Komiker Loriot ist tot

Vicco von Bülow mit einem seiner bekannten Knollennasenmännchen. Als "Loriot" kannten ihn ganze Fernsehgenerationen.
Foto: AP

Mit Vicco von Bülow ist eine deutsche Humor-Institution im Alter von 87 Jahren gestorben. Bekannt wurde er durch seine TV-Sketches, Kinofilme und Zeichnungen.

Er war der Grandseigneur der gehobenen Fernsehunterhaltung, prägend für eine endlose Reihe stets passgenauer Bonmots und Pate einer ganzen Generation von Freunden des trockenen Humors: Vicco von Bülow alias Loriot ist in der Nacht auf heute, Dienstag, im Alter von 87 Jahren am Starnberger See gestorben. Der stets vornehme Herr mit adliger Abstammung und der Mission, den Deutschen ihren eigenen Humor nachzuweisen, schuf in fast 60 Schaffensjahre nichts weniger als Kult.

Der am 12. November 1923 in Brandenburg an der Havel geborene Vicco von Bülow war von Haus aus ein pedantischer Bildungsbürger und Spross einer Offiziersfamilie, der sich über seine eigene Gesellschaftsschicht lustig machen konnte - auch nicht gerade eine typisch deutsche Eigenschaft. Dabei hatte der "emeritierte preußische Spaßadler" allerdings auch gerne alles unter Kontrolle. Loriot hat legendäre Männer-Frauen-Dialoge geschrieben und den vielleicht bekanntesten Rentner und Lottomillionär der Fernsehgeschichte geschaffen - Erwin Lindemann (alias Heinz Meier), der seit 66 Jahren Rentner ist und mit seiner Tochter und dem Papst in Wuppertal eine Herrenboutique eröffnen will. Auch der Streit um das hartgekochte Frühstücksei mit dem Schlusssatz "Morgen bringe ich sie um!" ist TV-Kult geworden. Von "Wum und Wendelin" und Weihnachten bei Hoppenstedts ganz zu schweigen.

Badewannen-Duell

In die Fernsehgeschichte ist längst auch das sagenhafte Badewannen-Duell um eine Gummiente mit den beiden knollennasigen Akademikern Dr. Kloebner und Müller-Lüdenscheid eingegangen. Und Sprüche aus Loriot-Sketchen wie "Hildegard, warum sagen Sie denn nichts?" oder "Wo laufen sie denn?", "Früher war mehr Lametta" und das knappe und doch alles umfassende "Ach was!?" sind längst zu geflügelten Worten in der deutschen Umgangssprache geworden. Aber auch für Kleinsparer hatte Loriot immer und vielleicht wieder ganz aktuelle Finanztipps parat: "Ein 97-jähriger Angestellter kann mit 53 Kindern eine Steuerersparnis von 386.000 DM jährlich erzielen."

Angefangen hatte von Bülow seine Karriere nach Notabitur und Kriegsdienst als Gebrauchsgrafiker, bevor er ab 1950 in Zeitschriften Karikaturen veröffentlichte. Dabei nutzte er das Pseudonym Loriot - die französische Bezeichnung für das Wappentier der Bülows, den Pirol. Inzwischen haben seine Cartoons nicht nur museale Weihen erhalten, sondern auch eine millionenfache Auflage erreicht.

Vielseitig

Erfolg hatte Loriot auch mit Operninszenierungen und den Filmen "Ödipussi" und "Pappa ante portas". Seine Kurzfassung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" an einem Abend begeistert die Zuschauer immer wieder. Produktiv wie kaum ein anderer zeigte Loriot sein Können als Zeichner, Texter, Schauspieler, Autor, Bühnenbildner, Dirigent, Fernseh-, Kino- und Opernregisseur. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählen die Goldene Kamera, der Karl-Valentin-Orden und der Bayerische Filmpreis.

Ein nicht geringes Maß seiner Figuren steckte auch in ihm selber. "Ich zeige ja allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben", meint Loriot einmal . Distanz und eine gute Beobachtungsgabe seien dafür unerlässlich. "Darüber hinaus muss man wach bleiben, nichts als selbstverständlich hinnehmen und sich über alles wundern." Auch seine Ehefrau, mit der er seit 1951 verheiratet war und zwei Töchter hatte, habe ihm zu vielen Anregungen verholfen. Wichtiges Rezept: "Es wird in keinem meiner Filme irgendwo gelacht, nirgendwo", wie Loriot einmal in einem Gespräch mit der Wochenzeitung "Die Zeit" betonte. "Lachen sollen die Zuschauer."

Reaktionen: "Universal- und Jahrhundertgenie"

Politiker und Weggefährten zeigten sich ergriffen und würdigten Loriot als scharf- und feinsinnigen Komiker. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete Vicco von Bülow als feinsinnigen Beobachter des Alltäglichen und als hintergründigen Humoristen. "Ich trauere um den großen Künstler und wunderbaren Menschen Vicco von Bülow, den wir als Loriot geliebt haben", sagte Merkel am Dienstag nach Angaben eines Sprechers in Berlin.

"Loriots einmalige Fähigkeit, uns liebevoll den Spiegel vorzuhalten, wird uns fehlen." Sein Werk werde Jung und Alt noch sehr lange zum Lachen bringen - "und zu mancher Erkenntnis über das Wesen der Deutschen". Generationen von Menschen habe er mit seinen Sketchen, Zeichnungen, Texten und Filmen begeistert. "Mein ganzes Mitgefühl gilt in diesen Stunden Vicco von Bülows Familie."

Loriot habe den Deutschen das Lachen beigebracht, sagte Bundespräsident Christian Wulff. "Mit Vicco von Bülow verliert unser Land einen seiner bedeutendsten Humoristen und lebensklugen Beobachter menschlicher Schwächen. Wir haben durch Loriot lachen gelernt über die komplizierten und die allereinfachsten Schwierigkeiten des Lebens." Der Schauspieler Heinz Meier - in Loriots Sketchen als überforderter Lotto-Millionär Erwin Lindemann bekanntgeworden - nannte Loriot ein "Universal- und Jahrhundertgenie". Filmemacher Michael "Bully" Herbig äußerte sich zum Tod des Humoristen: "Loriot war der Fred Astaire unter den Humoristen. Sein Humor bleibt unsterblich."

Der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer würdigte Loriot im Gespräch mit der APA als "eine große Zeichnerfigur". "Er hat mich schon als Kind beeinflusst", erklärte der oberösterreichische Zeichner, der Vicco von Bülow später als "echten Sir" kennengelernt hat. "Ich hab' ihn wirklich sehr geschätzt." Als "eine der herausragendsten Persönlichkeiten der deutschen Satireszene nach 1945" würdigte die Direktorin des Kremser Karikaturmuseums, Jutta Pichler, den Verstorbenen gegenüber der APA. "Was sein Werk auszeichnet, ist vor allem seine Vielseitigkeit, seine Intelligenz und seine Eigenwilligkeit."

Top 10 der Twitter-Trends weltweit

Das Ableben Loriots hat auch Niederschlag im World Wide Web gefunden: So fanden sich eine Stunde nach Bekanntwerden des Todes des Humoristen die Begriffe "Loriot" und "Vicco von Bülow" unter den Top 10 der Twitter-Trends weltweit, was Meldungen im Sekundentakt auf der Kurznachrichten-Plattform bedeutete. Neben Trauerbekundungen fanden sich unzählige Zitate des Satirikers und Zeichners aus seinen TV-Sketchen und Comics ebenso wie Links zu YouTube-Videos. Teils wurden sogar die Profilfotos der User entsprechend angepasst, sodass statt einer normalen Aufnahme eine Mops-Zeichnung Loriots als Erinnerung neben der Nachricht zu sehen war. Auch bei Amazon.de hatte die Todesnachricht erste Folgen: So stieg etwa die DVD-Box "Vollständige Fernsehedition" mit Loriot-Sketchen von Platz 277 auf Platz 18 der DVD-Verkaufsstarts.


INFO: Der ORF zeigt in memoriam Vicco von Bülow am kommendem Sonntag, 28. August, um 14.25 Uhr in ORF 2 Loriots erstem Kinofilm "Ödipussi". Tags zuvor widmet sich das Ö1-"Hörbild" um 9.05 Uhr dem Satiriker. Auf dem Programm steht dabei das Feature "Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos".

(apa,dpa / reis, tem) Erstellt am
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