Maria Bill als Florence Foster Jenkins, die schrecklichste und unerschrockenste Opernsängerin der Welt – Handkuss vom Pianisten (Till Firit).

© APA/HERBERT PFARRHOFER

Klamauk mit "Madame Flo", der Opernschreckschraube

Klamauk mit "Madame Flo", der Opernschreckschraube

Florence Foster Jenkins traf keinen Ton. In "Glorious!" im Volkstheater wird die Dilettantin mit den Engelsflügeln zur Lachnummer. Ein Missverständnis.

von Werner Rosenberger

09/30/2013, 05:37 PM

Keine konnte so gekonnt falsch singen. Jeder Ton kein Treffer. Florence Foster Jenkins hatte null Talent, aber als Erbin eines Industriellenvermögens viel Geld. So viel, dass die exzentrische Millionärin zum Gaudium ihres Publikums etwa die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“ öffentlich zum Gotterbarmen massakrierte.

Ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein und die Freude am Singen hatten sie ein Leben lang beflügelt. In „Glorious!“ vom englischen Dramatiker Peter Quilter (Regie: Michael Schottenberg) im Volkstheater kommt nach 25 Minuten der erste falsche Ton. Um im Sprachbild zu bleiben: mit dem vollen Brustton der Überzeugung und maßloser Selbstüberschätzung hingeschmettert.

Szenenbilder aus dem Volkstheater

Maria Bill berserkert als berühmteste Schreckschraube der Operngeschichte wie auf Speed in permanenter Outrage über die Bühne, vergewaltigt mit Hingabe u.a. die „Glöckchenarie“ aus Delibes’ „Lakmé“, dass es einem die Zehennägel aufrollt.

Man kann sagen: This is America! Von allem ein bisschen „too much“. Oder das Klischee: Zu viel von allem, vor allem Tralala und Glitzer an Bussi-Bussi-Matronen mit Schoßhündchendekor.

Gänzlich unbegabt

Auf der Bühne steht eine überzeichnete Madame Flo, die Mörderin des hohen C, die zur Karikatur der Karikatur stilisiert wird. Ronald Kuste bleibt als erfolgloser Schauspieler St. Clair Bayfield ebenso blässlich wie Inge Maux als schrullige Jenkins-Freundin Dorothy mit halb totem Hund.

Ein mexikanisches Hausmädchen (Judith Aguilar) kippt den Aberwitz mit zusätzlichen Gags und viel Türenknallen vollends ins Groteske. Nach der Pause meuchelt die Bill im Ballsaal des Hotels Ritz-Carlton (Ausstattung: Hans Kudlich) den Walzer „Clavelitos“.

Die Schlussszene in der von der Diva gemieteten Carnegie Hall zeigt sie adjustiert mit Engelsflügeln. Zweifellos war Florrie das Komischste, was je das Licht eines Bühnenscheinwerfers erblickt hat.

Im Volkstheater zeigt sich ein grundlegendes Missverständnis bei der in ihrer Naivität geradezu rührenden Geschichte: Die skurrile Traumtänzerin wird nicht ernst genommen, wie vom Regisseur vorab angekündigt, sondern der Lächerlichkeit preisgegeben. Zur Witzfigur gestempelt.

Aber Madam Flo – ein zerrissenes, bedauernswertes Geschöpf mit Seele – und ihr Begleiter am Klavier Cosme McMoon – sympathisch: Till Firit – waren Menschen mit Gefühlen und vor allem einer großen Liebe zur Musik.

Dieser von grenzenloser Selbstüberschätzung, hoffnungslosem Untalent und rührender Unfähigkeit zur Selbstkritik gezeichneten Frau muss man gerecht werden, wollte man daraus keine Klamotte machen.

Aber Mrs. Jenkins hat es uns vorgeführt: Manchmal liegt im grandiosen Scheitern der große Erfolg. Warum nicht auch im Volkstheater.

Unfreiwillige Komik

Stück

Glorious!“ von Peter Quilter erzählt die Geschichte der schlechtesten und schillerndsten Sängerin der Operngeschichte.

Besetzung

Maria Bill darf als Florence Foster Jenkins viel falsch singen. In der Regie von Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg wird die unfreiwillig komische „Mörderin des hohen C“ zur Witzfigur gestempelt.

KURIER-Wertung:

Die schlechteste Sängerin aller Zeiten

Sie war reich, sehr reich sogar. Und sie liebte die Musik. Über alle Maßen. Im Alter von 76 Jahren trat sie dann dort auf, wo sie immer hinwollte, in der New Yorker Carnegie Hall. Florence Foster-Jenkins gilt als die schlechteste Sängerin aller Zeiten; ihre Darbietungen erlangten Kultstatus – und haben ihn bis heute.

Geboren wurde Foster-Jenkins 1868 in Philadelphia; der Vater war Industrieller. Ein angestrebtes Musikstudium wurde ihr verweigert. Sie heiratete den Arzt Frank Thornton Jenkins, die Ehe wurde aber bald geschieden. Nach dem Tod ihres Vaters schwamm Florence Foster-Jenkins in Geld, von nun an nahm sie am Musikleben Philadelphias Teil, gründete und finanzierte den „Verdi-Club“ und widmete sich ganz ihrer Gesangskarriere.

Ihr erstes Konzert gab sie 1912, bald verbreitete sich ihr Ruf als „schlechteste Sängerin aller Zeiten“. Das aber machte Foster-Jenkins zum Star, zum Kult. Bei einem Foster-Jenkins-Konzert musste „man“ dabei gewesen sein. Sei es, um die Interpretin auszulachen oder auszupfeifen.

Exaltierte Diva

Foster-Jenkins war das egal. Sie lebte ihren Traum von Singen und verhielt sich wie eine exaltierte Diva. Berühmt wurden ihre Konzerte im Ritz-Carlton-Hotel in New York City. Viele Jahre unerschütterlich an ihrer Seite: Pianist Cosmé McMoon, der nicht nach den Noten, sondern den von Foster-Jenkins mehr oder weniger per Zufall produzierten Tönen spielte.

1944 gab sie dem öffentlichen Druck nach einem großen Gala-Konzert nach – das legendäre, bis auf den letzten Platz ausverkaufte Konzert in der Carnegie Hall. Auf dem Schwarzmarkt wurden Unsummen für die Karten geboten. Ein Kritiker schrieb: Foster-Jenkins habe sich „nicht von den Absichten der Komponisten einschüchtern lassen“. Nur einen Monat später war Foster-Jenkins mit 76 tot.

Was bleibt, sind ihre Aufnahmen (auf CD und YouTube) und eines ihrer Bonmots: „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“ Dieser Satz steht auf ihrem Grabstein.

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