Kultur
06.04.2017

Weiße Pille gegen Leichtgläubigkeit

Klaus Pichler beschäftigt sich in einer sehenswerten Serie mit den Phänomenen der Esoterik.

Der Wiener Fotograf Klaus Pichler ist bekannt für ausufernde Recherchen. Für sein Beislbuch "Golden days before they end", verbrachte er schlanke vier Jahre damit, immer wieder in Wiens Absturzlokalen Stammgäste zu fotografieren. Heraus kam ein dichtes Zeugnis einer untergehenden Kultur des Wiener Tschecherantentums. Im Sommer 2016 legte er die Serie in Buchform vor und wurde international gefeiert.

Parallel dazu erforschte er die Welt der Esoterik. Besuchte Messen, Internetforen und probierte sich im angewandten Glauben an die Dinge, die man zwar nicht beweisen, aber dafür umso teurer erstehen kann. Die Serie "This will change your life forever" (deutsch: "Das wird Ihr Leben für immer ändern") zeigt ein Sammelsurium an Gerätschaften, Mittelchen und oft schlichtem Nichts – alles gegen bares Geld erhältlich.

Pichler hat sich für die Serie selbst fotografiert, wie er einen "Orgon-Radionik"-Apparat aufhat, dessen Aufbau offenkundig absurd ist: Ein Helm voller Kupferstangen, gesteuert mit einem Bergkristall: "Die Energie kommt über die Kupferspitzen in den Kopf und man hat mit dem Bergkristall eine Fernbedienung, mit der man das Ganze feintunen kann."

Den Helm baute Pichler nach, andere Produkte bestellte er und schickte sie nach einer Fotografie wieder zurück. Etwa Liebesglobuli für 39 Euro. Oder einen "informierten" Dreifachstecker um schlanke 285 Euro. "Regulärer Mehrfachstecker mit Metallsticker", steht lapidar in der Bildbeschreibung.

Pichler gruppiert seine Esoterikerfahrungen ohne großen Kommentar fotografisch nebeneinander – der Betrachter fliegt irgendwann selbst aus der inhaltlichen Kurve: Dafür zahlen andere wirklich Geld?

Defizitabdeckung

Pichler glaubt, dass Esoterik immer ein Defizit bei den Nutzern erfüllt. Als leichtgläubige Deppen will er die Kunden aber nicht darstellen. "Spiritualität ist etwas Menschliches, es ist notwendig, dass man sich mit Fragen beschäftigt, die man nicht klären kann. Letztenendes sind die ja auch Motor für viele philosophische Gedanken." Aber muss das alles Geld kosten? Hier wird der Fotograf merklich kritischer: Die kapitalistische Verwertungslogik kommentiert Pichler in seiner Arbeit durchaus pointiert, indem er neben seltsamen Gerätschaften, Tabletten oder einem lila Sackerl mit sprichwörtlicher Luft drin einfach die Preise stellt. "Hier wird Spiritualität in einem sehr offensiven Rahmen ausgebeutet", sagt Pichler. Diese Erkenntnis kam dem gebürtigen Steirer nach einer privaten Erfahrung: "Ich habe zwei Freunde an diese Szene und diese Denkweisen verloren. Ich wollte darüber mehr wissen, weil ich es nicht verstanden habe."

Was war seine Lieblingsentdeckung aus der Welt der Esoterik? "Schüssler-Salze gegen Leichtgläubigkeit", grinst Pichler und lässt den Satz erst einmal sacken, bevor sein Gegenüber zu lachen beginnt: "Das ist einfach großartig und über sieben Ecken gedacht."

"This will change your life forever": Ausstellungseröffnung um 19 Uhr heute, Donnerstag (6. April), in der Galerie Anzenberger, Absberggasse 27. Das Buch erscheint im Juni.