal erwägt, ihre Schwangerschaft mit dem ihr Leben bedrohenden Zwitter aus Mensch und Vampir zu beenden, macht den Film (aber noch mehr das Buch der Mormonin Stephanie Meyer) endgültig weltanschaulich dubios.

Und dennoch: "Breaking Dawn" ist der am besten inszenierte und auch gruseligste Teil der Twilight-Serie seit dem allerersten. Und die tragische Dreiecksgeschichte, bei der niemand wirklich glücklich wird, ist wirklich groß. - V. F.


KURIER-Wertung: ****
von *****

INFO: FANTASY , USA 2011. Von Bill Condon. Mit Kristen Stewart, Robert Pattinson.

"Arrietty" - Die Magie eines Regentropfens

Ein Film, den einfach jedes Kind (oder noch besser: überhaupt jeder) gesehen haben sollte. Das japanische Animationsgenie Hayao Miyazaki ließ sein Drehbuch von einem seiner Studenten in den Ghibli-Studios verfilmen. So jung Yonebayashi Hiroma auch sein mag, so wunderbar altmodisch wird hier erzählt und gezeichnet: die Welt der winzigen Borgers, die unter dem Fußboden leben und bei den großen Menschen Dinge wie Zuckerwürfel oder Stecknadeln borgen. Die Freundschaft-Geschichte eines herzkranken zwölfjährigen Buben und Arrietty ist eine Ode an Sehnsüchte der Kindheit und ein zarter Film über die Magie eines Regentropfens. - V. F.


KURIER-Wertung: *****
von *****

INFO: ANIMATION, Japan 2010. 94 min. Von Yonebayashi Hiroma.

"Die Frau, die singt - Incendies" - Die Mutter, eine Unbekannte

Der letzte Wille der Mutter von Jeanne und Simon klingt bizarr: Der Notar händigt ihnen Briefe der Mutter an ihren Vater und Bruder aus. Von der Existenz eines Bruders wussten sie nichts. Den Vater hielten die Zwillinge für tot.

Der Kanadier Denis Villeneuve inszeniert eine packende, aufwühlende Reise in die Vergangenheit einer Frau, die von ihren Kindern zeitlebens als kalt und verschlossen wahrgenommen wurde. Einer Frau mit Vergangenheit: Von der Gemeinschaft eines Moslemdorfes irgendwo im Nahen Osten als ledige Mutter verstoßen, Widerstandskämpferin gegen das Nationalisten-Regime, Folteropfer, Gefangene, schließlich Emigrantin. Die Mutter, die die Zwillinge nach deren Tod kennenlernen, ist eine Unbekannte.

Eine Parabel auf Erkenntnis, Glaube und Liebe, so dicht, dass man ganz auf die Überlänge vergisst. Unwillkürlich fragt man sich, ob man die Menschen, die einem nahe sind, denn auch wirklich kennt. - S. Lintl


KURIER-Wertung: ****
von *****

INFO: DRAMA, CAN 2010. 133 Min. Von Denis Villeneuve. Mit Lubna Azabal.

KINO IN KÜRZE

"American Passages"
Dokumentaristin Ruth Beckermann unternimmt eine poetische Reise in Obamas Amerika - und findet glühende Patrioten, fundamentale Christen, schwule Paare mit Kindern. Schöner Roadmovie durch ein Land mit Möglichkeitssinn . -as

KURIER-Wertung: ****
* von *****

"Als der Weihnachtsmann vom Himmel"
fiel Dieses Weihnachtsmärchen ist zweifellos weniger charmant als andere Cornelia Funke-Verfilmungen. Aber Alexander Scheer holt zumindest als lässigster Weihnachtsmann aller Zeiten die Kohlen aus dem Feuer. - V.F.

KURIER-Wertung: ***
von *****

"Mein Haus stand in Sukulele"
Dokumentarfilmerin Astrid Heubrandtner zeigt anhand des Istanbuler Stadtviertels Sulukule, älteste Romasiedlung der Welt, wie Menschen durch fragwürdige Umstrukturierung aus ihrem Lebensraum verdrängt werden. - V.F.

KURIER-Wertung: ***
* von *****

"Der Prozess"
Mit dem Wiener Filmpreis bedachte Doku, in der Regisseur Igor Hauzenberger den Kampf einer Gruppe Tierschützer gegen die Justizmühlen Österreichs begleitet. Ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte rund um eine Anklage nach dem Mafia-Paragrafen. - V.F.

KURIER-Wertung: ****
von *****

"Mein Freund Knerten"
"So wie die Geschichte erzählt wird, ist klar, dass in diesem Film alles ein wenig überzeichnet und unrealistisch ist". Auszug aus dem Urteil einer Kinderjury beim Kinderfilmfestival. Der Film wurde der Presse nicht vorgeführt.

KURIER-Wertung: 0
von *****